Die Schweizer Schuhindustrie boomt - wenn es nach den Exportzahlen geht. Innert zehn Jahren haben sich die Schuhexporte laut Zahlen der Eidg. Zollverwaltung (EZV) auf rund 324 Millionen Franken mehr als verdoppelt. Allein im August zogen die Exporte um 20,6 Prozent an. Doch die Statistik trügt. Die Schweizer Schuhindustrie blühte einst: Noch vor rund 100 Jahren arbeiteten 8463 Personen in den hiesigen Schuhfabriken. Doch dann läuteten billigere Schuhe aus dem Ausland den Niedergang zahlreicher inländischer Hersteller ein. Heute gibt es in der Schweizer Schuhindustrie laut Zahlen des Bundesamtes für Statistik noch 586 Beschäftigte.

Dennoch scheint es, als habe die Schweizer Schuhindustrie in den letzten zehn Jahren eine Renaissance erlebt. Zumindest was die Verkäufe im Ausland angeht. 2004 exportierte die Schweiz Schuhe im Wert von 159 Millionen Franken. Inzwischen sind es mehr als doppelt so viel.

Nur noch Nischenanbieter

Tatsächlich gibt es in der Schweiz noch einige Nischenanbieter, die auch im Ausland erfolgreich Schuhe verkaufen. Ein Beispiel dafür ist Künzli, eine auch für ihre Gesundheitsschuhe bekannte Traditionsfirma im aargauischen Windisch. Künzli startet nach einem verlorenen Markenstreit um die charakteristischen fünf Streifen auf ihren Sneakers nun mit fünf quadratischen «Klötzli» erneut im Ausland durch.

Dennoch können Exportzuwächse von Nischenanbietern alleine das gesamte Ausfuhrplus nicht erklären. Denn sogar nach dem Frankenschock stiegen die Ausfuhren weiter an. Von Januar bis Juli wurden 33,4 Prozent mehr Schuhe als im Vorjahr exportiert.

Bei Fretz Men, dem grössten verbliebenen Schuhhersteller, kann man sich darauf auf Anfrage keinen Reim machen. Im Gegenteil habe die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Unternehmen einen empfindlichen Dämpfer erhalten, erklärt Geschäftsführer Daniel Omlin.

Es geht um Rücksendungen

Ein Blick in die Zusammensetzung der Exporte verrät, dass die steigenden Exportzahlen und die geschwächte Wettbewerbsfähigkeit nicht im Widerspruch stehen: Denn ein massgeblicher Teil der exportierten Schuhe stammt gar nicht von Schweizer Schuhherstellern. Es handelt sich dabei um Retouren - also Schuhe, die erst bestellt und dann wieder zurückgeschickt wurden.

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Die Zollverwaltung zählt diese Rücksendungen aus Effizienzgründen zu den Exporten, wie Matthias Pfammatter, Fachspezialist beim EZV, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda erklärt. Werden Waren in die Schweiz geliefert, ist nämlich noch nicht klar, ob die Waren wieder zurückgesendet werden. Über den gesamten Warenverkehr machen die Rücksendungen nur einen Bruchteil aus. Nahrungsmittel oder Maschinen werden verhältnismässig selten zurückgeschickt. Anders sieht es aber bei Schuhen und Kleidern aus, die oft genug nicht sitzen oder schlicht einfach nicht gefallen.

Seit 2011 explodiert

Seit dem Start des Zalando-Onlineshops Ende 2011 schossen die Rücksendungen und damit die Exporte in die Höhe. Zwischen 2010 und 2012 legten die Schuhausfuhren gemäss Statistik um 78 Millionen Franken zu. Allein im vergangenen Jahr wurden Schuhe im Wert von 95 Millionen Franken zuerst importiert und dann wieder zurückgeschickt. Das sind fast 30 Prozent der Schuhexporte. 2010 hatte der Anteil der Retouren noch 17,3 Prozent betragen.

Den Versandhandel aus dem Ausland gab es zwar schon vor Zalando. Auch gibt es weitere Händler, die sich heute von dem Versandgeschäft ein Stück des Kuchens abschneiden und damit die Retouren in die Höhe treiben. Der deutsche Kleiderriese aber wirbt explizit mit Gratis-Retouren. Laut aktuellen Angaben von Zalando wird die Hälfte aller über den Onlineshop verkauften Schuhe wieder zurückgeschickt.

Das gleiche Bild bei den Kleidern

Die wachsenden Schweizer Exporte sind daher weniger ein Zeichen für das Wachstum der hiesigen Schuhindustrie, sondern vielmehr ein Zeichen für den Erfolg des deutschen Onlinehandelsriesen: Je mehr Umsatz Zalando erzielt, umso höher fallen auch die Retouren aus - und umso höher die Exporte.

Derselbe Zalando-Effekt in der Exportstatistik zeigt auch bei den Kleidern. Nach zweistelligen Rückgangsraten bei den Exporten in den Vorjahren schwächte sich das Minus zwischen 2010 und 2011 markant ab. Doch auch hier plusterte in Wirklichkeit der Zalando-Effekt die Exporte künstlich auf. Inzwischen gehen über 37 Prozent der Bekleidungsexporte auf das Konto der Retouren.

(awp/gku)