Die Ankündigung sorgte für Aufsehen: Vor einer Woche unterzeichneten zwölf Grossunternehmen eine Absichtserklärung für ein Projekt, um Strom in der Sahara zu gewinnen und nach Europa zu transportieren. In den nächsten drei Jahren wird dessen Machbarkeit abgeklärt, 2050 sollen 15% des europäischen Stroms aus der Wüste stammen. Mit dabei unter der illustren Firmenschar ist die ABB. Nicht dabei hingegen sind sämtliche grossen Schweizer Stromversorger.

Warum stellen sich die Schweizer Stromer quer? Immerhin sind zwei ihrer deutschen Konkurrenten - RWE und E.on - Teil der Desertec Industrial Initiative. Bisher zeigten sich die Schweizer Stromfirmen in Sachen Auslandengagements abenteuerlustig, etwa mit umstrittenen Investitionen in Gas- und Kohlekraftwerke in Deutschland und Italien.

Dennoch: Trotz des positiven Images der Sonnenenergie bleibt der Wüstenstrom in der Schweiz vorderhand ein Phantom. «Desertec ist für uns noch zu weit weg», sagt Antonio Sommavilla, Mediensprecher der BKW. Dabei läge das Projekt für die BKW eigentlich recht nahe: Die an Desertec beteiligte deutsche E.on besitzt 21% von BKW. Doch Kontakt mit den Desertec-Verantwortlichen hatte die BKW noch keinen. «Wir konzentrieren uns auf Projekte in der Schweiz, Italien und Deutschland, wo sich unsere Kunden befinden», so Sommavilla.

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Gefahr der Abhängigkeit

«Abwarten» heisst die Devise auch bei anderen Schweizer Stromriesen. Marktführer Alpiq verfolgt das Thema zwar mit Interesse, wie Mediensprecher Andreas Werz sagt. Doch Kontakt zu den Desertec-Verantwortlichen hatte das Unternehmen bisher ebenfalls nicht. Ein Einstieg kommt für Alpiq vorerst nicht in Frage: «Desertec ist kein Projekt, sondern ein Konzept, das erst am Anfang einer dreijährigen Machbarkeitsstudie steht», sagt Werz. Ähnlich klingt es bei der Axpo, der Nummer zwei im Markt. Axpo wolle auf Kapazitäten im Inland setzen, sagt Mediensprecherin Anahid Rickmann. Desertec hingegen schaffe neue Abhängigkeiten vom Ausland, was unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit problematisch sei. Für BKW, Alpiq und Axpo ist das Vorhaben also noch allerfernste Zukunftsmusik. Ihnen daraus einen Vorwurf zu machen, wie das in der Schweiz etwa Greenpeace tut, ist allerdings nicht fair. Fragt man nämlich bei den an Desertec beteiligten deutschen Stromversorgern an, schlägt einem dort alles andere als wilde Begeisterung entgegen. Jan-Peter Schwartz, Sprecher von RWE, erzählt von einem Genehmigungsverfahren für eine Stromleitung in Österreich, das 24 Jahre dauerte. Wie die für den Stromtransport nötigen Leitungen quer durch Europa gebaut werden sollen, sei angesichts solcher Hindernisse eine völlig offene Frage.

Euphoriebremse

Schwartz erinnert auch an die politische Instabilität in den Ländern Nordafrikas und die immer noch enormen Kosten des Solarstroms. «Da muss ich manchmal die Euphorie schon etwas bremsen», sagt Schwartz.