Die Meldung kam überraschend: Cay Sophie Rabinowitz, die neue künstlerische Leiterin der Art Basel, ist Ende April bereits wieder zurückgetreten. Gründe dafür wurden ebenso wenig genannt wie ein Nachfolger. Die New Yorker Kuratorin hatte im Januar 2008 zusammen mit Marc Spiegler, zuständig für Strategie und Entwicklung, und Annette Schönholzer, zuständig für Organisation und Finanzen, die Nachfolge des langjährigen Messedirektors Samuel Keller angetreten. Dass der Rücktritt Auswirkungen auf die diesjährige Art Basel haben wird, ist wenig wahrscheinlich. Der professionell organisierte Anlass hat sich über viele Jahre hinweg einen ausgezeichneten Namen aufgebaut, der nicht so leicht zu erschüttern sein dürfte. Das aktuelle Ausstellungsprogramm hört sich auf jeden Fall vielversprechend an.

Der Messeplatz wird auch in diesem Jahr zur Bühne für Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Zehn Arbeiten von international bekannten Künstlern wie Dan Graham, Luca Vitone, Isa Genzken, Roxy Paine, Thomas Baumann, Conrad Shawcross, Subodh Gupta, Sol LeWitt, Tobias Rehberger und Ugo Rondinone werden installiert. Diese «Public Art Projects» bieten keine traditionelle Skulpturenausstellung, sondern Interventionen im urbanen Raum. Die Kunstwerke treten in direkten Kontakt mit dem Betrachter und greifen in den Alltag der Passanten auf bald poetische, bald überraschende Weise ein. Zugleich loten sie die Grenzen zwischen Kunst und Leben aus.

Plattform für Monumentales

Weitere grossformatige Werke wie Wandmalereien, Video-Projektionen, Skulpturen, Installationen, Fotoserien und Performances sind in der «Art Unlimited»-Halle zu sehen. 70 Künstlerinnen und Künstler aus 23 Ländern wurden dafür aus einer Rekordzahl von 215 Bewerbungen ausgewählt. Gezeigt werden spannende und monumentale Kunstprojekte, wie sie in dieser Form sonst an keiner anderen Kunstmesse zu sehen sind, da sie den üblichen Ausstellungsrahmen sprengen. Viele der gezeigten Arbeiten wurden speziell für diese Plattform geschaffen. Neben Künstlern wie Carl Andre, Anthony Caro, Hamish Fulton, Michelangelo Pistoletto und Tom Wesselmann, deren Karrieren in den 60er und 70er Jahren begonnen haben, sind dieses Jahr auch viele Arbeiten von jungen und kaum bekannten Künstlern vertreten.

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Seit 2003 hat der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn (Stephen Friedman Gallery, London) sein Heimatland aus politischen Gründen mit Ausstellungen boykottiert. Nun zeigt er erstmals bei «Art Unlimited» die monumentale Arbeit «Hotel Democracy». Sie besteht aus einem übergrossen Modell eines Hotels mit 44 Zimmern. Die Wände der einzelnen Zimmer sind mit Fotografien zugepflastert, die der Künstler in Zeitungen und Zeitschriften gefunden hat und die Szenen von Menschen zeigen, die für die Demokratie kämpfen.

Fast 10 m lang ist die monumentale Arbeit «Still Life # 61» des amerikanischen Altmeisters der Pop-Art Tom Wesselmann (Yvon Lambert, Paris/New York) aus dem Jahr 1976. Vier Leinwände zeigen eine Gruppe von Alltagsobjekten auf einem Nachttisch. Es ist eine der wenigen Arbeiten von dieser Grösse, die Wesselmann realisiert hat. Der Amerikaner transformiert in dieser Arbeit das klassische Genre des Stilllebens zur Grösse der zeitgenössischen Billboards.

«Vigie» (2002–2007) nennt der französische Künstler Fabrice Gygi (Galerie Chantal Crousel, Paris) den 12 m hohen Turm, an dem eine Kabine auf und ab fährt. Diese monumentale Installation überwacht nicht nur das Kommen und Gehen der Besucher, sondern ist zugleich auch ein Monument der staatlichen Autorität und erinnert an eine militärische Überwachungsanlage.

Der fünfminütige Stummfilm «Torqued Chandelier Release» (2004) des Kanadiers Rodney Graham (Lisson Gallery, London) basiert auf einem wissenschaftlichen Experiment, das Isaac Newton durchgeführt hat, um seine Theorie der Bewegung zu illustrieren. Newton hatte einen mit Wasser gefüllten Eimer mit einem Seil hochgezogen und dann fallen gelassen. In Grahams Arbeit wird der Eimer durch einen Kristallleuchter ersetzt. Den ganzen Vorgang hat Graham in doppelter Geschwindigkeit aufgenommen. Dadurch entsteht ein hypnotischer Film, der auf den Betrachter zugleich verführerisch und desorientierend wirkt.

100 rechteckige Betonblöcke, aufgereiht in 10 Reihen, beinhaltet die minimalistische Arbeit «Lament for the Children» (1975/1996) von Carl Andre (Paula Cooper Gallery, New York). Die Installation wurde 1975 aus Anlass der Eröffnungsausstellung Rooms des P.S.1 Contemporary Art Center (New York) auf einem benachbarten Kinderspielplatz aufgestellt, der nicht mehr genutzt wurde. Im Laufe der Jahre wurde die Arbeit sukzessiv zerstört und schliesslich anlässlich einer Ausstellung von Carl Andre im Kunstmuseum Wolfsberg (1996) neu hergestellt. Die düstere Stimmung der Arbeit erinnert etwas an einen Friedhof mit Grabsteinen. Die Arbeit «Fieldwork 4» hat Mark Dion (Tanya Bonakdar, New York) für seine Einzelausstellung im letzten Jahr im Natural History Museum in London geschaffen. Sie fiel zusammen mit dem 300. Geburtstag des schwedischen Naturwissenschaftlers und Systematikers Carl von Linne. Sie präsentiert sich als eine mobile Forschungsstation, eine multimediale Installation mit wissenschaftlichen Geräten, gesammelten Tieren und Objekten, welche Mark Dion und ein Team der Londoner Environment Agency am Ufer der Themse gefunden haben. Damit will Dion Carl von Linnes wissenschaftliche Methode der Katalogisierung in einem pseudowissenschaftlichen Ansatz fortführen und die Fauna und Flora Londons systematisch erfassen.

Rekordzahl an Bewerbungen

Neu wird in der «Art-Unlimited»-Halle ein Zentrum eingerichtet, um den Dialog zwischen Besuchern und Fachleuten zu fördern. Am Morgen finden hier die «Art Basel Conversations» statt, am Nachmittag die «Art Lobby». Das Zentrum beinhaltet zudem eine Video-Lounge, einen Buchladen sowie die Sonderausstellung von Zeitschriften, die von Künstlern gestaltet worden sind. Der Spezialsektor «Art Statements», der in die «Art-Unlimited»-Halle integriert ist, wird dieses Jahr von 26 auf 31Einzelausstellungen junger Kunstschaffender aus 19 Ländern erweitert. Auch hier ging eine Rekordzahl von über 290 Bewerbungen ein. «Art Statements» fördert seit mehr als zehn Jahren junge Künstler mit dieser speziellen Plattform, welche ihnen bei Kuratoren, Sammlern und Kunstkritikern weitreichende internationale Beachtung verschafft.

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