Seit bald einem halben Jahr führen Sie als Präsident GS1 Schweiz. Wo steht die Organisation heute?

Wolfgang Winter: GS1 Schweiz verfügt über ein eingespieltes Team, ist funktionstüchtig und in der Lage, gute Dienstleistung für unsere Mitglieder zu erbringen. Der Zusammenschluss der drei ehemaligen Verbände ist abgeschlossen. Die Organe aus SGL, EAN und ECR sind in eine Matrix verschmolzen, aus der sie professionell agieren.

Also kein Optimierungsbedarf?

Winter: Das ist damit nicht gesagt. Wir werden uns sicher laufend den verändernden Bedingungen anpassen müssen. GS1 ist ja nicht zuletzt das Kompetenzzentrum für Effizienz- und Effektivitätssteigerung und ist schon deshalb verpflichtet, auch die eigenen Prozesse immer wieder kritisch zu überprüfen.

Konkret?

Winter: Unter der Leitung von CEO Nicolas Florin haben wir den Änderungsprozess initiiert. Die Organisationsstruktur wurde angepasst. In einem nächsten Schritt werden die Kompetenzbereiche GS1 System, ECR und Logistics ausgebaut. Jeder Kompetenzbereich verfügt über die sieben Leistungsbereiche Standardisation, Collaboration, Information, Learning, Support, Events und Network. Wir sind bestrebt unseren Mitgliedern alles aus einer Hand zu bieten. Das ganze GS1-Team ist nun auch gefordert, seinen Bekanntheitsgrad zu steigern und die immer wichtiger werdende Rolle, Bedeutung und Verantwortung wahrzunehmen, die ihm als Verband in seinen Kompetenz-Segmenten zukommt.

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Die Rahmenbedingungen für mehr Effizienz und Effektivität sind aber nicht besonders gut: Teilweise immer noch hochpreisige Märkte, geringe Skaleneffekte, konzentrierte Märkte, geringe Collaboration, wachsende Konkurrenz von aussen …

Winter: Je mehr und je stärker das GS1 System genutzt wird, desto höher wird auch der Standardisierungseffekt, desto stärker profitieren alle vom Skaleneffekt und damit von Kostenvorteilen. Wenn dieses Zusammenspiel zwischen Mitgliedern, Branchen und dem System funktioniert, partizipieren alle Beteiligten vom Erfolg. Damit werden sich auch die Rahmenbedingungen verbessern.

Wird sich das innert nützlicher Frist einstellen?

Winter: Wie gesagt, durch den Einsatz der GS1-Standards konnten bereits viele Unternehmen den gewünschten Erfolg erzielen. Sicher gibt es Optimierungsbedarf. Aber die Basis muss zuerst gelegt werden. Die GS1-Standards bilden ganz klar die grundlegenden Bausteine der Zusammenarbeit zwischen Handel, Industrie und Logistikdienstleister entlang der Wertschöpfungskette.

Und wo harzt es noch?

Winter: Wenn ich daran denke, wie viele Unternehmen, insbesondere bei den KMU, durch den Einsatz der von Standards noch profitieren könnten, muss ich ganz klar sagen, dass wir quantitativ noch viel Potenzial haben. Auch angesichts der Tatsache, dass unsere Wirtschaft exportorientiert ist, kommen wir langfristig nicht daran vorbei, international anerkannte Standards und Normen einzusetzen.

Internationalisierung der Wirtschaft hin oder her: Wenn ich an Coop und Migros denke, habe ich oft den Eindruck, dass diese dank ihrer Nachfragemacht in einzelnen Teilmärkten immer noch eigenen Insellösungen den Vorzug geben.

Winter: Coop und Migros verfügen natürlich national in einigen Teilbereichen über eine grosse Marktabdeckung. Aber auch wir agieren national. So gesehen geben uns die beiden Grossverteiler wichtige Indikatoren, wie sich der nationale Markt entwickelt. Ein Nachteil ist sicherlich, dass dort, wo die beiden über eigene Standardvorgaben verfügen, die Kooperationspartner nur bedingt profitieren können. Ich bin aber der Meinung, dass dies nur in Ausnahmefällen vorkommt.

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Was macht Sie so sicher?

Winter: Coop als auch Migros setzen ganz klar die GS1-Standards um. Sei das nun am POS oder bei der Warenanlieferung, den Einlagerungen, der Fillialkommissionierung oder bei der elektronischen Bestellabwicklung und Rechnungsstellung. Coop geht sogar noch einen Schritt weiter. Der Stammdatenaustausch mit seinen Lieferanten erfolgt über den von GDSN-zertifizierten Datenpool «Datenpool Schweiz». Ich teile also nicht Ihre Aussage, dass die beiden sogenannten Insellösungen den Vorzug geben.

Aus reiner Liebe arbeiten Migros und Coop sicher nicht mit GS1 zusammen.

Winter: Kaum. Wir haben etwas zu bieten. Vergessen Sie nicht, dass Migros und Coop bei der Beschaffung in internationalen Märkten agieren. Es ist also in ihrem eigenen Interesse, weltweite Systeme, Standards und Normen zu übernehmen. Die Anwendungsbereiche sind branchenübergreifend und tauglich für offene Einsatzgebiete über die gesamte logistische Kette. Denken sie da nur an die Möglichkeit der Rückverfolgbarkeit bis auf die kleinste Einheit. Das ist nicht nur im Interesse von Coop und Migros und deren Lieferanten, sondern auch im Interesse der Konsumenten und erfolgt sicher nicht aus reiner Liebe zu GS1.

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Ein Blick auf die Mitgliederstruktur zeigt, dass GS1 stark in der Konsumgüterindustrie vertreten ist. Ist das ein Vor- oder eher ein Nachteil?

Winter: Diese Feststellung ist richtig, trifft aber nicht mehr ganz zu, denn GS1 ist ein Wirtschaftsverband, der alle Branchen anspricht. Unsere Mitglieder kommen inzwischen aus unterschiedlichsten Branchen.

Um von Skalierungseffekten profitieren zu können, werden Sie nicht darum herumkommen, dass die GS1-Standards in zusätzlichen Branchen angewendet werden.

Winter: Das ist richtig. Nehmen wir zum Beispiel die Pharmabranche. Sie ist stark, weist eine internationale Vernetzung auf und ist auf Standards angewiesen. Hier sehen wir ein sehr grosses Potenzial. Durchgängige, konstante Tracking- und Tracing-Systeme müssen nur schon aus Haftungsgründen gegeben sein. Das fliesst stark ins Riskmanagement mit ein. Hier können wir Prozesse mitentwickeln, unsere Standards implementieren und unser Wissen einbringen.

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Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Winter: Ja. Ein aktuelles Projekt ist Smartlog. Bei deren Arbeit stehen neben der Identifikation die automatisierte Datenerfassung und der gesicherte Informationsaustausch zwischen den beteiligten Partnern und den zuständigen Behörden und die Patientensicherheit im Fokus. Das Projekt ist weltweit einmalig und wird daher auch von internationalen Gremien und von GS1 mit Interesse verfolgt.

Was kann GS1 übrigens den KMU bieten?

Winter: Wir können bei der Implementierung helfen. Das fehlende Know-how ist oft die Knacknuss, und nicht die vermeintlich hohen Investitionskosten. Unsere Organisation verfügt über Spezialisten mit hohem Fachwissen aus den Bereichen GS1 System, ECR und Logistics. Dank unserer Vernetzung steht uns auch ein nationales und internationales Know-how-Pool zur Verfügung.

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Können Sie die Befürchtungen der KMU nachvollziehen, dass mit GS1 ein grosser Aufwand auf sie zukommt?

Winter: Absolut. Aber Sie müssen auch sehen, dass wir hier nicht über Gewerbebetriebe reden, sondern über industrielle KMU, von denen wir sehr viele in der Schweiz haben. Der Wille, Veränderungen anzugehen und Standards in die Praxis umzusetzen, ist bei vielen vorhanden, das kann ich immer wieder einzelnen Gesprächen entnehmen. Denn unabhängig von der Grösse, ob im nationalen oder internationalen Umfeld tätig, unsere KMU sind auf Standards angewiesen, um weiterhin wettbewerbsfähig zu sein.

Was tun Sie also?

Winter: Wir werden aktiver auf dieses Kunden- respektive Mitgliedersegment zugehen und sie darüber informieren, dass es auch einfache Implementierungs- und Anwendungsinstrumente gibt. Ein klarer Fokus liegt dabei auf der praktischen Hilfe bei der Umsetzung des GS1 System.

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Das heisst?

Winter: Wir müssen noch mehr Stärke in die Umsetzung legen, näher an den Markt herangehen. Wir müssen uns stärker als Dienstleistungsunternehmen verstehen und wahrgenommen werden. Wir sind doch schliesslich keine Verwalter von Nummern. Wir pflegen kein System, sondern wollen es aktiv nach aussen tragen, Mittel und Wege aufzeigen, wie es genutzt werden kann. Ganz im Sinne der GS1-Philosophie.

Eine grundsätzliche Herausforderung ist die Dynamisierung der technologischen Entwicklung, was zu verkürzten Entwicklungszyklen führt. Standards können so von neuen Technologien verdrängt werden. Wie schätzen Sie diese Gefahr ein?

Winter: Nicht sehr gross, denn jede Technologie braucht entsprechende Standards. Ein Standard ist doch das Ergebnis einer Vereinheitlichung von Technik, Produkten, Abläufen etc., die innerhalb eines Unternehmens oder einer Branche, national oder international, vereinbart wurde. Standards bedeuten, im Gegensatz zur Norm, dass sie sich im Laufe der Jahre durch die Praxis vieler Anwender und verschiedener Hersteller als technisch nützlich und richtig erwiesen haben. Standardisierung bezeichnet den Prozess der Vereinheitlichung.

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Haben Sie ein aktuelles Beispiel?

Winter: Die Radiofrequenztechnologie oder kurz RF-Technologie. Wenn die Radiofrequenztechnologie zum Zweck der Identifikation eingesetzt wird, sprechen wir von RFID. Wenn dann noch Dateninhalte und Struktur festgelegt werden, damit keine bilateralen Absprachen zwischen den beteiligten Partnern mehr getroffen werden müssen, kommt ein Standard zum Einsatz. In unserem Beispiel der EPC-Standard. Wenn also von RFID/EPC die Rede ist, meint man die radiofrequente Identifikation auf der Basis von EPC, dem Standard der GS1-Gemeinschaft. Sie sehen also: Wenn sich eine Technik durchsetzen will, braucht sie Standards.

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Steckbrief

Name: Wolfgang Winter
Funktion: Präsident GS1 Schweiz, Geschäftsführer PostLogistics AG
Jahrgang: 1956
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Ausbildung: Verkaufsleiter, Speditionsleiter, HSG-Nachdiplomstudium

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Karriere

1983–1986 Dreier AG, Suhr
1986–1989 Bertschi AG, Dürrenäsch
1989–1993 Von Moos Stahl AG, Luzern
1993–1999 Panlog AG
1999–2005 Direktor, Usego AG
Seit Januar 2006 Geschäftsleitung der Schweizer Post, PostLogistics
Seit Mai 2007 Präsident GS1 Schweiz

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GS1 Schweiz

Kompetenzzentrum
Die Non-Profit- Organisation GS1 Schweiz (www.gs1.ch) bezeichnet sich als das Kompetenzzentrum der Wirtschaft für Verbesserungen der Demand- und Supply- Chain-Prozesse bei Handel, Industrie und Dienstleistern. GS1 steht für «One Global Standard». Zu den Aufgaben zählen die Verbreitung und Förderung der Anwendung von einheitlichen Standards und Prozessen, die Bereitstellung und Vermittlung von unterstützenden Systemen, die Abstimmung in nationalen und internationalen Netzwerken, die Bereitstellung von Informationen. Die Standards werden heute in 129 Ländern eingesetzt.

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