In der Grundschule habe er keine einzige Lektion Wirtschaft und Recht absolviert, sagt Beat W. Zemp. «Ein Skandal», findet der Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH rückblickend.

Mit dem Lehrplan 21 soll sich das nun ändern. «Wirtschaftskunde ist heute eine Leitwissenschaft wie einst die Ingenieurswissenschaft», sagt Kathrin Schmocker, Co-Projektleiterin des Lehrplans 21. Um den Entwicklungen in der Gesellschaft zu entsprechen, sieht der Entwurf des Lehrplans vor, wirtschaftliche Themen wie Geld, Konjunktur oder Bankenwesen im Unterricht der Volkschulen zu verankern. Der Lehrplan fürs 21. Jahrhundert wird von den 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantonen getragen. Die Einführung erfolgt frühestens im Jahr 2014.

Kein eigenständiges Fach

Auch wenn die eigentliche Erarbeitung des Lehrplans erst im Herbst kommenden Jahres beginnt, scheint klar: Die Wirtschaftswissenschaften in der Schweiz werden weiterhin kein eigenständiges Fach im Stundenplan bilden. Das Konzept sieht vielmehr vor, wirtschaftliche Themen im Rahmen des Fachbereichs «Natur, Mensch, Gesellschaft» zusammen mit Arbeit und Haushalt abzuhandeln.

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«Wirtschaft ist ein überfachliches Thema», erklärt Anton Schwingruber, Luzerner Regierungsrat und Präsident der Steuergruppe Lehrplan 21, die beschlossene Fächerkombination. Mathematik erfordere ebenso wie das Thema Umweltschutz die Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge. «Man kann nicht für jedes gesellschaftliche Anliegen ein separates Fach schaffen», betont Beat Zemp. Aber man könne die Trends in den bestehenden Fächern berücksichtigen: Man spricht im Unterricht etwa über das Thema Budget, weil immer mehr Jugendliche ihre Telefonrechnung nicht bezahlen können.

Konkrete Vorgaben fehlen

Hansjörg Brunner, Geschäftsführer der Ernst-Schmidheiny-Stiftung, bezweifelt, ob es dem Lehrplan 21 wirklich gelingen wird, Schülerinnen und Schüler für die Anliegen der Wirtschaft zu sensibilisieren. «Die Botschaft höre ich, allein der Glaube fehlt», sagt Brunner, dessen Stiftung sich seit 1974 für die Stärkung des Wirtschaftsunterrichts vor allem an Mittelschulen engagiert.

Das «Mischmasch-Fach» halte er nicht für den richtigen Weg, um wirtschaftliche Themen zu vermitteln, sagt Brunner. Der Lehrplan stelle es den Lehrern frei, Themenschwerpunkte selbst zu setzen. Brunner fordert konkrete Vorgaben, damit Wirtschaftsinhalte nicht auch im Lehrplan 21 ins Abseits gedrängt werden.

Einen gewichtigen Grund für die bisherige Vernachlässigung des Wirtschaftsunterrichts an Grundschulen sehen Experten in oftmals mangelnder Qualifikation der Lehrpersonen. «Vielen Lehrern fehlt das Verständnis für grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge», konstatiert Hansjörg Brunner. Deshalb sei Wirtschaftsfeindlichkeit im Lehrkörper weit verbreitet. Sie nehme jedoch ab, stellt Brunner erfreut fest. Zu verdanken ist das der zentralisierten Aus- und Weiterbildung, die in den meisten Kantonen seit einigen Jahren von den Pädagogischen Hochschulen angeboten wird.

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Etabliert an Gymnasien

Im Gegensatz zu Volksschulen sind die Wirtschaftsfächer an Schweizer Mittelschulen etabliert. Seit 1995 müssen Gymnasiasten etwa einen Grundlagenkurs besuchen, der ihnen die wirtschaftlichen Begriffe erläutert. Interessierte können sich zudem die Fachrichtung «Wirtschaft und Recht» vertiefen. Wie in Deutschland bleiben auch in der Schweiz die Unternehmen nicht untätig. Die Ernst-Schmidheiny-Stiftung beispielsweise organisiert regelmässig Wirtschaftswochen, an denen Führungskräfte aus der Praxis als Referenten auftreten. Nach Angaben der Stiftung haben bis heute über 90000 Maturanden teilgenommen.