Ernst & Young stellt die Dienstleistungen von 86 Ländergesellschaften, darunter auch der Schweiz, ab 1. Juli 2008 unter ein eigenes Führungsteam. «Mit diesem Schritt werden wir besser in der Lage sein, die Bedürfnisse unserer Kunden nahtlos mit einem erstklassigen Service zu erfüllen, und dies nicht nur in Europa, im Mittleren Osten, in Indien und in Afrika (EMEIA-Raum), sondern weltweit», begründet Peter Athanas, CEO von Ernst & Young, die interne Neustrukturierung.

Die Gesellschaften der neuen Region generierten 2007 mit 60000 Mitarbeitenden einen Umsatz von 11 Mrd Dollar. «Wir setzen einen Meilenstein, der für die Branche als Ganzes bedeutsam sein wird», betont Athanas weiter. Ernst & Young hebe sich damit von der Konkurrenz ab und werde zum global am stärksten integrierten Dienstleistungsanbieter.

Alle richten sich global aus

Das sehen die Mitbewerber in der Branche natürlich etwas anders. Der von Ernst & Young angekündigte Schritt sei weder überraschend noch revolutionär, relativiert Markus Neuhaus, CEO von PricewaterhouseCoopers (PwC) Schweiz. Bestätigt werde damit lediglich ein schon länger zu beobachtender Trend. «Wer sowohl auf lokaler als auch globaler Ebene Dienstleistungen anbieten kann, ist klar im Vorteil, und das Kundenpotenzial ist auch grösser», betont Neuhaus. Zudem sei eine starke Vernetzung einer weltweiten Prüfungs- und Beratungsgesellschaft für die internen Geschäfte und für die Kunden essenziell. Anderseits habe PwC mit der Bildung eines europäischen Netzwerks von 20 Firmen und ähnlichen strategischen und operativen Verzahnungen schon vor sechs Jahren den gleichen Schritt gemacht wie jetzt Ernst & Young.

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Auch bei KPMG wird organisatorisch schon länger auf globaler Ebene zwischen den einzelnen Ländergesellschaften eng kooperiert. CEO Hubert Achermann lässt keine Zweifel, dass künftig die Weichen noch deutlicher in Richtung Globalisierung gestellt werden sollen. «Wer globale Unternehmen zu seinen Kunden zählt, muss sicherstellen, dass er in sämtlichen Ländern auf die besten Ressourcen zurückgreifen kann», so Achermann. Mit Blick auf die «Big Four» der weltweit tätigen Wirtschaftsprüfer – also Ernst & Young, PwC, KPMG und Deloitte – sagt er: «Alle bieten schon heute einen möglichst globalen Service an.» KPMG etwa führt bereits seit 1999 in der EMEIA-Region 105 Ländergesellschaften unter einheitlicher Struktur. Anderseits weist Achermann auf die vielen nationalen Gesetze und Regelungen hin, die einer umfassenderen internen Integration der Wirtschaftsprüfer noch immer klare Grenzen setzten.

Branchenprimus KPMG

Bis jetzt war es praktisch unmöglich, über die Ländergesellschaften hinweg die Wirtschaftsprüfungsunternehmen wirklich zu fusionieren. Erst mit der sogenannten EU-Richtlinie Nr. 8 wird dafür nun das regulatorische Umfeld zumindest für die entsprechenden europäischen Länder geschaffen, in der Schweiz ganz ähnlich mit dem Revisionsaufsichtsgesetz. KPMG nutzt dies, um jetzt als Erste in der Branche die Ländergesellschaften der Schweiz, Deutschlands und Grossbritanniens unter das Dach einer Holding zu bringen.

Ernst & Young behält sich ähnliche Schritte vor. Der für die globale Leitung verantwortliche Präsident und CEO Jim Turley jedenfalls will die EU-Richtlinien für die Umsetzung der Globalisierungspläne künftig nutzen. Ausgedeutscht könnte das zwar heissen, dass auch Ernst & Young früher oder später gewisse Ländergesellschaften fusionieren wird. Eine solche Interpretation wird allerdings von einem Sprecher des Unternehmens entschieden dementiert.

Wenig bis keine Bedeutung misst den Globalisierungsschritten der Wirtschaftsprüfer der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse bei. Thomas Pletscher, Leiter Wettbewerb und Regulatorisches, erklärt dazu: «Es handelt sich letztlich lediglich um firmeninterne Umstrukturierungen, und dazu geben wir grundsätzlich keine Kommentare ab.»