Seit Anfang April hat Sia Abrasives einen neuen Grossinvestor: Der Ostschweizer Unternehmer Giorgo Behr hält privat und über seine BBC Group 22% am Spezialisten für flexible Schleifmittel – auch, um eine feindliche Übernahme des finanziell komfortabel ausgestatteten Unternehmens zu verunmöglichen. Bisher ist es bei Sia Abrasives ruhig geblieben: «Giorgio Behr ist jetzt unser grösster Einzelaktionär. Bis dato hat dies noch keine direkten Auswirkungen», erklärt Sia-Chef Roland Eberle im Gespräch mit der «Handelszeitung». Was bereits klar sei: «Behr ist bekannt für seine Affinität zur Industrie, für stabile Aktionariatsverhältnisse sowie für eine klare Wachstumsoptik», weiss Eberle. «Das sind wir auch, damit treffen sich unsere Interessen in Bezug auf unsere Unternehmensphilosophie.» Wichtig sei, dass Sia trotz dieser Übereinstimmung die Interessen der übrigen Aktionäre nicht vernachlässige. «Für uns ist dies Chance und Herausforderung zugleich.»

«Wir sind auf Brautschau»

Eine weitere Aufgabe, die Eberle zu lösen hat, ist das Wachstumsziel für 2010. Bis dahin soll Sia Abrasives die Umsatzschwelle von 400 Mio Fr. erreichen. Zum Vergleich: 2007 erzielte die Gruppe 297,9 Mio Fr. «Unsere Bilanz liesse in den nächsten zwei Jahren Zukäufe bis gegen 100 Mio Fr. zu, ohne dass wir unser Eigenkapitalziel von 45% strapazieren müssten», erklärt Eberle. «Wir sind laufend auf Brautschau.» Alle Akquisitionen müssten stets in die strategische Ausrichtung passen. Auf mögliche Partner wie Winterthur Technology angesprochen, winkt Eberle ab. Vor allem, weil sich durch einen solchen Erwerb nur sehr beschränkt Synergien ergäben. «Sowohl von der Anwendungsseite her wie auch in Bezug auf die Kundensegmente ergeben sich keine namhaften Schnittmengen», sagt Eberle. «Wir bleiben bei unserer Kernkompetenz, den flexiblen Schleifmitteln.»

Als primäres Instrument, um Wachstum zu generieren, sieht der CEO aber die geplante Investition in die Erneuerung der Produktionsanlagen. «Damit sichern wir die Technologieführerschaft», erklärt er. Zentral sei auch das organische Wachstum. «Dieses wollen wir in den USA forcieren», erklärt Eberle. Der gegenwärtige Marktanteil von Sia Abrasives sei dort noch sehr bescheiden. Zudem bevorteile die derzeitige Währungssituation US-amerikanische Produzenten wie 3M oder Norton/Saint Gobain beträchtlich.

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Die Produktion wird erweitert

Eine Rückwärtsintegration steht für Eberle, trotz der Rohstoffhausse, derzeit nicht zur Debatte. «Auch wenn einige unserer Basisrohwaren in ihrer Herstellung sehr energieträchtig sind, sehen wir unsere Lieferantenbeziehungen nicht gefährdet.» Man pflege langjährige Partnerschaften und sei auch durch entsprechende Verträge mit ihnen verbunden.

Dafür sieht Eberle Möglichkeiten bei der Vorwärtsintegration – schliesslich wird das Marktvolumen für die Produkte von Sia Abrasives weltweit auf 5,5 Mrd Fr. geschätzt. «Das könnte ich mir allenfalls im Bereich Systemanwendung vorstellen», erklärt der CEO. Er denke dabei in erster Linie an den Faktor Innovationskraft. «Nehmen wir beispielsweise die Errungenschaften der Nanotechnologie. Hier gilt es, neue Technologien schleiftechnisch zu begleiten und Lösungen für die Bearbeitung extrem harter Nano-Oberflächen zu entwickeln.» Um die Innovationskraft umzusetzen, plane man die erwähnte Erneuerung der Produktionsanlagen.

Eine breitere geografische Marktpenetration hat Eberle dagegen nicht vor Augen. «Wir fokussieren uns auf die Standorte, wo wir bereits Fuss gefasst haben.» Dabei favorisiere man insbesondere Osteuropa. «Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass wir hier eher die gleichen Managementphilosophien vorfinden.»

Von der Finanzkrise, die ihren Ursprung in den USA hat, sieht sich Sia Abrasives nicht getroffen. «Aufgrund unseres kleinen Marktanteils und unserer Fokussierung auf das High-End-Segment spüren wir von den Turbulenzen im Finanzmarkt und ihren Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft direkt noch relativ wenig», beruhigt Eberle. Allerdings, warnt er, liege die Visibilität bei kurzen vier Wochen.

Bei den Vlies-Schleifmitteln – sie werden vor allem in der Metallverarbeitung eingesetzt – verzeichne man noch erfreuliche Wachstumsraten. Bei den flexiblen Schleifmitteln, die in allen Bereichen im Einsatz sind, und bei den Schleifschwämmen liege der Umsatz auf Vorjahresniveau.

Einen Blick aufs Gesamtjahr werfen mag Eberle noch nicht. «Ich müsste ein Prophet sein, wenn ich das Ausmass der Währungseinflüsse auf unser Jahresresultat schon beziffern könnte», sagt er. Die Zielsetzungen des Unternehmens würden gegenwärtig durch exogene Faktoren, also durch Verwerfungen an der Währungsfront, behindert. «Während das Volumenwachstum auf Kurs ist, wird das konsolidierte Resultat in Franken von den schwachen Währungen Dollar und Pfund negativ beeinflusst», erklärt Eberle. Am 25. Juli publiziert Sia Abrasives die Halbjahreszahlen.