Die Alarmglocken läuten. «Die Versicherungsprämien für die Berufshaftpflicht-Versicherung sind massiv gestiegen. Für die Branche und die Kunden kann das zur existenziellen Herausforderung werden», sagt Peter Athanas, CEO der Revisionsgesellschat Ernst & Young in der Schweiz. Einzelne Revisionsfirmen hätten sogar Mühe, eine Versicherung zu finden, die die Risiken im Falle einer Haftungsklage übernimmt. Auch Rudolf Häfeli, CEO von BDO Visura, weiss ein Lied zu singen: «Die Prämien steigen kontinuierlich an.» Schlimmer noch: Die Zürich versichere Haftpflichtrisiken für grössere Treuhandgesellschaften teilweise gar nicht mehr. Beim Konkurrenten KPMG will man sich nicht ganz so pointiert äussern: «Die Prämien sind nicht unbeträchlich gestiegen», sagt aber auch KPMG-Sprecher Stefan Mathys.
Die Zahl jener Versicherungen, die den Bereich überhaupt noch anbieten, sei klein geworden, sagen Branchenkenner. Chubb zum Beispiel - eine der weltweit führenden Versicherungen - hat zumindest in der Schweiz von Anfang an die Finger von diesem Geschäft gelassen. «In diesem Segment ist es sehr schwierig, Geld zu verdienen», heisst es bei Chubb. Je grösser und internationaler die Revisionsgesellschaft sei, desto grösser auch das Risiko bei einem Haftungsfall.
Und Letztere gibt es in der Schweiz zur Genüge: «Die Schweiz liegt weit vorn, was die Zahl der Haftungsfälle angeht», bestätigen die beiden Revisionsgesellschaften KPMG und Ernst & Young. Man spricht sogar davon, dass sie in der Weltrangliste direkt nach den angelsächsischen Ländern auftaucht. Der Grund: Die Revisionsstelle wird, wie der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung, als Organ angesehen und haftet solidarisch (siehe Kasten) - die Kläger wissen, wo viel Geld zu holen ist. «Wenn irgendwo im Geschäftsbericht ein Problem auftaucht, muss die Revisionsgesellschaft immer dran glauben», sagt Pascal Schweingruber, Leiter des Bereichs Special Risks des Versicherungsbrokers Kessler & Co. in Zürich. Zudem sind in der Schweiz viele grosse internationale Unternehmen angesiedelt, was mit ein Grund sein dürfte für die vielen Haftungsfälle.
*Arbeitsgruppe solls richten*
Zu den Kosten, die eine solche Berufshaftpflicht-Versicherung verursacht, schweigen sich die Revisionsfirmen aus. Häfeli von BDO Visura sagt nur so viel: «Personalkosten und Miete sind die weitaus grössten Kostenblöcke einer Revisionsgesellschaft.» Dann kommt lange nichts - bis vor kurzem zumindest. Häfeli: «In den vergangenen Jahren sind die Kosten für die Haftpflichtversicherung schleichend gestiegen und näher an die beiden Kostentreiber Personal und Miete herangerückt.»
Die Situation hat sich derart zugespitzt, dass unter Federführung der Treuhandkammer eine Arbeitsgruppe gegründet wurde, die sich dem Problem annehmen soll - die führenden Revisionsgesellschaften sind mit von der Partie. In der Woche vor Weihnachten hat die erste Sitzung stattgefunden, wie Häfeli bestätigt. Die Arbeitsgruppe will das Problem der Haftungsfrage im Rahmen der Neuregelung der Revisionsaufsicht thematisieren, die demnächst ins eidgenössische Parlament kommt.
Für Athanas ist klar: «Die Prüfungsbranche steht zu ihrer Verantwortung. Aber die heutige Praxis macht die Wirtschaftsprüfer zur Zielscheibe für Klagen, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben.» Kommt hinzu, dass viele Fälle gar nicht bekannt werden: «Sie werden durch Vergleiche geregelt, wo absolutes Stillschweigen abgemacht wird», sagt Albert Guntli, der Kommunikationsverantwortliche der Treuhandkammer.
*«Risikobewusster geworden»*
Bei den Versicherungen gibt man sich bedeckt zu den Tendenzen, die von den Revisionsgesellschaften beklagt werden: «Die Forderungen nehmen zu», bestätigt zwar Daniel Hofmann, Kommunikationschef der Zürich. Diese Versicherung gehört mit der Winterthur und der Allianz Suisse zu den Marktführern in diesem Geschäft. Hofmann relativiert aber: «Wir sind in den letzten Jahren in allen Bereichen risikobewusster geworden.» Und bei der Winterthur heisst es: «Bei einzelnen grossen Revisionsunternehmen wurde die Prämie dem Schadensverlauf entsprechend angepasst.»
Nur Barbara König von Allianz Suisse sagt es deutlicher: «In einzelnen Fällen verlangen wir sehr hohe Prämien, wenn das Risiko dementsprechend gross ist.» Dass bei steigenden Prämien beim einen oder anderen Revisionsunternehmen dessen Schmerzgrenze überschritten wird, ist nahe liegend.

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