Stress ist wie guter Geschmack - jeder glaubt ihn zu haben. Und wer keinen Stress hat, denkt bald einmal, dass er sich zu wenig um seine Karriere kümmert oder nicht ausgelastet ist. Doch Stress ist immer weniger nur ein Modewort, um seinen Lebensumstand zu erläutern. Zunehmend macht er auch krank. «Viele Angestellte stehen unter einem wachsenden Leistungsdruck», sagt Thomas Buberl, CEO Zurich Schweiz, gegenüber der «Handelszeitung». Dies führt bei den Versicherern besonders im Krankentaggeldgeschäft zu stark steigenden Kosten.

Um dieser Entwicklung Gegensteuer zu geben, lanciert die Zurich im Juni für die Schweiz den sogenannten CarePoint. «Damit unterstützen wir die Angestellten unserer Geschäftskunden in Stresssituationen», sagt Buberl. Dabei wird den rund 2 Mio versicherten Mitarbeitern Zugang zu einem Netzwerk, bestehend aus Psychologen und Coaches, geschaffen, um mögliche Arbeitsausfälle durch Stress bereits im Vorfeld vermeiden zu können. Zusätzlich soll die Massnahme dazu verhelfen, dem angestrebten Ziel, Nummer eins auf dem hiesigen Versicherungsplatz, ein Stück weit näher zu kommen. «Zurich hat sich zum Ziel gesetzt, Marktführer in der Schweiz zu werden. Das geht nur über Innovation und erstklassige Dienstleistungen», sagt er.

Burnout kostet 250000 Franken

Als Resultat von Zeitdruck, Unsicherheit und Arbeitsgestaltung hätten die Ausfälle durch psychische Belastungen markant zugenommen, sagt Nancy Wellinger, Leiterin Commercial Produkte Zurich Schweiz. Die wachsende Zahl krankheitsbedingter Ausfälle führt bei den Versicherern zu einer höheren Schadenbelastung. «In den letzten zwei Jahren sind die Krankentaggelder um 20% gestiegen», sagt Wellinger. Allein ein Burnout bei einem Mitarbeiter mit einem Jahressalär von über 100000 Fr. und einem zweijährigen Arbeitsausfall kann schnell 250000 Fr. kosten. «Darin enthalten sind unter anderem Lohnausfall- und Ärztekosten sowie Medikamente und anderes», sagt sie.

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Mit der Lancierung von CarePoint erhofft sich Zurich, die Zahl der Fehlstunden durch Prävention reduzieren zu können. «Expertenschätzungen zufolge sind 30 bis 40% der Arbeitsunfähigkeitszeiten durch Präventionsmassnahmen vermeidbar», sagt Wellinger. Durch das Netzwerk erhalten die bei der Zurich versicherten Firmen die Möglichkeit, Coaching-Stunden einzukaufen. Gemäss Zurich werde der Preis pro Sitzung 30% unter dem Marktpreis liegen.

Hat sich ein Unternehmen dafür entschieden, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, können sich dessen Mitarbeiter auf Wunsch über eine Internetplattform anmelden und ein Coaching buchen. Bei einem direkten Gespräch wird im Anschluss evaluiert, in welcher Form und Zeitdauer die weiteren Sitzungen verlaufen sollen. Ziel ist es, dass die Mitarbeiter frühzeitig Hilfe suchen, um eine mögliche Langzeiterkrankung zu vermeiden.

Konkurrenz wählt andere Wege

Das von der Zurich eingeführte Präventionsmodell zur Verminderung psychischer Krankheiten hat derzeit noch keine Konkurrenz. Zwar habe das Modell seinen Preis, der Nutzen sei jedoch wesentlich höher. «Unsere Erfahrung zeigt: Angestellte schätzen die frühzeitige Hilfestellung bei beruflichen und persönlichen Problemen. Das erhöht die Motivation», sagt Zurich-Schweiz-CEO Buberl.

Die Mitbewerber setzen weiter auf betriebliches Gesundheitsmanagement. Dabei wird unter anderem anhand von Informationsveranstaltungen bei den Unternehmen versucht, ein gutes Arbeitsklima zu schaffen sowie die Reintegration ausgefallener Mitarbeiter zu erleichtern.

Regulierungen: Schweiz nimmt Vorreiterrolle ein

Nicht nur für die Banken, sondern auch für die Versicherer werden die regulatorischen Rahmenbedingungen weltweit diskutiert. «2010 ist das Jahr der Regulierungsdiskussionen», sagt Dieter Wemmer, Finanzchef von Zurich Financial Services (ZFS), im Gespräch mit der «Handelszeitung».

Dabei führt auch die Kapitalausstattung der Versicherer im Rahmen der Lancierung neuer Verordnungen zu Diskussionen. «Die Versicherer brauchen eine risikobasierte Eigenkapitalunterlegung», sagt der Finanzchef.

Bei der Einführung neuer Regulierungen für Versicherer hat aber die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern ihre Hausaufgaben schon gemacht. «Mit dem in der Schweiz bereits 2006 lancierten Swiss Solvency Test (SST) nehmen wir im europäischen Vergleich eine Vorreiterrolle ein», sagt der ZFS-Finanzchef. Denn mit dem Zurückgreifen auf bewährte Prinzipien des Risikomanagements hat der SST der in Europa für Anfang 2013 geplanten Einführung von Solvency II klar vorgegriffen.

Vor diesem Hintergrund dürfte die hiesige Versicherungsindustrie hinsichtlich Anforderungen an die Kapitalausstattung vorerst von neuen Regulierungen verschont bleiben. «Die Versicherer stellen kein systemisches Risiko dar. Und mit dem eingeführten SST sind die Anforderungen an die hiesigen Versicherer bereits höher als bei Solvency I», sagt er. (mw)