Im Frühling des nächsten Jahres wird nach langem Hin und Her endlich die neue Versichertenkarte eingeführt. Mit ihr könnte eigentlich der Startschuss für eine flächendeckende Umsetzung von E-Health-Projekten erfolgen. Doch viel wahrscheinlicher ist, dass die neue Karte weiterhin nur für die Identifikation des Patienten genutzt wird - und dies, obwohl deutlich mehr möglich wäre.

Unternehmen erobern den Markt

Die Swisscom hat das erkannt. Der Einsatz von Kommunikationstechnologien sei in der Schweiz unterentwickelt, das Unternehmen erwartet deshalb im Gesundheitswesen ein grosses Wachstum, sagt die Swisscom auf Anfrage.

In diesem Jahr hat Swisscom deshalb das elektronische Gesundheitsdossier Evita lanciert. Daneben ist Swisscom mit den Unternehmen Curabill, Medgate und Health Professional Card im Gesundheitsmarkt tätig. Wie gross Engagement der Swisscom im E-Health-Sektor dereinst sein wird, lässt das Unternehmen offen.

Die Swisscom engagiert sich zudem bei der Genfer E-Health-Initiative «e-toile». Das Modellprojekt zeigt, was in der Versichertenkarte steckt. Ab dem nächsten Frühling vernetzen die Swiss- com, die Post und der Kanton Genf mit Hilfe der neuen Karte Ärzte, Spitäler, Apotheken und Patienten. 30000 Genfer sollen so die Einführung von elektronischen Patientendossiers testen. Die medizinischen Leistungserbringer können sich dann gegenseitig Daten zur Verfügung stellen.

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Auch andernorts werden innovative Projekte vorangetrieben. So hat etwa die Krankenkasse KPT in Zusammenarbeit mit Microsoft die Gesundheitsplattform VitaClic entwickelt. Versicherte, auch von anderen Kassen, können zusammen mit den Leistungserbringern selbstständig ihre Krankenakte betreuen. Heute benutzen bereits 10 500 Kunden den Service. Auch zum Vorteil der KPT: «Mit E-Health-Lösungen sind für uns grössere Kosteneinsparun-gen möglich», so Reto Egloff, Geschäftsleitungsmitglied der KPT.

Allerdings besteht eine Gefahr: Kommt es zu einem Wildwuchs von verschiedenen Projekten, könnte dies eine Schaffung von inkompatiblen Standards mit sich bringen. Reto Egloff von KPT: «Der Bund muss dringend technische und qualitative Standards festlegen, damit E-Health-Lösungen, die heute entstehen, künftig untereinander und mit der E-Health-Strategie des Bundes kompatibel sind.»

Dessen ist sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zwar bewusst. Im Rahmen der E-Health-Strategie soll deshalb die Möglichkeit bestehen, die Synergien verschiedener Projekte zu nutzen und die Plattform durch technische Anpassungen in das grosse Ganze zu integrieren. 2015 soll dann die elektronische Krankenakte des Bundes folgen und bis dann auch ein entsprechendes E-Health-Gesetz entworfen sein.

Private sind bereit

Doch an diesem langsamen Vorgehen stören sich viele der involvierten Unternehmen. Denn die Verzögerung durch den Gesetzgebungsprozess könnte die privaten und kantonalen Initiativen bis zum Vorliegen des definitiven Entwurfs blockieren. Private Projekte wären entsprechend mit Unsicherheiten belastet. «Wir wollen innovative Services heute den Kunden anbieten und nicht bis ins Jahr 2015 warten», sagt Egloff. Zahlreiche Beispiele für E-Health-Lösungen existieren. So erkennt etwa ein Arzt aufgrund des elektronischen Patientendossiers, dass vor kurzem bereits ein Röntgenbild erstellt worden ist und er nicht erneut eines anfertigen muss. Vorstellbar ist auch, dass diabeteskranke Patienten mit elektronischen Hilfsmitteln besser betreut werden können, was zu weniger Folgeschäden wie etwa Amputationen führen würde.

Technologien sind vorhanden

Solche Anwendungen verbessern nicht nur die Versorgung der Patienten, sondern sie führen auch zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen, weil Doppelbehandlungen vermieden werden können. «Die Technologie für E-Health-Projekte ist da, die Umsetzung in der Schweiz verläuft aber noch sehr schleppend», summiert Markus Hunziker, E-Health-Experte bei IBM Schweiz. Welche Möglichkeiten bestehen, zeigt Dänemark. Dort sind seit Jahren alle medizinischen Leistungserbringer an ein einziges Informationssystem angeschlossen. Meldet sich etwa ein Patient per Telefon beim Notfalldienst, kann das Call Center über die Versicherungsnummer die medizinischen Daten des Kranken einsehen und ihm rasch Auskunft über seine Medikamente geben oder ihn an die nächste Apotheke oder an einen Arzt verweisen. «Dänemark hat viel frü-her in E-Health investiert und hat deshalb eine Vorreiterrolle», so Hunziker.

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