Seit 1980 hat sich die Zahl der Krankenkassen alle zehn Jahre halbiert, von über 500 auf gerade noch 50 im Jahr 2010. Die beschauliche Tradition der klassischen «Kässeler» weicht zunehmend professionellen Strukturen. Die Folge ist eine objektivere Beurteilung der Zukunftsperspektiven von kleinen und mittleren Kassen.

Nur wer 1 Mio Versicherte oder mehr in seinem Portefeuille hat, kann die Skaleneffekte auch wirklich nutzen. Für das Unternehmen entstehen durch die Grösse wesentliche Synergien. Allein die Möglichkeit, die Vertriebsstruktur effizienter zu gestalten und geografisch zu bereinigen, bringt wesentliche Einsparungen.

Die Zukunft ist online

Dem Online-Geschäft gehört die Zukunft. Seine Trümpfe kann es aber nur ausspielen, wenn das Volumen gross genug ist. Der Aufbau attraktiver Plattformen, wie zum Beispiel VitaClic, ist mit grossen Investitionen verbunden, die sich erst ab einer Mindestzahl von Versicherten rechnen.

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Für alle Versicherer fallen im IT-Bereich naturgemäss grosse Kosten an. Auch hier kann Grösse die Kosten pro Versichertem wesentlich reduzieren. Zudem sind kundenfreundlichere und flexiblere Systeme möglich.

Rare Spezialisten

Der Gesundheitsmarkt ist eine äusserst komplexe und hoch spezialisierte Branche. In allen Bereichen (IT, Leistungsabwicklung, Regulierungen, Marketing) sind hochkarätige Spezialisten ebenso gefragt wie rar. Nur grosse Versicherer sind in der Lage, diesen Mitarbeitern interessante Aufgaben und realistische Karrierechancen zu bieten.

Solange ein gesunder Wettbewerb spielt, wird die Konkurrenz unter grösseren Kassen zu wesentlichen Effizienzgewinnen führen. Umso mehr muss sich im Markt profilieren, wer Kunden gewinnen will. Auch dazu ist eine minimale Grösse unumgänglich. Und auch aus Kundensicht ist der Konzentrationsprozess sinnvoll. Grössere Marktmacht führt zu besseren Konditionen bei den Leistungserbringern und damit zu Einsparungen und günstigeren Prämien. Neue und bessere Produkte können entwickelt und lanciert werden. Zudem kann sich der Versicherte in einem übersichtlichen Markt besser orientieren und freier bewegen. Die zukünftig erfolgreichen Gross-Kassen werden sich durch ihre Flexibilität im Markt, ihre Innovationskraft, ihre Umsetzungskraft und die Qualität ihrer Dienstleistungen unterscheiden.

Komplexe Firmenkulturen

Soweit die Theorie. Die Umsetzung in der Praxis erweist sich allerdings als weitaus komplexer und anspruchsvoller. Denn neben der wirtschaftlichen Logik gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die den Konsolidierungsprozess sehr anspruchsvoll machen.

Zuvorderst steht dabei der «human factor». Die Krankenkassen sind organisch gewachsene, komplexe Gebilde, die von Menschen geführt werden und meistens lange Traditionen haben. Dazu gehören besondere Unternehmenskulturen, persönliche Ambitionen und individuelle Zukunftsvorstellungen. Eine Übernahme oder eine Fusion brechen bewährte Strukturen auf und führen zu einschneidenden Veränderungen der Hierarchien und Besitzstände. Dieser Prozess produziert notgedrungen Gewinner und Verlierer.

Plötzlich wird Erreichtes hinterfragt. Nicht jedes Unternehmen, nicht jeder Verwaltungsrat, nicht jede Geschäftsleitung ist bereit, sich selbst in Frage zu stellen und zum potenziellen Konsolidierungsopfer zu werden. In dieser Problematik liegt wohl der Hauptgrund für das Beharrungsvermögen von vielen Unternehmen der Kassenbranche. Darüber hinaus gibt es auch andere Kriterien, die beim Konzentrationsprozess eine entscheidende Rolle spielen. Abgesehen von den rein wirtschaftlichen Kriterien, die hier ausgeklammert werden, steht dabei die Frage der Philosophie im Vordergrund. Haben beide Unternehmen kompatible Ansichten über Strategie, Politik, Wettbewerb und Marktentwicklung? Nur eine weitgehende Übereinstimmung in diesen Punkten eröffnet Chancen für eine erfolgreiche Integration.

Wo dies gelingt, entstehen gesunde, effiziente Unternehmen, die in einem intensiven Wettbewerb stehen werden. Bei einer Einheitskasse fällt diese Konkurrenz weg und die Kunden verlieren jegliche Wahlfreiheit. Es ist aber gerade dieser Wettbewerb, der letztlich einen Beitrag zur Senkung der Gesundheitskosten leisten kann.