Und plötzlich geht es ganz schnell. Bereits Anfang Juli – genauer: am oder um den 6. Juli – lässt Europas führende Versand-Apotheke Zur Rose ihre Aktien an der Schweizer Börse kotieren. «Es wäre fahrlässig, wenn wir weiter zuwarten würden», begründet Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli das stark beschleunigte Tempo. Noch vor wenigen Tagen hiess es bei der Firma mit Sitz im thurgauischen Frauenfeld, der Börsengang sei «für dieses Jahr» geplant.

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Die Zur-Rose-Aktien sollen für einen Preis von 120 bis 140 Franken zu haben sein. Das Unternehmen rechnet damit, dank dem IPO an der Schweizer Börse bis zu 230 Millionen Franken aufnehmen zu können. Die Mittel sollen in weiteres Wachstum gesteckt werden. Aktuell wird die Zur-Rose-Aktie ausserbörslich für rund 133 Franken gehandelt. Ihr Kurs hat sich in den letzten zwölf Monaten fast vervierfacht.

Andere sind schneller

Viel Geld soll in Deutschland – dem grössten Medikamentenmarkt in Europa – investiert werden, wo Zur Rose mit der Tochterfirma Doc Morris aktiv ist. Insbesondere will Oberhänsli das Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneien ausbauen.

Aber auch das Geschäft mit nicht-rezeptpflichtigen Medikamenten soll gestärkt werden. Zur Rose rechnet damit, dass sich der E-Commerce-Anteil in diesem Segement bis 2020 verdoppelt. Von diesem Wachstum will er profitieren.

Doch das wollen auch andere. Und die waren zuletzt schneller unterwegs. Zur Roses derzeit einziger Ernst zu nehmender Konkurrent auf dem deutschen Markt ist die börsenkotierte Shop Apotheke. Sie versendet fast ausschliesslich nicht-rezeptpflichtige Arzneien und hat im ersten Quartal 2017 verglichen mit dem Vorjahresquartal einen Wachstumsschub von 56 Prozent auf 64 Millionen Euro hingelegt. Zum Vergleich: Im gleichen Segment ist Doc Morris mit einem Plus von 45 Prozent auf 32 Millionen Euro deutlich langsamer gewachsen.

«Europa ist eine grüne Wiese»

Insgesamt aber ist Zur Rose grösser als Shop Apotheke. Und das Wachstumpotenzial ist für beide Unternehmen riesig. Der europäische Medikamentenmarkt ist knapp 150 Milliarden Franken gross. Davon entfallen rund 50 Millionen Franken auf Deutschland und die Schweiz – also die Märkte, in denen Zur Rose bereits aktiv ist. Der Marktanteil von Versand-Apotheken liegt allerdings erst bei knapp 4 Prozent. Kurz: Es gibt viel Luft nach oben.

Walter Oberhänsli sagt es so: «Europa ist eine grüne Wiese für uns.» Will heissen: Als Markführerin will Zur Rose ihre Position schnell weiter ausbauen und neue Märkte wie Frankreich, Grossbritannien oder Skandinavien erschliessen.

Bereits aufgegleist sind auch Übernahmen: In Deutschland hat Oberhänsli mit einem Rivalen bereits eine Absichtserklärung zu dessen Integration in Zur Rose unterschrieben. Im dritten Quartal soll der Deal spruchreif sein.

Nicht einmal Angst vor Amazon

Walter Oberhänsli ist jedenfalls überzeugt, eine Wachstums-Story liefern zu können: «Wir sind das Apotheken-Zalando.» Und meint: Zur Rose ist jene disruptive Firma, welche der Konkurrenz das Fürchten lehrt.

Selbst vor Amazon hat der Jurist keine Angst. Dem Online-Giganten wird nachgesagt, in Deutschland bald auch Medikamente verkaufen zu wollen. Doch Oberhänsli sagt: «Unser Vorsprung ist gigantisch.» Er glaube nicht, dass sich die Marke Amazon für den Medikamentenmarkt eigne. Und ergänzt: Falls Amazon wirklich den Apotheken-Versandhandel einsteigen wolle, «dann werden sie uns lieber kaufen als konkurrenzieren».

So etwas hören Börsianer gern.

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