Der Verband der Schweizer Private- Equity-Branche SECA hat jüngst eine Konferenz unter dem Titel «Das Comeback von Private Equity» durchgeführt. Ist das nicht etwas zu optimistisch?

Maurice Pedergnana: An diesem Anlass haben über 100 Vertreter der verschiedensten Marktteilnehmer teilgenommen; es finden wieder Transaktionen wie Börsengänge und Übernahmen statt. Eine gewisse Risikofreudigkeit ist zurück, allerdings nicht in der fast blinden Art und Weise, wie sie Private Equity in den Jahren 2006 und 2007 geprägt hat.

Die milliardenschweren Mega-Buyouts sind also definitiv Vergangenheit?

Pedergnana: Im Gegenteil, ich bin überzeugt, dass diese wieder zurückkehren - aber vielleicht erst in zehn Jahren. Ich sehe etwa eine enorme Kapitalanhäufung in China. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden dort gigantische Kapitalströme den Binnenmarkt verlassen und im Ausland nach Objekten suchen. Die Kapitalkraft eines grossen chinesischen Unternehmens übersteigt die Börsenkapitalisierung einer UBS um ein x-Faches.

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In fünf Jahren ist die UBS chinesisch?

Pedergnana: Vielleicht erst in zehn. Wo UBS wirklich wächst, ist in China. Das macht chinesische Milliardäre und Institutionelle sehr aufmerksam. Chinesische Übernahmen in der Schweiz sind absolut denkbar. In einer ersten Welle haben sich die Chinesen ja weltweit Rohstoffvorkommen gesichert. In Zukunft wird sich aber ihre Wirtschaft zunehmend auf höhere Wertschöpfungsstufen ausrichten - da werden etwa Schweizer Pharma-, Industrie- und Finanzunternehmen mit hoher Servicequalität und viel Know-how plötzlich interessant.

Und für die Private-Equity-Investoren bleiben nur die Brosamen übrig?

Pedergnana: Nein, weltweit sind immer noch 600 Mrd Fr. in Buyout-Fonds parkiert und warten auf Investitionsgelegenheiten. Der Markt der Small- und Mid-Buyouts steht zwar nicht so sehr im Rampenlicht, dafür ist er aber auch in der Krise nicht wirklich zusammengebrochen. Für Transaktionen sorgt hier etwa die biologisch unabwendbare Nachfolgefrage, etwa durch den Verkauf ans Management oder dann an andere Firmen. Der Eigenkapitalanteil ist bei solchen Deals übrigens stets recht hoch - gegenüber früher 30% ist der Anteil nun auf über 50% gestiegen.

Das hat wohl auch damit zu tun, dass sich die Banken mit Krediten zurückhielten. Gilt die Kreditklemme für Private Equity immer noch?

Pedergnana: Man darf nicht vergessen, dass die Marktkonditionen für Kredite bis Ende 2007 extrem gering waren. Auf einzelnen Transaktionen zahlte man 50 bis 70 Basispunkte als durchschnittliche Risikoprämie - das reizt zu einem hohen Leverage. Diese Summe hat sich dann in den letzten zwei Jahren teils vervielfacht. Jetzt sehen wir, dass die Konditionen langsam wieder günstiger werden. Aber sie sind immer noch deutlich entfernt von den Niveaus von 2007.

Aber auch die Übernahmepreise steigen wieder?

Pedergnana: Ja. Zudem ist zu beobachten, dass Portefeuilles von Private-Equity-Firmen, die in der Krise mit einem Abschlag von bis zu 60% auf den Markt geworfen wurden, jetzt beim Besitzer bleiben. Der wartet nun lieber, bis der Wert des Portefeuilles wieder steigt.

Es gibt also weniger notleidende Portefeuilles?

Pedergnana: Die Abschläge sind noch da, aber sie haben sich deutlich verringert. Für strategische Investoren ist dies eine grosse Chance: Der Versicherer Axa etwa hat während der Krise zu sehr günstigen Preisen Portefeuilles aufgekauft und ist so in Kürze zum grössten institutionellen Private-Equity-Investor Westeuropas aufgestiegen.

Allerdings hüten sich viele institutionelle Investoren seit der Krise davor, in Private Equity zu investieren ?

Pedergnana: ? dabei macht Private Equity aus der langfristigen, strategischen Anlageperspektive etwa einer Pensionskasse durchaus Sinn. Erstaunlicherweise haben sich die Kassen in der Krise einmal mehr prozyklisch verhalten - in den besten Zeiten für Zukäufe haben sie Private-Equity-Positionen verkauft.

Es gibt aber Kassen, die direkt in Private Equity investieren - der Fonds Renaissance KMU etwa investiert Pensionsgelder gezielt in Schweizer Firmen. Macht dieses Beispiel Schule?

Pedergnana: Aus einer langfristigen Sicht ergibt dies sehr viel Sinn. Ich bin überzeugt, dass eine Pensionskasse, welche die Interessen ihrer Destinatäre tatsächlich berücksichtigen will, die Diversifikation abseits von der Marktvolatilität der Börsen suchen sollte. Kommt hinzu, dass Investoren bei nicht kotierten Unternehmen gezielt und viel stärker in die Governance-Struktur eingreifen können. Die Auswüchse bei den Vergütungen, die wir bei Börsenunternehmen sehen, gibt es bei Private Equity praktisch nicht.

Doch die Investoren halten sich trotzdem zurück.

Pedergnana: Das Fundraising ist derzeit die grösste Herausforderung für Private Equity in der Schweiz, ja in ganz Europa. Zuerst wollen die Investoren wissen, ob die bestehenden Fonds jetzt in der Lage sind, ihre Renditeversprechen zu halten und ihre Portefeuilles zu bereinigen, bevor sie wieder neues Geld einschiessen. Damit einher geht die Entwicklung, dass Grossinvestoren nun Einfluss auf die Gebührenstruktur nehmen wollen. Eine dritte Herausforderung ist schliesslich, dass sich immer mehr Family Offices in der Schweiz niederlassen und direkt in Firmen investieren, statt auf einen Fondsmanager zuzugehen. Ich vermute, dass unter den Fondsmanagern in den nächsten zehn Jahren ein klarer Bereinigungsprozess stattfinden wird.

Wer überlebt?

Pedergnana: Es braucht eine minimale Grösse, um branchenübergreifend Chancen zu nutzen. Eine Existenzberechtigung haben auch die Nischenanbieter. Auf jeden Fall muss man entweder Performance, ein spezielles Netzwerk oder ein überragendes Know-how bieten können. Gelder ziehen gegenwärtig vorab Portefeuilles auf Mid-Buyouts, Turnaround-Situationen und potenzielle Börsenkandidaten an.

Ist demnach wieder vermehrt mit Börsengängen, mit IPO, zu rechnen?

Pedergnana: Die dominierende Transaktion in den letzten zwei Jahren war der Verkauf an industrielle Partner. Ich glaube deshalb, dass in den nächsten Jahren die Haupt-Exit-Strategie für Private Equity über M&A statt über Börsengänge laufen wird.

Dann bleiben Unternehmen wie Orior, das die Private-Equity-Gesellschaft Capvis kürzlich an die Börse verkauft hat, eine Ausnahme?

Pedergnana: In der Schweizer Unternehmenslandschaft sind derzeit 50 bis 80 unternehmerische Beteiligungen vorhanden, die grundsätzlich in eine Börsenkotierung münden könnten. Aus dieser Zahl rechne ich etwa mit zehn IPO in den nächsten zwei Jahren.

Und wie sieht es am anderen Ende des Unternehmenszyklus aus, bei Start-ups?

Pedergnana: Die ganze Start-up-Phase von Unternehmen kommt für institutionelle Investoren derzeit nicht in Frage. Niemand will mit Wagniskapital Geld verlieren. Das ist jedoch ein volkswirtschaftliches Problem: Denn den Start-up-Firmen vorgelagert sind die Hochschulen und Universitäten; in diesem Bereich findet der Technologietransfer statt. Wenn dort keine Mittel mehr vorhanden sind - wie soll die Wirtschaft mit innovativen jungen Unternehmen genährt werden?

Ihre Antwort?

Pedergnana: Wir haben ein Venture-Capital-Manifest vorbereitet. Wir verlangen vom Bundesrat eine klare innovationspolitische Strategie, welche die Innovation in Bereichen wie etwa Cleantech fördert, und das nicht nur an den Universitäten.

Darum kümmern sich doch schon staatliche Organisationen wie der KTI.

Pedergnana: Der KTI macht einen guten Job, wird nun aber verselbstständigt und muss mit einer grossen Zielsetzung und entsprechenden Mitteln ausgestattet werden. Wir schlagen deshalb die Form eines Swiss Investment Fonds vor: Dieser würde als Public Private Partnership funktionieren; auf 1 Fr. des Bundes kämen dabei 2 Fr. von privaten Investoren. Den Investment-Managern wäre es dann überlassen, gewinnbringende Investitionen und Opportunitäten in der Schweizer Wirtschaft ausfindig zu machen.

Der Steuerzahler soll einspringen, weil die privaten Investoren nicht mehr wollen?

Pedergnana: Mann muss wissen, dass 80% der Wagniskapitalgelder in Löhne fliessen - und die wiederum werden besteuert. Bei 6 Mrd Fr. Venture-Capital-Investments von privater Seite während der letzten zehn Jahre flossen - bereits vor der Gewinnbesteuerung so etwa 1 Mrd Fr. an den Staat zurück. 500 Mio Fr. oder die Hälfte davon könnten doch dann wieder für die Innovationsförderung genutzt werden.