Das Zürcher Löwenbräu-Areal ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt als Ballungsgebiet für zeitgenössisches Kunstgeschehen. Neben dem 1996 gegründeten Migros Museum für Gegenwartskunst befinden sich dort auch die Kunsthalle Zürich sowie die Galerien Eva Presenhuber, Hauser & Wirth, Bob von Orsouw und Peter Kilchmann. Seit 30 Jahren ist der Migros-Genossenschafts-Bund als Kunstsammler aktiv. Nach einer intensiven dreijährigen Sammlungsaufarbeitung präsentiert das Migros Museum in einer umfassenden Gesamtschau eine Auswahl seiner Sammlungswerke.

Mäzenatisches Engagement

Mit seiner Gründung 1996 schuf das Migros-Kulturprozent eine Institution, die heute internationales Ansehen geniesst. Sie will den Zugang zur Gegenwartskunst anhand von spezifischen Fragestellungen vermitteln und gleichzeitig ein Ausstellungsort für die unternehmerische Sammlung sein.

Die Idee des Migros-Kulturprozents geht auf den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler zurück. In seinem Sinn haben sich der Genossenschafts-Bund und die einzelnen Genossenschaften zu einem jährlichen Beitrag an das Kulturprozent verpflichtet. Der Beitrag wird auf der Grundlage des Umsatzes berechnet und auch bei rückläufigem Geschäftsgang ausgerichtet. Dieses aussergewöhnliche mäzenatische Engagement wurde 1957 in den Statuten der Migros verankert und garantiert die nötige Kontinuität.

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Eine der tragenden Säulen des Kulturprozents ist das Migros Museum für Gegenwartskunst, das sich als ein Zentrum aktueller Kunstproduktion versteht. Die Ankäufe für die Sammlung ergeben sich meist aus den Produktionen der Ausstellungen oder durch die direkte Zusammenarbeit mit den Künstlern. Der Fokus liegt nicht in erster Linie auf kunstmarkttauglichen Arbeiten. So wurden über die Jahrzehnte verschiedene grosse installative Werke angekauft – konservatorisch aufwendige Installationen, die sonst wenig Chancen hätten, erhalten zu bleiben.

Von 1978 bis heute wurde der Kernbestand der Sammlung mit rund 450 Werken angelegt. Sie sind nicht permanent zu sehen – vielmehr werden sie gemeinsam mit anderen zeitgenössischen Kunstpositionen im Rahmen von Ausstellungen gezeigt. Die Besucher erleben so die Sammlung im Dialog mit der jeweils aktuellen Kunstproduktion und können die zahlreichen Facetten stets wieder neu entdecken. Es gehört zum Konzept, die Sammlung immer wieder aus neuen thematischen Blickwinkeln zu betrachten und in ein lebendiges Umfeld einzubinden.

Für die aktuelle Ausstellung hat der österreichische Künstler Markus Schinwald, der die Schau zusammen mit Museumsdirektorin Heike Munder kuratiert hat, eine spezielle Ausstellungsarchitektur entworfen. In dieser flexiblen Präsentationsform verschmelzen Werke verschiedener Zeitperioden und unterschiedlicher konzeptueller Ausrichtungen miteinander und ermöglichen dem Betrachter neue und ungewohnte Blickwinkel.

Die ausgewählten Sammlungs-Highlights stehen für die unterschiedlichsten Sammlungsperioden – vom Minimalismus und konzeptuellen Arbeiten der 1960er und 1970er Jahre bis zu aktuellen Werken, die sich mit sozialpolitischen, performativen, glamourösen oder auch unheimlichen Strategien auseinandersetzen. Neuere Sammlungsankäufe stehen im Dialog mit Klassikern u. a. von Sol LeWitt, Alighiero Boetti, Carl Andre, Maurizio Cattelan oder John Baldessari.

Augenfällig sind einige im wahrsten Sinne des Wortes raumfüllende Installationen. Im Zentrum der oberen Ausstellungshalle steht ein knallgelber umgebauter Opel Commodore, Baujahr 1969. In seiner Installation «Bon Voyage Monsieur Ackermann» (1995) kommentiert Rirkrit Tiravanija eine globalisierte Kunstwelt, in der Künstler und Werk gleichermassen zu nomadischen Wesen werden. Die Fortbewegung des Autos wird, ähnlich einem Fahrtenschreiber, ständig mit drei fest installierten Videokameras aufgezeichnet. Auf drei Monitoren erlebt der Besucher die Fahrt als sich ständig wiederholendes Echtzeiterlebnis.

Von unheimlich bis versponnen

Bei Olaf Breunings «Hello Darkness» (2002), das sich auch als Kulisse für eine Geisterbahn eignen würde, steht in einem abgedunkelten Raum ein Holzsarg, in dem eine nackte weibliche Gummipuppe mit einer Axt in der Hand liegt. Ihr gegenüber sitzt ein Plastikskelett. Die beiden Figuren unterhalten sich mit verzerrten Stimmen, während eine Rauchmaschine das gruselige Ambiente im Halbdunkel noch verstärkt.

Einen eigenen Raum benötigt auch David Rengglis manisch wirkende Installation «You, can you recommend your Psychiatrist» von 2007: 1001 gerahmte Collagen, Zeichnungen und Malereien, die bis unter die Decke dicht an dicht gehängt sind. Der Raum erfährt so eine komplette Überladung mit Bildern – die scheinbar unendliche Anordnung bleibt für den Betrachter ungreifbar.