Die UBS sitzt auf verschiedenen Produkten, deren Märkte illiquid geworden sind. Wird es der Bank gelingen, diese abzustossen?

Manuel Ammann: Mit der Zeit sicherlich. Es ist aber nicht sehr sinnvoll, sofort alles auf den Markt zu werfen. Die UBS ist ein grosser Marktteilnehmer und würde damit die Situation nur noch verschlimmern. Der Markt für diese Produkte hat sich seit Ausbruch der Krise bereits leicht normalisiert, muss sich aber noch weiter entspannen.

Haben wir also das Gröbste überstanden?

Ammann: Der kurzfristige Effekt, die Liquiditätskrise, ist im Wesentlichen vorüber. Die Kreditkrise ist aber noch nicht überstanden. Es gibt Anzeichen, dass die Kreditausfälle generell wieder zunehmen, insbesondere in den USA. Dies hätte längerfristige Folgen für das allgemeine Kreditgeschäft sowie die Positionen, welche die Banken halten. In einem solchen Szenario ist es auch möglich, dass weitere Abschreibungen notwendig würden.

Warum zeigt sich der Aktienmarkt denn nach wie vor relativ wenig beeindruckt von der Krise?

Ammann: Die Börsen haben sich nur kurzzeitig von der Liquiditätskrise beeinflussen lassen. Wenn sich nun aber die Ausfälle häufen und sich die Kreditspreads weiter ausweiten würden, hätte dies zweifellos Auswirkungen auf die Gewinne der Unternehmen und damit die Aktienmärkte. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios schätzt der Markt derzeit aber als tief ein.

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Wie konnte es dazu kommen, dass die UBS derart hohe Risiken eingegangen ist?

Ammann: Dies hat mit den internen Anreizsystemen bei den Banken zu tun, die kurzfristig ausgerichtet sind. Die Art der Entlöhnung führt dazu, dass Risikoarten, welche nur selten zum Problem werden, dann aber besonders grosse Auswirkungen haben können, in den Hintergrund treten. Liquiditäts- und Kreditkrisen sind solche seltenen Ereignisse. Mit gewissen Extremszenarien muss nur alle 20 Jahre gerechnet werden, die berufliche Karriere bei einem Arbeitgeber dauert wesentlich kürzer. Der einzelne Mitarbeiter ist somit asymmetrisch am Risiko beteiligt.

Gilt dies auch für die Banken als Ganzes?

Ammannn: Auch die Banken als Institution haben Anreize, manchmal trotz besseren Wissens in einem überhitzten Segment wie dem US-Subprime-Markt engagiert zu sein. Passiert nämlich nichts, würde man ihnen möglicherweise vorwerfen, träge zu sein und Gewinnchancen verpasst zu haben.

Braucht es Regulatorien wie höhere Eigenmittelforderung, um die Banken zu disziplinieren?

Ammann: Ich glaube nicht, dass solche Massnahmen in der Schweiz aufgrund der jüngsten Vorkommnisse an den Finanzmärkten notwendig sind. Die UBS hat zum Beispiel genügend Eigenmittel. Mit strengeren Vorschriften können solche Fälle wie derzeit bei der UBS nicht verhindert werden. Das heisst auf der anderen Seite aber nicht, dass die Bank ihr Risikomanagement nicht überprüfen muss.

Könnten unabhängige Ratings helfen?

Ammann: Die Agenturen haben in der Tat keine besonders gute Figur abgegeben. Die Ereignisse waren für sie ein Schuss vor den Bug, der aber sicherlich heilsam war. Die Agenturen werden heute jedenfalls nicht mehr als unfehlbar angesehen. Ratings sind auch nur Schätzungen bezüglich des zukünftigen Ausfallrisikos. Sie sind zwar wichtig, aber Risikomanagement bedeutet mehr.

Wo müssten denn Massnahmen ergriffen werden?

Ammann: Die Bankenregulierung funktioniert ja recht gut. Entscheidend ist die Einsicht, dass sich Krisen oft über die Kreditverbindungen der Banken übertragen. Hier liegt der Ansatzpunkt für die Risikokontrolle und den Regulator. Die Krise ist zum Beispiel auf den Geldmarkt übergeschwappt, weil der Geldmarkt im grossen Stil für die Finanzierung der Investitionen im strukturierten Kreditgeschäft genutzt wurde.

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Fakten

Kreditkrise
Sie begann mit einer Zunahme der Ausfälle auf zweitklassigen US-Hypotheken. Die abrupte Neueinschätzung des Risikos auf strukturierten Kreditprodukten führte zu einer Liquiditätskrise im Interbanken-Kreditmarkt. Die Neubewertung der Portfolios zog Milliardenabschreibungen bei diversen Banken nach sich.

Experte
Der 37-jährige Manuel Ammann ist bereits seit fünf Jahren Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen. Zudem ist Ammann Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen. Seine Schwerpunkte in der Forschung sind Risikomanagement, Asset Management und derivative Instrumente.