Bis vor kurzem war noch völlig klar, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im September mit einem neuen Zinsschritt an die Öffentlichkeit geht. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet kündigt eine Zinserhöhung jeweils mit dem Code an, dass die EZB «bezüglich der Inflation sehr wachsam» sei. Die Börsenturbulenzen haben die EZB nun aber dazu veranlasst, die Zinsen erst einmal unverändert zu lassen.

Die Experten sind geteilter Meinung, ob die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Zinsen ebenfalls unverändert lässt. Denn während in den USA der Aufschwung ins Stocken gerät, brummt in Europa und in der Schweiz die Konjunktur. Angesichts der unterschiedlichen Phasen im konjunkturellen Zyklus zwischen den USA und Europa ist damit zu rechnen, dass die Zinsen in der Eurozone mittelfristig steigen, selbst wenn sie in der nächsten Runde nicht erhöht werden.

Seit mehr als anderthalb Jahren hat die SNB Zielband für den Drei-Monats-Libor jedes Quartal um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Im Moment liegt die Mitte des Zielbandes bei 2,5%. Die Marktzinsen für den Drei-Monats-Libor liegen allerdings bei 2,9 %. Die Unsicherheit an den internationalen Kapitalmärkten hat die Zinsen also bereits in den obersten Bandbereich der SNB-Zielspanne steigen lassen. Selbst wenn die Nationalbank den Zielzinssatz um 0,25 Punkte auf 2,75% erhöht, liegen die Marktzinsen bereits heute über der Mitte des Zielbandes.

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Weitere Zinssteigerungen

«Käufer von Anleihen müssen mittelfristig mit weiteren Zinsschritten rechnen», erklärt Sandro Bächli, Investmentspezialist bei Clariden Leu. «Daher sollten Anleger mit Neuinvestitionen in Anleihen eher noch zuwarten.» Wer bereits Obligationen besitzt und sie bis zum Ende der Laufzeit halten will, kann die Entwicklung an den Märkten allerdings gelassen abwarten. Am Laufzeitende wird eine Obligation zu 100% ausbezahlt.

Vorsichtige Anleger, welche Anleihen kaufen und sie vor dem Laufzeitende verkaufen wollen, sollten sich auf Obligationen mit kurzen Restlaufzeiten konzentrieren. Das Risiko von Kursverlusten ist dann viel geringer. Von einem Zinsanstieg durch die SNB nicht so stark betroffen sind zudem Unternehmensanleihen, weil hier die Bonität das grössere Gewicht hat. Wenn die Wirtschaft blüht und die Konjunktur brummt, ist das auch gut für die Bonität, da die Firmen dann gute Gewinne machen können.

Gerade die Schweizer Unternehmen stehen punkto Bonität sehr gut da. Aufgrund der florierenden Wirtschaftslage haben zahlreiche Firmen in den letzten Jahren gute Cashflows erzielt, die sie unter anderem dazu verwenden konnten, ihre Schulden abzubauen. Wie aus der kürzlich veröffentlichten Studie «Swiss Rating Guide» der Zürcher Kantonalbank (ZKB) hervorgeht, haben die Schweizer Firmen in den vergangenen fünf Jahren ihren Eigenkapitalanteil im Verhältnis zur Bilanzsumme von 34 auf 44 gesteigert.

Die Sicherheit der Schweizer Obligationen ist also ausgezeichnet. Sie haben auch keinerlei Finanzierungsprobleme, wie es von einigen Beobachtern befürchtet wurde. Die Renditen von Obligationen mit der Bonität «Investment Grade» sind in den letzten Wochen sogar leicht zurückgegangen. Wer solche Obligationen hält, muss sich keine Sorgen machen.

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Bei Papieren von Schuldnern mit geringerer Bonität sieht es etwas anders aus. Bei diesen Firmen kommt es darauf an, ob sie ihren Finanzbedarf auch aus dem Cashflow decken können oder ob sie auf Refinanzierungen angewiesen sind. Ist Letzteres der Fall, könnte es für diese Unternehmen eng werden, wenn die angespannte Lage an den Kreditmärkten anhält. «Von Neuanlagen in Hochzinsanleihen sollte der durchschnittliche Anleger im Moment absehen», rät Sandro Bächli.

Die Lage von Schuldnern mit geringer Bonität hat sich zwar bisher fundamental noch nicht stark geändert, aber je länger die Unsicherheit die Stimmung an den Kreditmärkten drückt, desto mehr dieser Firmen könnten in Schieflage geraten und eine selbsterfüllende Prophezeiung lostreten: Die Anleger sind neuen Anleihen gegenüber misstrauisch und verlangen höhere Zinsen. Für einige Firmen wird es dann schwieriger, sich zu refinanzieren, sie geraten in Zahlungsschwierigkeiten. Die Anleger werten das als Zeichen dafür, dass die Lage schlimmer wird und verlangen noch höhere Risikoentschädigungen, also höhere Zinsen. Das wiederum führt dazu, dass weitere Firmen in Zahlungsschwierigkeiten kommen.

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Unsicherheit bleibt bestehen

Es hängt also stark von der Stimmung ab, wie sich die Märkte weiter entwickeln. Im Moment fürchten viele Investoren angesichts der unklaren Lage das Schlimmste. Was ursprünglich als Hypothekenkrise in den USA den Anfang genommen hat, schlägt sich mittlerweile in den Zinsen von Obligationen nieder und führt zu Verschiebungen in der Portfoliostruktur vieler Anleger. Denn die unsichere Situation an den Aktienmärkten macht Staatsanleihen als Anlageinstrumente wieder attraktiver, was deren Renditen sinken lässt.

Für Unternehmensanleihen gilt gerade das Gegenteil. Aufgrund der geringeren Risikotoleranz der Marktteilnehmer sind hier die Renditen gestiegen, die Investoren wollen für ihr Risiko nach den vielen Turbulenzen mit höheren Zinsen entschädigt werden. «Das höhere Zinsniveau hat aber keinen direkten Zusammenhang mit der Bonität der ausgebenden Firmen», weiss Sandro Bächli, Investmentspezialist bei Clariden Leu. «Es ist vielmehr Ausdruck der veränderten Bedingungen, insbesondere der grossen Unsicherheit über die Auswirkungen der Hypothekenkrise.»

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