Sinkende Erträge und enttäuschende Profite holen in der Wirtschaftswelt viele Überflieger auf den Boden der Realität zurück. Das gilt insbesondere beim Reisen. Während die Privatjet-Anbieter leiden wie selten, wächst die Zahl der Bahnpassagiere mit Nadelstreifenanzug zügig an.

Das belegen etwa die Zahlen der SBB, bei denen 2008 gegen-über 2007 fast 7% mehr Personenkilometer zurückgelegt wurden. «Das Wachstum fiel bei Geschäfts- und Freizeitreisenden im gleichen Umfang aus», sagt Sandra Liechti von der Marketingabteilung Personenverkehr. Für das laufende und die kommenden Jahre erwartet sie weitere Steigerungsraten in derselben Grössenordnung.

Meetings am Zürcher HB

Um Geschäftsreisenden ein qualitativ hoch stehendes Bahnerlebnis bieten zu können, haben die SBB zuletzt Grossinvestitionen in den Auf- und Ausbau entsprechender Angebote unternommen. Das beginnt vor der Zugsfahrt. Mit dem Firmenportal «SBB Business-travel» ist es Unternehmen möglich, alle Buchungen und Platz- reservationen vom Büro vorzunehmen und dort auszudrucken. Das gilt auch für Tickets von und nach Deutschland, Frankreich, Italien sowie Österreich. Dazu kommt eine Online-Verwaltung der Ausgaben und Spesen via den «SBB Businessmanager». «Durch ein effizientes Buchungssystem können die Kunden ausserdem Prozesskosten sparen und erhalten keine Aufschalt- oder Investitionskosten», ergänzt Liechti. Die Rechnungsstellung erfolgt digital.

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Neben der administrativen Vereinfachung haben die SBB auch beim effektiven Reiseprodukt diverse Verbesserungen vorgenommen. So wurden in den Zügen der wichtigsten Strecke Zürich-Bern sogenannte Businesszonen mit drahtlosem Internetzugang eingerichtet sowie Steckdosen in den Wagen nachgerüstet. Dazu wurde die Gastronomieauswahl mit garantierten Bedienungszeiten von 7 bis 21 Uhr in den Restaurant- oder Bistro-Kompositionen erweitert.

Mehr Komfort erwartet die mit der Bahn reisenden Geschäftsleute auch in den Bahnhöfen. Am Zürich HB haben die SBB ihre erste First Class Lounge eröffnet und machen damit gute Erfahrungen. «Sie kommt bei unseren Kunden sehr gut an», bestätigt Sandra Liechti. Viele Geschäftsreisende nutzen die Ruhe und den Komfort der Lounge, um darin kurze Meetings zu veranstalten. Getränke (auch mit Alkohol) stehen kostenlos zur Verfügung. Dazu Arbeitsplätze mit Internetanschluss.

Folgt bald die Lancierung solcher Lounges an anderen Schweizer Bahnhöfen? «Bevor wir uns festlegen, ob und wie wir weitere Lounges eröffnen, möchten wir in Zürich noch weitere Erfahrungen sammeln», führt Liechti aus.

Vor allem Inland-Fahrten

Eine echte Konkurrenz für den Privatjet-Markt sind die SBB trotz allem noch nicht, weil der überwiegende Anteil der geschäftlichen Passagiere auf nationalen Verbindungen verkehrt. Neben Zürich-Bern sind auch Zürich-Genf oder Genf-Lausanne stark frequentierte Strecken. Für Liechti ist dies auch ein wesentlicher Grund, dass die Frequenzen der Konjunkturflaute zum Trotz wachsen. «Die Inland-Fahrten sind der Wirtschaftskrise viel weniger stark ausgesetzt.»

Ganz ohne spürbare Auswirkungen des Abschwungs kommen aber auch die SBB nicht über die Runden. Das äussert sich in der Tatsache, dass heutzutage auch gestylte Geschäftsleute öfter mal in der 2. Klasse anzutreffen sind.

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