Es ist das Privileg der Jugend, Dinge rasch zu erfassen und entsprechend schnell zu handeln. Getreu dem neuen internationalen Werbeversprechen von Corum für ihre edlen Zeitmesser der Haut Horlogerie – es heisst «Unlock and Conquer» – stand für CEO Antonio Calce von Anfang an fest, dass die Marke Corum wieder ein klareres Profil bekommen musste. Deshalb machte er sich, als er von Panerai ins Familienunternehmen Corum wechselte, zuerst an das Entschlüsseln der DNA der Marke.

«Zurückzukehren zu den Wurzeln, bedeutet nicht, dass früher alles besser war», gibt Calce zu bedenken, doch musste er und müsse er noch immer bis tief in den Kern der einst so erfolgreichen Produkte vordringen, um ihre «genetische Anlage» zu verstehen und neu umsetzen zu können. Schliesslich wurden die erfolgreichsten Corum-Kollektionen in den 1960er bis 80er Jahren entwickelt.

Das ist für mechanische Schweizer Uhren eine kurze Zeitstrecke, wenn man deren Ausfall während der Quarzkrise berücksichtigt und bedenkt, dass mechanische Zeitmesser erst wieder seit einigen Jahren derart stark gefragt sind.

Eigentlich eine junge Marke

Corum zählt im Mechanikbereich zu den jungen Marken. Sie wurde erst 1956 lanciert, nachdem sich Uhrmacher Gaston Ries als Privat-Label-Hersteller ein Jahr früher mit seinem Neffen René Bannwart zu diesem Schritt entschlossen hatte. Die beiden ergänzten sich in idealer Weise, hatte sich Bannwart als Uhrendesigner doch bereits einen Namen gemacht. Deshalb erstaunt es nicht, dass ihre erste Corum – eine Drei-Zeiger-Uhr mit Alarmfunktion – bei Uhrenliebhabern und Sammlern sofort Anklang fand.

Von da an verfolgten die beiden Partner das gemeinsame Ziel, innovatives Design auf der Grundlage einer technisch hervorragenden Qualität anzubieten. In den folgenden vier Jahrzehnten sind ihnen herausragende Uhrenkreationen gelungen, die weltweit für Aufsehen sorgten.

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So etwa 1966 die Romulus, benannt nach dem Stadtgründer von Rom: Die grossen römischen Stundenziffern wurden erstmals anstatt auf das Zifferblatt appliziert in die breite Lünette geprägt.

Oder die goldenen Coin Watches, wofür Corums Uhrmacher amerikanische 20-Dollar-Münzen so aushöhlten, dass ein flaches mechanisches Werk eingelegt werden konnte. Dafür begeisterten sich selbst Amerikas Präsidenten Nixon und Carter.

Noch in den 1980er Jahren, als zahlreiche Uhrenmanufakturen im Strudel der Quarzkrise aufgeben mussten, sorgte Corum mit weiteren Kreationen für Aufsehen. So etwa mit der Golden Bridge, die mit einem stabförmigen Uhrwerk, kürzer als ein Streichholz und nicht viel breiter, eingeschalt in einem transparenten Gehäuse aus geschliffenem Saphir, grosse Beachtung fand. Sie war das Resultat einer engen, freien Zusammenarbeit mit dem Meisteruhrmacher Vincent Calabrese. Damit gelang Corum der erste Schritt in den Olymp der Uhrenmanufakturen.

Mit den Engländern aufs Wasser

Mit ihrem Engagement als offizielle Zeitmesserin im Admiral’s Cup, dem bedeutendsten britischen Segelwettbewerb für Hochseeyachten, welcher seit 1957 alle zwei Jahre durchgeführt wird, entwickelte Corum die passenden Segelsportuhren. Die Kollektion Admiral’s Cup ist denn auch zum weltweiten Renner geworden.

Gegen die Jahrtausendwende erlahmte dann aber Corums Erfolg. Eine grosse Modellvielfalt verwässerte die Marke zusehends. Im Jahr 2000 kam es zum Verkauf an Severin Wunderman, der das grosse Geld mit Zeitmessern von Gucci machte, die er seit den 1970er Jahren in seiner Fabrik Severin Montres in Biel in Lizenz herstellte. Nach dem Verkauf seines Unternehmens an die Gucci-Gruppe war der damals 60-Jährige frei – und um gut 200 Mio Fr. reicher.

Calce sorgt für neuen Schwung

Wunderman holte seinen Sohn Michael als Präsident an die Spitze von Corum und suchte eine geeignete Fachperson für das operative Geschäft. Er fand diese im Herbst 2005 im Neuenburger Antonio Calce, der sich – nach zwölf Jahren im globalen Richemont-Konzern – auf ein überblickbares Familienunternehmen freute.

Inzwischen ist der dipl. Ingenieur mit abgeschlossener Betriebswirtschaftsausbildung nicht nur zum Markenkern vorgestossen, um die gemeinsam erarbeitete Strategie nach genauem Businessplan umzusetzen, sondern auch auf bestem Weg, Corum auf allen Ebenen in eine erfolgreiche und profitable Zukunft zu führen. Dass eine Kehrtwende um 180 Grad nicht ohne Verluste geht, war allen Beteiligten von Anfang an klar. So lebt Michael Wunderman heute primär in den USA und betreut das dortige Corum-Geschäft.

Der dynamische CEO spricht Klartext, duldet keine Rollenspiele und weiss zu begeistern. «Jede und jeder der heute 115 Mitarbeitenden weiss, worum es geht, und hat das gemeinsame Ziel vor Augen», sagt Calce. «Maîtriser» – beherrschen – ist eines seiner Lieblingswörter: «Wir müssen alles und jedes beherrschen, von der Produktentwicklung über die Fertigung, die Absatz- und Distributionswege mit den richtigen Partnern bis zur richtigen Preispolitik.» Selbst ein schönes Produkt lasse sich mit der falschen Distribution nicht verkaufen, gibt er zu bedenken.

Corum sei keine Monomarke, mit der schier ausufernden Anzahl von Kollektionen und Modellen musste aufgeräumt werden. Heute beschränkt sich das Unternehmen auf vier Linien und will in die Tiefe, nicht in die Breite wachsen:

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Admiral’s Cup,

Romulus,

Golden Bridge und

Spécialités Horlogères.

In der letztgenannten Linie haben originelle Uhrenmodelle wie die Münzenuhr oder das im letzten Jahr lancierte Tourbillon Platz; die Linie soll das Kunsthandwerk zum Glänzen bringen.

Tiefe statt Breite im Verkauf

Ein weiterer Strategieschritt führte zur Konzentration der Verkaufspunkte auf weltweit 600, verteilt auf Europa inklusive Russland, Asien inklusive Japan, Nord- und Südamerika. «Auch hier Tiefe statt Breite, um die Distributoren schulen zu können und mit ihnen eine langfristige Vertrauensbasis aufzubauen», erklärt Calce und fügt schmunzelnd an: «Aber nicht alles wird abgebaut, die Belegschaft hat in den vergangenen zwei Jahren um 30 junge, motivierte Fachpersonen zugelegt.»

Künftig sollen weitere Uhrwerke entwickelt werden, um für jede der vier Kollektionen eigene Manufakturwerke zur Verfügung zu haben. Folgerichtig ist Corum letztes Jahr der Fondation de la Haute Horlogerie beigetreten. Calce: «Wir fertigen heute in unseren Ateliers rund 20000 Zeitmesser im Jahr. Ihr Durchschnittspreis beträgt 7000 Fr., das sind dreimal mehr als noch vor einigen Jahren. Und wir arbeiten Gewinn bringend.» Trotzdem, es gebe noch viel zu tun, vor allem in der Mitarbeiter- und Verkaufspersonal-schulung. «Nicht zu viel auf einmal wollen, aber alles richtig machen», lautet Calces Devise, denn Corum besitze noch ein grosses Potenzial.