Sie sind sehr unerwartet bei Swiss Life eingestiegen, als es dem Konzern schlecht ging. Fühlen Sie sich als Retter?

Herbert Haas:: Nein, denn Retter sein heisst, Sie helfen jemanden aus einer Situation, aus der er selber nicht mehr herausfindet. Swiss Life hätte dies auch ohne unser Engagement geschafft. Deswegen fühle ich mich nicht als Retter.

Die Aktionäre hatten Swiss Life vor Ihrem Einstieg massiv abgestraft; sie erwarteten den Befreiungsschlag, der von Ihnen kam.

Haas: Es stimmt, die Situation bei Swiss Life war verfahren. Mit unserer Hilfe wurden die Probleme vielleicht etwas schneller gelöst.

Also doch eine Rettung?

Haas: Nein, Swiss Life ist ein professionell und gut geführtes Unternehmen, das seine Probleme sehr gut selber lösen kann.

Warum der Einstieg bei Swiss Life?

Haas: Zum einen ist Swiss Life durch die Akquisition von AWD und die Beteiligung an MLP bei uns in Deutschland in die Schlagzeilen geraten. Beide Finanzvertriebe sind für uns wichtige Partner. Durch den Einstieg bei Swiss Life ergab sich für uns die Gelegenheit, die Verbindungen zu AWD und MLP abzusichern. Zudem haben sich im Laufe der Gespräche mit Swiss Life neue Kooperationsmöglichkeiten eröffnet.

Welche?

Haas: Zunächst Synergien im Backoffice-Bereich. Muss beispielsweise jede Versicherung ihre eigene Software entwickeln? Zudem können Talanx und Swiss Life gemeinsam Produkte entwickeln und neue Märkte erschliessen.

Sie sind bei rund 71 Fr. bei Swiss Life eingestiegen. Einen guten Monat später lag die Aktie bei über 90 Fr. Zumindest bisher ist das ein gutes Investment.

Haas: Ich will nicht verhehlen, dass wir mit der Entwicklung der Aktie sehr zufrieden sind. Wir sind überzeugt, dass die Swiss-Life-Aktie zu stark abgestraft worden ist. Ausserdem war zum Zeitpunkt unseres Einstiegs die Befürchtung gross, es könnte ein feindliches Übernahmeangebot auf den Tisch flattern. Man darf nicht vergessen, dass Swiss Life, als der Aktienkurs seinen Tiefpunkt erreicht hatte, nur noch 1,2 Mrd Euro wert war. Zieht man die Beteiligung an AWD und MLP ab, dann wäre der Rest des Geschäfts sehr wenig wert gewesen. Das war unvorstellbar.

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Das tönt schon fast nach einem philanthropischen Motiv. Das kann ich Ihnen nicht abnehmen.

Haas: Natürlich haben wir aus eigenem Interesse gehandelt. Der Zugang zu AWD und das erfolgreiche Finanzinvestment sind keine philanthropischen Beweggründe, sondern unternehmerische.

Sie wollten mit Ihrem Engagement eine feindliche Übernahme der Swiss Life stoppen - konkret durch Carsten Maschmeyer?

Haas: An diese Beweggründe glaube ich nicht. Und auch wir haben der Swiss Life immer zu erkennen gegeben, dass wir überhaupt kein Interesse an einer Übernahme von Swiss Life haben. Eine Beteiligung von knapp 10% genügt uns.

Aber eine spätere Übernahme schliessen Sie nicht aus?

Haas: Doch. Wir sind wie gesagt am Zugang zu AWD interessiert sowie an stärkeren Kooperationsmöglichkeiten.

Wer hat Ihnen den Zugang zu Swiss Life verschafft?

Haas: Die erste Kontaktnahme fand auf Anregung von Swiss Life im November statt. Bei den Gesprächen waren immer auch AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und sein Co-CEO Manfred Behrens dabei, denn es ging um den AWD-Zugang und um die MLP-Beteiligung.

Ging die Initiative von Maschmeyer aus?

Haas: Die Idee kam meines Wissens von Maschmeyer, doch hat er das sicher nicht getan, ohne sich vorher mit Rolf Dörig abzusprechen.

Hat es bezüglich Swiss Life mit Herrn Maschmeyer Absprachen gegeben?

Haas: Da gibt es keinerlei Absprachen. Maschmeyer ist genauso Swiss-Life-Aktionär wie die Talanx.

Also keine Ambitionen, aus der Swiss Life eine German Life zu schmieden?

Haas: Nein, überhaupt nicht. Da bestehen überhaupt keine derartigen Pläne. Solche Gerüchte sind in jederlei Hinsicht haltlos.

Maschmeyer hat gleichwohl heimlich das MLP-Aktienpaket zusammengekauft und Swiss Life angeboten mit dem Ziel, den grössten Finanzvertrieb zu schaffen. Das hat nicht geklappt. Hat Maschmeyer seinen Traum nun wirklich begraben?

Haas: Welche Träume Maschmeyer noch hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Nur sind Finanzvertriebe sehr sensible und flüchtige Assets. Wenn man verschiedene Vertriebe zu einem grossen zusammenfügen will, dann kann dies nur auf einer freundschaftlichen Basis geschehen. Es braucht die Bereitschaft von allen Seiten, das gemeinsam zu gestalten. Die Berater und Teams können von einem Moment auf den anderen weg sein, den Arbeitgeber wechseln oder sich selbstständig machen.

Sie sind also bezüglich des grossen Finanzvertriebs skeptisch?

Haas: Ja. Alle Vertriebe haben ihre eigene Identität. Ob sie diese freiwillig aufgeben wollen, davon bin ich nicht so überzeugt.

Wie der Fall MLP zeigt ?

Haas: Da scheint es tatsächlich nicht optimal gelaufen zu sein. Wäre die Talanx ein börsennotiertes Unternehmen, wären auch wir unangenehm berührt, wenn plötzlich jemand auftaucht und sagt, wir besitzen 25% der Aktien und wollen Euch übernehmen. Das kam für MLP doch sehr überraschend.

Wollen Sie in den Swiss-Life-Verwaltungsrat?

Haas: Nein.

Warum nicht?

Haas: Wir werden von Swiss Life wie die anderen institutionellen Anleger betreut. Dafür brauche ich keinen Sitz im Verwaltungsrat. Zudem würde ich mich auch schwer tun, wenn die Talanx börsennotiert wäre und ein anderer grosser Versicherer im Aufsichtsrat sässe.

AWD kommt seit ihrer Integration bei Swiss Life nicht auf Touren. Der Gewinn ist eingebrochen, Turbulenzen beim Personal, noch keine Synergien mit den Schweizern. Was läuft schief?

Haas: Das ist nicht nur bei AWD so, sondern bei allen anderen Finanzvertrieben auch. Gute Aussendienstmitarbeiter sind sehr umworben. Auch wir haben Schwierigkeiten, unsere Talente zu behalten. Da findet in der Branche ein Umbruch statt, nicht zuletzt wegen eines sich ändernden regulatorischen Umfelds. Alle sind dabei, ihre Kosten zu senken und sich mit den besten Leuten zu positionieren. Das sorgt für viel Unruhe in der Branche.

Die Finanzkrise wirkt sich angesichts der niedrigen Zinsen und des Risikos der Kreditausfälle stark auf die Anlagen der Lebensversicherer aus. Wie schätzen Sie das Risiko für Swiss Life ein?

Haas: Darunter hat nicht nur die Swiss Life zu leiden, sondern alle Lebensversicherer. Doch das Obligationen-Portefeuille der Swiss Life ist gut geratet, sodass ich recht zuversichtlich bin. Das Problem ist, dass der Markt zurzeit selbst für wirklich gute Bonds illiquid ist. Sogar für einige Staatsanleihen findet sich schwer ein Sekundärmarkt.

Also keine Gefahr?

Haas: Es besteht ein Risiko, dass wir in ein Japan-Szenario mit langfristig niedrigen Zinsen geraten.

Wie ist Ihre Prognose?

Haas: Es ist wirklich sehr schwer, eine Vorhersage zu treffen. Doch wir gehen davon aus, dass wir kein lang anhaltendes Niedrigzinsniveau haben werden, sondern dass früher oder später die Zinsen wieder steigen. Die Frage ist nur, wie schnell.

Wovon gehen Sie aus?

Haas: Wir gehen von einem moderaten Zinsanstieg aus, weil wir glauben, dass die Notenbanken die Liquidität, die sie in die Märkte gepumpt haben, rasch wieder abschöpfen, damit die Inflationsgefahr moderat bleibt. Dennoch haben wir uns gegen Niedrigzinsszenarien abgesichert, sodass wir weiter ruhig schlafen können.

Gilt das auch für Swiss Life?

Haas: Nach meiner Einschätzung sind die Risiken auch für Swiss Life absolut beherrschbar.

Wie sehen Sie die Zukunft des Leben-Markts?

Haas: Sobald sich die Unsicherheiten in den Finanzmärkten gelegt haben, werden die Lebensversicherungen wieder an Attraktivität gewinnen. Momentan ist das Neugeschäft sehr schwierig. Gerade in unsicheren Zeiten wollen sich nicht viele mit einer langfristigen Geldanlage binden. Nach dem Ende der Krise geht es wieder aufwärts.

Was bringt Sie zu dieser Annahme?

Haas: Wir sehen in allen Staaten einen Trend weg von der staatlichen Vorsorge hin zur privaten. Das hat auch mit der demografischen Entwicklung zu, wonach die Staaten gar nicht mehr in der Lage sein werden, die Renten all ihrer Bürger auf dem heutigen Niveau zu halten. Und wenn ich zudem sehe, dass die Durchdringung vieler europäischer Länder, insbesondere Deutschlands, mit Lebensversicherungen unterdurchschnittlich ist, dann bin ich für das künftige Wachstum zuversichtlich.

Wie will sich Talanx entwickeln?

Haas: Wir sind in Mittel- und Osteuropa aktiv, haben in Polen, der Ukraine, Rumänien und der Türkei zugekauft. Der zweite wichtige Markt für uns ist Lateinamerika, wo wir in Chile und Mexiko Akquisitionen vorgenommen haben. Da könnten wir uns vorstellen, Swiss Life mit an Bord zu nehmen.

Wie sieht das konkret aus?

Haas: Wir können neue Leben-Produkte kreieren, die unter dem eigenen oder einem gemeinsamen Namen laufen. Der Name Swiss Life hat einen exzellenten Ruf, das kann uns helfen.

Welches ist Ihr Ziel für Talanx?

Haas: Wir möchten gerne 50% der Prämien im Ausland erwirtschaften. Noch sind wir zu sehr vom im Kompositgeschäft saturierten deutschen Markt abhängig. Deswegen die aktive Expansion ins Ausland. Zudem möchten wir zu den fünf profitabelsten Versicherern Europas gehören.

Haben Sie das schon erreicht?

Haas: Bislang erst einmal in den letzten fünf Jahren. Doch das soll sich ändern.