So tragisch es ist: Der Niedergang der einst grössten Versicherungsgesellschaft AIG (American International Group) hat einen positiven Effekt auf die Schweizer Versicherer. Mit der Verstaatlichung des US-Giganten hat sich der Versicherungsmarkt nur innert einer Woche gewandelt. Waren die Versicherer in den letzten Jahren mit kontinuierlich rückläufigen Prämieneinnahmen konfrontiert, dürfte es nun höchstwahrscheinlich zu einer Trendwende kommen.

Experten vergleichen die derzeitige Situation mit der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Weltweit sorgen die hohen Sturmschäden und die Verluste an den Finanzmärkten für schwindende Eigenmittel bei den Erst- und Rückversicherern. Entsprechend steigt der Nachfragehunger nach Rückversicherungsdeckung, da diese als Substitut für Eigenkapital gilt.

Die Karten werden neu gemischt

Bereits gibt die Münchner Rück bekannt, grossflächig ihre Prämien für 2009 im zweistelligen Prozentbereich zu erhöhen. Die Schweizer Rückversicherung Swiss Re will sich zu diesem Thema nicht äussern. Sie lässt aber verlauten, dass sich das Ende des Prämienkampfes angesichts der hohen Katastrophenschäden und der Finanzmarktkrise beschleunigen dürfte.

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In der Erstversicherung sorgt die AIG-Schieflage auch für eine Neuverteilung der Marktanteile. Gute Chancen hat Zurich Financial Services (ZFS), sich vor allem im globalen und US-Grosskundengeschäft noch besser zu positionieren. Dabei werden hauptsächlich weltweit gültige Versicherungspakete für international niedergelassene Unternehmen ausgehandelt.

«Die Zurich müsste nicht einmal Akquisitionen tätigen. Sie hat das Potenzial, in diesem Bereich organisch und profitabel zu wachsen», sagt René Locher, Analyst bei Sal. Oppenheim. Dies nicht zuletzt, weil durch den Beinahkollaps nun gut qualifizierte AIG-Mitarbeiter in den Markt gelangen.

Zudem dürften auch im Grosskundengeschäft wieder mehr Einnahmen generiert werden. Der Bereich ist hart umkämpft und die vergangenen schadenarmen Jahre haben die Tarife stark unter Druck gesetzt. Mit der Verstaatlichung von AIG scheidet nun der grösste Preisdrücker aus dem Markt. Trotz der positiven Geschäftsaussichten und der seit Anfang Jahr zahlreichen Zukäufen warten ZFS-Investoren noch immer auf die «grosse Akquisition». Dazu kursieren Gerüchte, dass der Erstversicherer allenfalls eine AIG-Versicherungssparte unter das eigene Dach holen wird. Das dürfte laut Experten aber unwahrscheinlich sein. So sind diese Sparten der US-Versicherungen profitabel und solvent. Entsprechend dürfte sich der neue AIG-CEO Edward Liddy nur vom Finanzgeschäft trennen.

«Es ist aber möglich, dass die Zurich bald den erwarteten Coup landen wird», sagt Locher. Als erstes Indiz weist er dabei auf das Ende Juli gestoppte Aktienrückkaufsprogramm hin. Möglicher Übernahmekandidat könnte der türkische Nichtlebenversicherer Yapi Kredi Sigorta sein. So kommunizierte die Führungsspitze, vor allem in jungen Märkten wachsen zu wollen. «Und die Türkei ist ein interessanter Markt mit hohen Wachstumsraten», so Locher. Die Akquisitionskosten werden auf rund 1 Mrd Dollar geschätzt.

Ein weiterer Indikator für eine Übernahme in der Türkei ist Zurich Financials Zukaufsstrategie: Bevor sich der Versicherer im Rahmen einer grösseren Akquisition an der spanischen Banco Sabadell beteiligte, tätigte das Unter- nehmen bereits 2006 und 2008 kleinere Übernahmen im spanischen Markt. Und jetzt zeichnet sich die gleiche Strategie auch im türkischen Markt ab. Im Januar 2008 kaufte ZFS die TEB Sigorta A.S., eine kleinere Übernahme im Bereich Schadensversicherung. Mit der Übernahme von Yapi Kredi Sigorta würde ZFS einen der grössten Nichtlebenversicherer im profitablen türkischen Versicherungsmarkt übernehmen.