Ein so belangloses Schwätzchen, wie uns das Wort weis- machen will, ist der Smalltalk (Englisch für kleine Unterhaltung) nicht. Im Gegenteil: Die vermeintlich leichtfüssige Auflockerung von peinlichen Schweigemomenten ist gespickt mit Fettnäpfen. Das Nichtbeherrschen dieser delikaten Konversationsform kann sich in einer beruflichen Karriere geradezu als rasanter Fahrstuhl nach unten erweisen.

«Es kommt vor allem auf das an, was in der Demokratie nicht mehr existiert - nämlich auf eine beinahe höfische Etikette, auch wenn das kaum jemand offen zugeben mag», sagt Leopold Hüffer, Managing Partner bei Hüffer Top Executive Assessments. Wie schon zu KuK-Zeiten sind gemäss dem Führungskräfteprüfer noch immer Höflichkeitsregeln, das Einhalten der Etikette bei Begrüssungen und Vorstellungen sowie eine souveräne Haltung in gesellschaftlichen Situationen entscheidend.

Distanz bei Händedruck wahren

Eine zweite Chance für einen ersten Eindruck gibt es nicht: Die Begrüssung ist deshalb zentral. Bei Vorstellungen wird stets die jüngere der älteren Person vorgestellt, die weniger bekannte der prominenteren und der Herr der Dame. In Anbetracht unterschiedlicher Autoritätskulturen sollten Titel jeweils mit genannt werden - wer den Herrn Prokurist und Hofrat in Österreich nicht als solchen anredet, begeht ein Sakrileg. Bei einem Händedruck ist Distanz ein guter Ratgeber: Die wenigsten Leute mögen es, wenn Fremde ihnen zu nahe kommen oder sie beim Händeschütteln gar mit dem zweiten Arm an der Schulter fassen.

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Sich nach der Vorstellungsrunde, ohne einige Worte mit seinem Gegenüber gesprochen zu haben, gleich wieder auf und davon zu machen, gilt dagegen nicht bloss als distanziert, sondern als arrogant. Umgekehrt kann es leicht als aufdringlich empfunden werden, wenn sich jemand den ganzen Anlass hindurch an eine einzige Person klammert. Daher gilt stets die Devise: Die angesprochenen Themen sollten so viele Leute im Kreis wie möglich interessieren und es anderen ermöglichen, sich am Gespräch zu beteiligen.

«Ausserdem kommt es schlecht an, nur flüchtig zuzuhören und zwischendurch herablassend mit einem gekünstelten Lächeln dem Gegenüber zuzunicken», warnt Bernard de Muralt, ehemaliger Protokollchef der Schweizer Armee und heute Geschäftsführer der Benimm-dich-Schule Courtoisie & Savoir-vivre. Er berät unter anderem das Schweizer Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Etikettefragen.

Eine Unterhaltung kann leicht über Erkundigungen zur Anreise eingeleitet werden. Danach folgt ein scheinbar nonchalanter Übergang zu unverfänglichen Themen wie Wohnort oder Hobbys. Vor allem für junge Aufsteiger ist Zurückhaltung mehr als angebracht. Das kommt in der heutigen Leistungsgesellschaft mitunter der Eier legenden Wollmilchsau gleich. Soll doch einerseits interessanten (karrierefördernden) Gesprächspartnern klargemacht werden, welch ein Tausendsassa man ist. Handkehrum gilt es insbesondere in der Schweiz als verpönt, die eigenen Kompetenzen zu betonen.

Allerdings ist alles halb so wild und die Situation noch zu retten, solange beim Smalltalk keine Tabus zur Sprache kommen. Fettnäpfe sind bereits vorprogrammiert, wenn in der Intimsphäre des Gegenübers gestochert wird. Alarmglocken müssen je nach Anlass schon bei der Frage läuten, wo das Vis-à-vis arbeitet. Ist es gerade in einer schwierigen Situation und nicht mit Eloquenz gesegnet, ist betretenes Herumdrucksen die Folge und die Stimmung im Keller.

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Auf Verbindlichkeiten verzichten

Vorsicht ist ebenfalls geboten bei vermeintlich Vertrauen er- weckenden Erkundigen nach Ehegatten und Lebenspartnern (man könnte seit kurzem getrennt sein). Beim Thema Religion ist ein Konflikt quasi vorprogrammiert. An tragische Krankheiten und persönliche Schicksale will keiner an einem Apéro erinnert werden. Genauso unbeliebt macht sich, wer gleich bei der ersten Bekanntschaft seine Gesprächspartner mit Verbindlichkeiten zu überschütten versucht. Schliesslich sind die meisten Menschen viel beschäftigt.

Höchste Devise eines Smalltalk lautet: Positiv bleiben, aktiv zuhören. Eine Spur Zurückhaltung kann dabei Wunder wirken.

 

 

NACHGEFRAGT Bernard de Muralt, Geschäftsführer Courtoisie & Savoir-vivre, Freiburg


«Themenwechsel kann peinliche Situation retten»

Welche Grundsätze sollen Geschäftsleute beim Smalltalk besonders beherzigen?

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Bernard de Muralt: Dem Smalltalk ist mehr Bedeutung beizumessen, als der nackte Begriff aussagt. Die Oberflächlichkeit beschränkt sich nämlich nur mehr auf die äusseren Begleitumstände; etwa Apéro oder Stehlunch. Interpretation und Tragweite eines Smalltalk sind nicht zu unterschätzen. Je ernster die Gelegenheit zu oberflächlicher Konversation genommen wird, desto glaubwürdiger wirkt man als Gesprächspartner.

Was ist die schlimmste Sünde?

De Muralt: An jemandem beim Smalltalk vorbeizuschauen, je-mand anderem zuzuwinken oder sich nach einer Person umzudrehen, über die man gerade spricht.

Welcher Fehler kommt oft vor?

De Muralt: Der häufigste Fehler ist Taktlosigkeit. So werden etwa verlorene Personen oder Kunden sich selbst überlassen, und der Smalltalk wird zu geselligem Zusammensein unter Mitarbeitern missbraucht. Auch ist häufig zu beobachten, wie sich im Zuge der lockeren Stimmung die Leute über andere lustig machen oder Gespräche unterbrechen.

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Wie rettet man sich elegant aus einem Fettnapf?

De Muralt: Fehltritte sind, wie so oft, zur Hauptsache eine Folge mangelnder Erziehung. Ein Fehltritt ist und bleibt peinlich. Selbst kann man sich schlecht aus dem Fettnapf ziehen - elegant schon gar nicht. Ein Missgeschick kann man nämlich nicht wiedergut- machen. Wer glaubt, die Situation mit einer Entschuldigung zu retten, zieht die Aufmerksamkeit nur noch mehr auf den Fauxpas.

Was also tun?

De Muralt: Ein Themenwechsel kann eine peinliche Situation retten und ein neues Gespräch in Schwung bringen. Möchte man auf ein Thema oder eine Frage nicht eingehen, so kann man nach einer kurzen Pause ablenken. Aber wirklich aus einem Fettnapf retten kann mich höchstens eine Drittperson, indem sie den gleichen Fehltritt macht.

Wie bitte?

De Muralt: Königin Elisabeth II. von England soll bei einem Staatsempfang beispielsweise ihre Fingerschale ausgetrunken haben, nachdem ihr Gast zuvor dasselbe getan hatte. So ermöglichte sie ihm, das Gesicht zu wahren.

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