Moderner kann ein Lift kaum sein. Wer im grossen Bürobau in Zürich-Oerlikon nach oben gleiten will, gibt zentral sein Ziel ein - der Lift berechnet dann, mit welcher Kabine man am schnellsten zur gewünschten Etage kommt. Eine freundliche Frauenstimme sagt, zu welchem Aufzug man gehen soll und kündigt während der Fahrt das Stockwerk an.

Diese Stimme sorgte am Sitz von Zurich Schweiz für Zwist. Der Grund: Sie spricht Deutsch. Und das gefiel einigen Kollegen der Muttergesellschaft Zurich Insurance Group nicht, die in Oerlikon Unterschlupf erhalten, solange der Hauptsitz am See renoviert wird. Die Dame solle Englisch sprechen, hiess es in einer Eingabe ans Management von Zurich Schweiz. Sonst seien die englischsprachigen Mitarbeitenden benachteiligt. Durchgekommen ist der Antrag nicht. Den Spott der Kollegen der Schweizer Ländergesellschaft hatten die Kollegen der Zentrale aber auf sicher.

Anspannung wächst

Was klingt wie eine Posse, zeigt, wie gereizt die Stimmung beim Versicherungskonzern ist. Ländergesellschaften und Zentrale waren noch nie engste Freunde. Doch in den vergangenen Monaten, so berichten Angestellte aus beiden Bereichen, sei die Situation immer angespannter geworden. Kaum jemand wisse, wohin die Reise bei Zurich gehe. Und Mario Greco – seit März dieses Jahres Konzernchef – tue wenig dagegen.

«Wir pflegen einen offenen Dialog mit unseren Mitarbeitenden und orientieren sie regelmässig über unternehmensrelevante Themen», heisst es von Zurich dazu nur. «Unsere neue Strategie sowie die neuen Unternehmensziele für die nächsten Jahre werden wir den Mitarbeitenden und der Öffentlichkeit am 17. November vorstellen.» Dabei werde man auch Führungskräften diverse Hilfsmittel zur Verfügung stellen, damit sie ihren Teams die neue Strategie und deren Auswirkungen erklären können.

Höhere Sparziele erwartet

Am Investor Day soll der Italiener seine Pläne für die Zukunft des Konzerns vorstellen. «Was genau dann passiert? Niemand hat eine Ahnung», berichtet ein Kadermitglied. Ob sich die Informationskultur im Vergleich zu früher geändert habe? «Informationskultur kann man das nicht nennen», so ein anderer Manager. Nur bei einer Sache sind sich die meisten einig: Greco dürfte die Sparschraube weiter anziehen. Eine neue Strategie, die auch den Mitarbeitenden zeigt, wo es hingeht, erwartet indes niemand.

Überraschend ist die Verunsicherung vor allem, weil Greco angekündigt hatte, dass man im Konzern enger zusammenarbeiten werde. Man dürfe nicht mehr so viel Energie mit internen Kämpfen verschwenden, so der Chef im Juni.

Guter Leisungsausweis für Greco

Am Anfang sah alles noch nach Aufbruch aus. Noch vor Amtsantritt nannte man Greco Zurich-intern Super-Mario. Denn: Auf dem Papier passte alles. Der Italiener kennt die Versicherungsbranche in- und auswendig und hatte schon zwischen 2007 und 2012 für Zurich gearbeitet, zuletzt als Leiter des Bereichs General Insurance. Dann warb ihn Generali ab, Greco wurde Chef.

Beim italienischen Konzern erarbeitete sich Greco einen guten Leistungsausweis. Zum einen führte er Generali aus den roten Zahlen. Zum anderen schaffte er es, Generali in Sachen Digitalisierung fit zu trimmen – ein Bereich, in dem Zurich viel aufzuholen hat.

Festhalten an alter Zentralisierung

Greco machte sich zu Amtsantritt bei Zurich erst einmal ans Entschlacken und baute die Führung um. Ähnlich wie Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam bei der zweitgrössten Schweizer Bank setzt Greco auf Regionalisierung. Die Regionenchefs von EMEA und Amerika berichten direkt an den Konzernchef. Auch sollten die Ländergesellschaften mehr Verantwortung erhalten.

Doch wirklich geschehen ist das nicht. Bei Entscheiden ab einer gewissen Grösse – etwa der Organisation von Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern - müssen die Länder immer noch alles von der Zentrale absegnen lassen. «Mehr finanzielle Verantwortung gibt es vielleicht, aber keine Freiheiten», heisst es aus einer grossen Ländergesellschaft.

Vertrauen in die Mitarbeiter statt Befehle von oben

Und: Der finanzielle Druck gehe auf Kosten der Innovation. Die Länderchefs sind angehalten, gute Zahlen zu berichten. «Viel Raum für Kreativität bleibt nicht», beschwert sich ein Mitarbeiter. Doch genau die bräuchte es, wenn Zurich in Sachen Digitalisierung zur internationalen Konkurrenz aufschliessen möchte. Will ein Unternehmen kreative Ideen, muss es Vertrauen in die Mitarbeiter setzen, statt starre Entscheide von oben zu fällen – nach dem Vorbild der Firmen im Silicon Valley, die von den kreativen Ideen aller Angestellten profitieren, wie etwa der Tech-Riese Google.

In den Ländergesellschaften fühlt sich das Management zudem von der Gruppenleitung übergangen. Oft würden eigene Entscheide von der Zentrale rückgangig gemacht oder neue Entscheidungen gefällt, ohne die betroffenen Länder zu informieren. So habe man in der Schweiz über die Zusammenlegung von Privat- und Firmenkundengeschäft erst aus den Medien erfahren. Dazu sagt Zurich, die Gruppe pflege «einen regen Austausch mit den regionalen Einheiten und den Ländergesellschaften».

«Greco entscheidet vieles allein»

«Greco entscheidet vieles allein und das frustriert viele hier», berichtet hingegen eine Mitarbeiterin. Auch verwende er «eine teilweise grobe Sprache«. «Vielleicht sind wir Schweizer aber auch vom unschweizerischen Auftreten irritiert», fügt sie an. Unschweizerisch, das heisst übersetzt: Greco ist das Gegenteil von seinem Vorgänger Martin Senn. Der pflegte regelmässigen Austausch mit Mitarbeitern aus allen Hierarchiestufen. Es gab Treffen, in denen Angestellte ihm Fragen stellen konnten. Aber Senn war auch in Sachen Entscheidungen das Gegenteil von Greco – das mangelnde Durchgreifen kostete den Ex-Chef des Konzerns im vergangenen Jahr schliesslich seinen Job. «Wir sind nach jemandem, der nichts entschieden hat, nun bei jemandem, der zu viel allein entscheidet», fasst es ein Manager zusammen. Das irritiere Mitarbeiter vielleicht «übermässig».

Dass so wenig über den 17. November nach aussen dringt, hat womöglich einen simplen Grund: Es gibt keinen grossen Knall. Zunächst wird Greco wohl versuchen, die Investoren kurzfristig zufriedenzustellen – und so mehr Zeit zu gewinnen, um eine nachhaltige Strategie für Zurich zu finden. «Ich erwarte, dass Zurich neue Ziele bekannt gibt für die laufende Strategieperiode, die bis Ende 2018 dauert», sagt Analyst Georg Marti von der ZKB. Insider rechnen mit einer Erhöhung des Sparziels, das bisher mit 1 Milliarde Dollar beziffert wurde. Laut mit der Sache vertrauten Personen könnte es sogar um die Hälfte angehoben werden. «Es könnte gut sein, dass das Synergieziel noch hinaufgesetzt wird, da Greco die Struktur verschlanken will», sagt Marti.
 

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