Die Ereignisse an den Kreditmärkten haben stark an Dynamik gewonnen. Weltweit haben die grossen Notenbanken in den letzten Tagen massiv Liquidität in die jeweiligen Finanzsysteme gepumpt. Fragt sich nun, ob die amerikanische Notenbank (Fed) die Lage völlig falsch eingeschätzt hatte. Denn die Fed hat am 7. August die Leitzinsen bei 5,25% belassen. Das war zwar so erwartet worden, aber die Interpretation des Statements der Fed gibt Anlass zur Diskussion.

Jan Poser, Chefökonom der Bank Sarasin, betont die Relativierung der Verspannungen an den Kreditmärkten durch die US-Notenbank: «Die Fed spricht in ihrem Kommentar zum Entscheid von ‹einigen Unternehmen und Haushalten›. Damit stellt sie klar, dass nicht alle von den Problemen betroffen sind.» Zudem sende sie das Signal aus, dass die ganze Angelegenheit für die US-Zentralbank nicht so wichtig sei.

Marktpsychologische Gründe

Die Ökonomen der Citigroup schreiben, dass der Zinsentscheid ein wichtiger Schritt in Richtung einer weniger restriktiven Geldpolitik gewesen sei. Dafür spricht ihres Erachtens, dass die Notenbank eingeräumt hat, dass sich die Wirtschaft abkühle. Was das Verhältnis der US-Geldpolitik zu den Problemen in den Kreditmärkten betrifft, sind sie der Meinung, dass sich die Finanzierungsbedingungen in den Märkten deutlich verschärfen müssten, um die Fed zu einer Lockerung der Geldpolitik zu bewegen.
Daher ist zu vermuten, dass die Fed die Lage nicht gänzlich falsch eingeschätzt hat. Denn die US-Notenbank hat immer einen Finger am Puls der Finanzmärkte. Die Handlungsweise der Fed lässt sich vielmehr mit marktpsychologischen Argumenten erklären. Wahrscheinlich haben sich die Notenbanker um Ben Bernanke überlegt, dass wenn sie die Zinsen gesenkt hätten, damit der Eindruck hätte entstehen können, die Dinge seien viel schlimmer, als sie effektiv sind. Damit – so möglicherweise die Befürchtung der Fed – wäre der perfekte Verkaufsvorwand für die Obligationen schwacher Schuldner und eine Verschärfung der Kreditrationierung geschaffen worden. Ein Ergebnis, das aus der Warte der Fed auf jeden Fall kontraproduktiv gewesen wäre.
Die Entwicklungen seit dem 7. August bestätigen diese psychologische Einschätzung. Die erste Reaktion auf den Kommentar und Entscheid der Fed war ein Anstieg der Aktienkurse. An den Märkten wurde die Passage im Statement betont, in der sie von einem weiterhin moderaten Wachstum der US-Wirtschaft spricht.
Die neuesten Eingriffe der Notenbanken in das aktuelle Liquiditätsproblem der Finanzmärkte – unter ihnen war auch die Fed – mögen zwar kurzfristig an den Geldmärkten zu einer Entspannung geführt haben. Aber die Aktienmärkte sind eingebrochen und Bankaktien gehören zu den unbeliebtesten
Titeln. Die Aktionen der Notenbanken wurden zudem in den Medien breit diskutiert. Offenbar ist man der Meinung, dass wenn die Feuerwehr mit dem Grossaufgebot ausrückt, die Lage besonders schlimm sein muss. An der ganzen Angelegenheit fokussieren sich die Märkte offenbar vorerst auf den Umstand, dass es brennt, und weniger darauf, dass gelöscht wird.

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Noch unklare Auswirkungen

Diese Haltung ist darin begründet, dass niemandem so richtig klar ist, wo der nächste Brand ausbricht und wie schnell er sich verbreitet. Wie sich eine Verschärfung der Situation an den Kreditmärkten auswirkt, die sich unter anderem in der Ausweitung der Zinsdifferenz zwischen den Anleihen von Schuldnern unterschiedlicher Bonität zeigt, ist schwierig zu prognostizieren.
Poser verweist auf die Jahre 1998 bis 2000. Damals hätten sich die Credit Spreads noch stärker ausgeweitet als heute. Der Realwirtschaft habe dies damals nicht geschadet. «Aufgrund der Ereignisse von damals kann man sich zudem fragen, ob die im Jahr 2000 erfolgte kräftige Liquiditätsexpansion letztlich so positiv war. Die Notenbank hat zwar präventiv gehandelt, sich dafür aber die Bildung einer neuen Blase eingehandelt», sagt Poser.

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Anleihen-Markt

Ratings
An den Kreditmärkten ist weiterhin Vorsicht geboten. Anleger sollten sich daher auf Anleihen mit höheren Ratings
(A und darüber) konzentrieren.

Kreditspreads
Auch wenn sich die Kreditspreads zwischen Anleihen mit einem tieferen Rating ausgeweitet haben, sind die Obligationen mit einem tiefen Rating (BBB) immer noch relativ teuer. Der Druck auf die Kurse solcher Papiere dürfte anhalten.

Schweizer Anleihen
Für Anleihen von Schweizer Unternehmen erwarten Experten keine Welle von Herabstufungen der Bonität durch die grossen Rating-Agenturen. Wer beim Kauf auf der sicheren Seite sein will, sollte sich jedoch auf Anleihen mit Laufzeiten von 2010 bis 2012 konzentrieren.