Die vielen guten Quartalsresultate der Banken in den letzten Monaten haben wieder für Zuversicht gesorgt. Allen voran profitierten die grossen, international tätigen Finanzinstitute von günstigen Notenbankzinsen, hohen Prämien für die Bereitstellung von Marktliquidität, dem Marktaustritt einiger Konkurrenten und der Erholung an den Finanzmärkten.

Grossbanken spielen auf Zeit

Eine weitere Hilfe ist, dass die Buchhaltungsregeln derart geändert wurden, dass die «toxischen Papiere» nicht mehr zum Marktwert abgeschrieben werden müssen. «Die Papiere werden verfallen und für neue Verluste sorgen», sagt Mike Bär, Gründer von Baer Capital Partners. Diese Verluste dürften im nächsten und übernächsten Jahr anfallen. Die Institute spielten im Moment vor allem auf Zeit. «Es geht den Banken nicht so gut, wie man uns gerne glauben macht.»

Mit dieser Verschnaufpause haben sie immerhin Zeit gewonnen, um gewisse Reserven zu bilden und sich auf die nächsten Belastungen vorzubereiten. So befürchtet IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, dass erst die Hälfte der durch die Finanzkrise bei Banken entstandenen Verluste offengelegt wurden. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Banken weitere 1,5 Billionen Dollar an Abschreibungen vornehmen müssen.

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Die Geldnöte des Emirats Dubai haben einen Vorgeschmack darauf geliefert, wo die Verluste auftreten: Betroffen werden vor allem die Kreditbücher der Banken sein. UBS-Finanzchef John Cryan hatte schon vor Monaten an einer Investorenkonferenz gewarnt, dass die drohenden Kreditausfälle der Banken allgemein unterschätzt werden.

Im Vergleich zu anderen Instituten haben die beiden Schweizer Grossbanken bisher relativ wenig Rückstellungen für Kredite getätigt (siehe «Nachgefragt»). Dies hängt damit zusammen, dass UBS und Credit Suisse fast die Hälfte ihres Kreditportfolios in der Schweiz halten, wo die Ausfälle nicht so hoch sein dürften wie in vielen anderen Ländern. Denn in der Schweiz ist die Zahlungsmoral relativ gut und die Schweizer Banken haben aus der Immobilienkrise der 90er-Jahre gelernt. In den letzten Jahren waren die Institute in der Schweiz restriktiver in der Kreditvergabe als andere.

Entscheidend für die tatsächliche Höhe der Kreditausfälle wird sein, wie sich die Wirtschaft jetzt in den nächsten Monaten weiter entwickelt. Ungünstig für die Kapitalsituation der Banken wäre es, wenn sie die grossen Wertberichtigungen auf den Krediten genau dann vornehmen müssten, wenn die Finanzmärkte schwach sind.

Vorerst kein neues Kapital

Die Frage bleibt, welche Risiken immer noch in den Bilanzen schlummern. Wie die Krise gezeigt hat, können Verluste das Kapital rasch schmelzen lassen. Die Ratingagentur S&P hat nun eine neue Kapitalratio kreiert, die im Vergleich zu den üblichen Kennzahlen Hybridkapital nicht vollständig anrechnet und die Risikopositionen stärker gewichtet (siehe unten). Sie kommt zur Einschätzung, dass viele Banken - darunter die UBS - schwach kapitalisiert sind.

Analysten rechnen aber nicht damit, dass eine der beiden Schweizer Grossbanken noch Kapitalbedarf hat. In Studien gehört die Credit Suisse jeweils zum vorderen Feld in Sachen Kapitalstärke. Aber auch bei der UBS gehen die Analysten der Bank Vontobel davon aus, dass die Bank nicht auf frisches Kapital angewiesen ist, sondern über die nächsten drei Jahre Gewinne von rund 24 Mrd Fr. einbehalten dürfte, um das Tier-1-Kapital zu erhöhen.

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NACHGEFRAGT

Peter Jeggli, Partner Independent Credit View

«Die Reserven sind ungenügend»

Wo schlummern jetzt noch die grössten Risiken für UBS und Credit Suisse?

Peter Jeggli: Die Risikopositionen der Grossbanken haben deutlich abgenommen. Ein Grossteil der toxischen Papiere wurde verkauft oder ausgelagert. Jetzt stellen die Kreditportfolios und das Zinsniveau das grösste Risiko für die Banken dar.

Was bedeutet dies für die beiden Grossbanken?

Jeggli: Die Kreditportfolios von UBS und Credit Suisse sind im Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme relativ klein. Bei der Credit Suisse macht das Kreditportfolio 23%, bei der UBS 21% aus. Damit sind potenzielle Verluste begrenzt. Die Risikovorsorge bleibt jedoch nach wie vor ungenügend. Die Reserven betragen je weniger als 1% und liegen damit deutlich unter dem Branchenschnitt.

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Reicht das Kapital, wenn sich die Wirtschaft noch abschwächen sollte?

Jeggli: Die Bonität von UBS und Credit Suisse ist im internationalen Vergleich gut. In unserer Analyse von über 20 Banken belegen sie Ränge im oberen Drittel. Wir erwarten, dass die Kapitalbasis auch bei einer weiteren Wirtschaftsabschwächung ausreichend ist. Zurzeit wird in der EU-Komission diskutiert, dass Eigenbestände im Handelsbuch mit mehr Eigenmitteln unterlegt werden müssen. Damit steigt der Druck auf die Kapitalbasis erneut.

Schätzt der Markt die Lage der Banken derzeit zu optimistisch ein?

Jeggli: Aufgrund der noch nie da gewesenen hohen Gewinne im Fixed-Income-Geschäft fanden die meisten Banken 2009 sehr schnell wieder in die Gewinnzone zurück. Wir rechnen aber mit einem anhaltend hohen Rückstellungsbedarf bis Mitte/Ende 2010. Die Lage der Banken bleibt angespannt.

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