Es war eine Demonstration der Stärke: Mit dem Flaggschiff der Konzerntochter Maserati einem Quattroporte S fuhr Fiat-Lenker Sergio Marchionne Anfang Woche beim deutschen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Berlin vor, um über die mögliche Fusion des italienischen Autobauers mit Opel und Chrysler zu verhandeln. Marchionnes Maserati vereinigt alles, wofür italienische Lebensart steht: Sinnlichkeit, Eleganz, Unverwechselbarkeit und Selbstbewusstsein.

Dieser Schuss Lebensgefühl ist das Einzige, was den Chefs der gebeutelten Zulieferindustrie derzeit noch ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Wenn etwa Hartmut Reuter, CEO des heftig unter Druck geratenen Autozulieferers Rieter, morgens aus seinem mittlerweile in die Jahre gekommenen Maserati steigt, stellt er sich - wie viele andere Chefs seiner Branche auch - die Frage, wie es wohl weitergeht.

Allianzen sollen Kosten senken

Obwohl noch offen ist, welche Konzerne sich zusammenschliessen - eines ist schon heute klar: Die globalen Autokonzerne müssen zusammenrücken, um die Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebskosten zu senken. Auf gemeinsamen Plattformen können sie gleiche Baugruppen oder Systeme benutzen. So werden Produktionsserien grösser und können auf weniger Zulieferer verteilt werden.

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Dass auf Schweizer Unternehmen Veränderungen zukommen, davon ist auch Johann Schneider-Ammann, Präsident des Industrieverbands Swissmem, überzeugt. «Sicherlich würden die Verträge neu ausgehandelt, denn ein solcher Deal müsste aus der Sicht von Fiat, Opel und Chrysler signifikante Kostenreduktionen bedeuten.» Die hiesigen Autozulieferer würden vor allem auch die Chancen zu nutzen versuchen. Ob alle Mitbewerber die massive Konsolidierung überleben werden, ist unwahrscheinlich. Noch geben sich befragte Unternehmen - selbstverständlich - kämpferisch.

Rieter: An Bord bleiben

Laut dem Winterthurer Rieter-Konzern, der Hitzeschutz- und Akustiklösungen produziert, ist momentan noch zu früh, um eine fundierte Aussage zur Vision von Fiat zu machen. Auf jeden Fall wolle man laut Rieter-Sprecher Peter Grädel an Bord bleiben:

Die Automobil-Sparte sei «dank eines innovativen Produktportfolios und weltweiter Produktionsstätten in der Lage, einen allfälligen neuen Global Player Fiat/Chrysler/GM Europe optimal zu unterstützen», betont Grädel.

Rieter erzielt mit der nun auf Freiersfüssen wandelnden Fiat einen Umsatzanteil von 8%, mit Chrysler 3% und mit Opel etwas mehr als 1%. Insgesamt setzte Rieters Automobil-Sparte 2008 2,02 Mrd Fr. um.

GF: Keine Rückkehr in die USA ...

Der Schaffhauser Georg-Fischer-Konzern, der mit dem Automobil-Segment einen Jahresumsatz von 2,16 Mrd Fr. (2008) erzielt und damit einer der ganz grossen Schweizer Autozulieferer ist, beobachtet die Entwicklung derweil genau.

Der Zulieferer hält sein Kundenportefeuille so diversifiziert wie möglich, «weil wir nicht von wenigen Kunden abhängen wollen», bestätigt GF-CEO Yves Serra gegenüber der «Handelszeitung». Entsteht aus Fiat, Opel und Chrysler ein neuer Branchenriese, verringert sich allerdings die Zahl der GF-Kunden, die Verhandlungsmacht des neuen Grosskunden steigt und bringt GF unter Umständen in eine schwächere Position.

Der Umsatzanteil, den GF mit Fiat, Opel und Chrysler heute erwirtschaftet, liegt laut Serra im «tiefen einstelligen Prozentbereich». Damit ist zwar nicht von einem veritablen Klumpenrisiko die Rede, aber immerhin geht es um einen Abnehmer, der - schliessen sich die drei Hersteller tatsächlich zusammen - jährlich Produkte von GF Automotive in der Höhe von 40 bis 80 Mio Fr. bezieht.

Auf die Ankündigung von Fiat-Chef Sergio Marchionne, er wolle ab 2010 Fiat- und Alfa-Romeo-Modelle in den USA produzieren, reagiert Serra zurückhaltend. GF hat erst Ende Februar angekündigt, die Leichtmetallgiesserei in Kanada - die einzige Produktiosstätte von GF Automotive in Nordamerika - per Juli 2009 zu schliessen und nach China zu verlagern.

... und Fokus auf Asien und Europa

Produkte von GF Automotive für Nordamerika werden künftig in Europa und China gefertigt. Auf Europa und Asien legt die Automotive-Sparte von GF, die rund 64% ihres Umsatzes auf dem deutschen Markt und 30% mit den weltweiten Lastwagenherstellern erzielt, auch künftig ihren Fokus.

Selbst wenn Fiat in den USA auf die räumliche Nähe seiner Zulieferer bestehen sollte, was bei Autoherstellern aus logistischen Gründen fast immer der Fall ist, sieht GF aktuell keinen Grund, von seiner Strategie abzuweichen. «Ein neues Werk kostet uns rund 50 Mio Fr.», gibt Serra zu bedenken. «Diese Investition wäre nur gerechtfertigt, wenn die Gesamtnachfrage in Amerika hoch genug ist.» Angesichts der zusammengebrochenen Automobilmärkte in Nordamerika sei ein solcher Schritt für GF im Moment aber nicht vorstellbar. «Wir können in solchen Zeiten nicht überall sein.»

Mikron: Gute Chancen

Veränderungen in den USA hat auch der Komponentenhersteller Feintool angestrebt. Allerdings zieht sich der Autozulieferer nicht aus dem Markt zurück, sondern hat die bisher unter «Nordamerika» zusammengefassten Aktivitäten vertikal in die drei bestehenden Divisionen Fineblanking Technology, System Parts und Automation integriert. «In den Kundenbeziehungen verändert Feintool nichts», sagt Konzernsprecher Urs Feitknecht. Die aktuellen Verträge seien mit den einzelnen lokalen Werken der Autohersteller und Systemzulieferanten abgeschlossen und würden auch in einer neuen Konstellation vorerst weiterlaufen.

Als Chance betrachtet der Bearbeitungs- und Montagesystemanbieter Mikron die fortlaufende Konsolidierung. «Zusammen schlüsse führen normalerweise dazu, dass Skaleneffekte, also niedrige Stückkosten, besser genutzt werden können», sagt Mikron-Sprecher Patrick Brisset. «Damit reduziert sich zwar die Vielfalt der eingesetzten Komponenten, die Stückzahlen der dann noch eingesetzten Komponenten erhöht sich aber.»

Für Mikron könne dies eine Chance darstellen, wenn Zulieferbetriebe zusätzliche oder neue Bearbeitungs- und Montagesysteme für ihre Produktion benötigten.

An wen fällt Opel?

Noch ist - wie eingangs erwähnt - unklar, welche Konzerne sich tatsächlich zusammenschliessen. Neben Fiat hat auch der Grosszulieferer Magna Interesse an Opel. Magna hat seine Absichten eine Partnerschaft mit der angeschlagenen deutschen Opel nun auch offiziell bestätigt.

Es gehe um potenzielle Alternativen für die Zukunft von Opel, einschliesslich der möglichen Übernahme einer Minderheitsbeteiligung, hiess es aus dem kanadisch-österreichischen Konzern. Als so gut wie sicher gilt inzwischen die Allianz zwischen den Häusern Fiat und Chrysler.