Deutschland und Frankreich heute um 18 Uhr: Leergefegte Strassen, volle Fanmeilen und Kneipen beiderseits des Rheins. Doch was machen die Fussballanhänger, die um die Zeit arbeiten müssen? Glück haben die Beschäftigten des VW-Stammwerks in Wolfsburg, denn der Autobauer lässt wegen des Viertelfinalspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich gleich die komplette Spätschicht ausfallen. Andere Arbeitgeber sind da nicht so locker. Für Daimler als Hauptsponsor von Joachim Löws Kader geht der Profit erstmal vor. Schichten würden nicht verkürzt, sagte ein Sprecher.

Allenfalls am Montag will das Management überlegen, ob für das Halbfinale der Schichtplan geändert wird. So war es schon bei der Europameisterschaft 2012. «Jetzt sehen wir erstmal, ob die Burschen gewinnen», ergänzte der Sprecher. Kanzlerin Angela Merkel, die gerne nach der Partie die verschwitzten Sportler in der Umkleidekabine aufsucht, ist da optimistischer. «Sie wünscht sich, dass die Mannschaft gewinnt - egal wie», richtete Regierungssprecher Steffen Seibert aus. Merkel wird das Spiel allerdings vor dem Fernseher und nicht live im legendären Maracaná-Stadion in Rio de Janeiro sehen.

Kein Pardon be BASF

In den meisten Büros dürften bis zum Anpfiff für das Achtelfinale die Schotten dicht sein, ein Grossteil der Angestellten in Deutschland verfügt über Gleitzeit und kann sich rechtzeitig auf den Weg vor den Bildschirm machen. Doch in den Werkshallen mit Schichtbetrieb reicht der Umgang der Unternehmen mit ihrer Belegschaft von milde bis streng.

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Während in den Siemens-Werken jeder Standort mit Schichtbetrieb selbst entscheidet, gibt es andernorts kein Pardon. Vor allem die Prozessindustrie kann Hochöfen oder Chemieanlagen nicht einfach stilllegen. Kein Pardon gibt etwa BASF. «Grundsätzlich ist es den Mitarbeitern nicht gestattet, während der Arbeitszeit Fussball per TV oder Internet zu schauen. Dies ist unter anderem aus Sicherheitsgründen nicht möglich», erklärte ein Firmensprecher. Allenfalls in den Pausen dürften die Mitarbeiter ausnahmsweise mal im Internet nachschauen, wie es steht.

Fabriken können nicht einfach die Produktion stoppen

Ähnlich streng geht es bei Wacker Chemie zu. «Einen 'Sonderurlaub Viertelfinale' gibt es bei uns nicht. Wir fahren die Produktion 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche und können die Schichtpläne nicht einfach umwerfen oder eine Schicht ausfallen lassen.» Auch ThyssenKrupp will die Hochöfen nicht kalt werden lassen. Die Produktion könne nicht einfach angehalten werden. Die Kollegen hätten aber die Möglichkeit, untereinander Schichten zu tauschen.

Ähnlich hält es die Deutsche Post und Bayer. Der Pharmariese stellt in Pausenbereichen allerdings Fernseher auf, damit die Beschäftigten bei Gelegenheit einen Blick auf die Kicker werfen können. Diesen Mittelweg geht auch der Chiphersteller Infineon. In den Kantinen der Produktionswerke werden Bildschirme aufgestellt, auf denen während der Pausen die Mitarbeiter dem Sportspektakel folgen können.

Carrefour im WM-Fieber

Ein besonderer Fall ist der deutsch-französisch-spanische Flugzeugbauer Airbus. Am Hauptstandort in Toulouse arbeiten 2000 Deutsche neben 13'000 Franzosen. Überall sind Fernseher aufgehängt, aber es ist kein spezielles Event geplant. Zum Anpfiff um 18 Uhr werden die meisten Mitarbeiter in den Gasthäusern des Flughafenvororts Blagnac erwartet. Der Chef der Passagierflugzeug-Sparte, Fabrice Bregier, ist ein eingefleischter Fussballfan. Um das Spiel sehen zu können, änderte er eigens seine Flugroute auf dem Weg nach China. Er legt am Nachmittag einen Zwischenstopp in Paris ein, um die Equipe Tricolore aus der Ferne anzufeuern.

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Die französische Supermarktkette Carrefour macht als einer der Hauptsponsoren der heimischen Nationalmannschaft ein richtiges Spektakel aus der Begegnung. Alle Beschäftigten der Zentrale sind eingeladen, die Partie auf einer riesigen Leinwand zu verfolgen. In den Filialen machen sich die Beschäftigten fesch: In La Ville du Bois südlich von Paris malen sich die Kassiererinnen die Nationalfarben blau-weiss-rot ins Gesicht. In den Personalräumen wird das Match übertragen, damit auch sie während der Pausen sehen können, wer letztlich ins Halbfinale einzieht.

(reuters/gku)