Für Stephan Michel, Sprecher des zweitgrössten Schweizer Krankenversicherers CSS, ist klar: «Die klassischen Halbprivat- und Privatversicherungen sind Auslaufmodelle. Jetzt sind neue Lösungen gefragt.» Zum Beweis: Bei der CSS verringerte sich in den letzten fünf Jahren die Zahl der Spitalzusatzversicherten um 26000 Personen auf 160300 Versicherte. Dieser Verlust konnte jedoch mit dem neuen Produkt Standard Plus wettgemacht werden. Es zählt jetzt 43000 Versicherte oder rund 29000 mehr als vor fünf Jahren. Standard Plus gilt als sogenanntes Flex-Produkt. Michel erklärt: «Der Kunde entscheidet sich erst vor dem Spitaleintritt für die Abteilung, und je nach Wahl beteiligt er sich mehr oder weniger an den Kosten.» Entsprechend günstiger sind die Prämien beim
Flex-Produkt, verglichen mit den klassischen Spitalzusatzversicherungen.

Bei diesen konnten die meisten Versicherer zwar 2007 dank moderaten Prämienerhöhungen oder gar Nullrunden den langjährigen Negativtrend abschwächen. Auch für 2008 sind in der Branche mehr oder weniger wieder Nullrunden angesagt. Doch die Spitalzusatzversicherungen werden unter Druck bleiben, solange die obligatorische Grundversicherung teurer wird. Denn je mehr Geld die Versicherten dafür ausgeben müssen, desto weniger können sie sich die freiwilligen Zusatzversicherungen leisten.

Flex-Modelle weit verbreitet

Von der Erosion der klassischen Spitalzusatzversicherungen sind mehr oder weniger alle Anbieter betroffen. Günstigere Lösungen sind deshalb überall gefragt. Die meisten grösseren Kassen versuchen es mit ähnlichen Rezepten. So sind etwa Flex-Modelle wie bei der CSS weit verbreitet. Beispiel ÖKK: Hier hat der Zuwachs an Flex-Versicherten mit einer Quotensteigerung um 2% den Rückgang bei den klassischen Spitalzusatzversicherungen wie bei der CSS mehr als kompensiert. Erfolgreich sind laut ÖKK-Sprecher Daniel Hürzeler auch Kollektivverträge, von denen 43% der Zusatzversicherten mit bis zu 25% Rabatt und erleichterten Aufnahmebedingungen profitieren.
Bei der Helsana wiederum werden neben dem Flex-Modell eine reine Hotellerieversicherung, einschränkende Spitallisten und hohe Franchisen als weitere Sparvarianten propagiert. «Die neueren Produkte zeigen klar steigende Versichertenzahlen», sagt Sprecher Thomas Lüthi. Dank ihnen verzeichnet auch Helsana beim Spitalzusatz insgesamt doch ein Wachstum, obwohl nur noch 20% ihrer Grundversicherten einen traditionellen Spitalzusatz halbprivat oder privat haben. Das entspricht gegenüber 2002 einem Minus von 6%.
«Die Nachfrage dreht sich immer mehr um den Komfort des Patienten und um flexible Lösungen wie zum Beispiel die Wahl der Abteilung unmittelbar vor dem Spitaleintritt», bestätigt Yves Seydoux von der Groupe Mutuel den allgemeinen Trend.
Die Krankenkasse Visana wiederum versucht den Kosten- und Prämiendruck unter anderem mit Gesundheits- und Schadenfreiheitsrabatten sowie noch höheren Franchisen mit Prämienrabatten von bis zu 65% aufzufangen. Das sind alles Rezepte, wie sie auch die Konkurrenten zusätzlich zu ihren Flex-Modellen anwenden. Visana-Sprecher Christian Beusch spricht denn auch von einer «positiven, wenn auch nicht umwerfenden Bilanz. Deshalb prüfen wir neue, zusätzliche Varianten». Genaue Angaben will er noch nicht machen.

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Drei Kassen scheren aus

Nicht in den allgemeinen Tenor der Branche einstimmen möchten die drei Krankenversicherer Swica, Sanitas und Concordia. Bei der Swica können – im Unterschied zu den meisten anderen Krankenversicherern – die Spitalzusatzversicherten zwischen Lebensalter- und Abschlussaltertarif wählen. «Wer sich zum Beispiel mit 26 Jahren für eine Spitalzusatzversicherung entscheidet, bezahlt immer die Prämien eines 26-Jährigen», erklärt Swica-Kommunikationschef Philipp Lutz. Und Sanitas-Sprecherin Isabelle Vautravers stellt klar: «Aus unserer Sicht sind die klassischen Spitalzusatzversicherungen keine Auslaufmodelle.» Mit knapp 27% Anteil an halbprivat und privat Versicherten verzeichnet die Sanitas tatsächlich immer noch überdurchschnittlich hohe Werte, und der Rückgang in den letzten fünf Jahren war nur gering. Gar stabile Zahlen weisen die Swica und die Concordia in diesem Segment aus.
Trotzdem bieten alle drei ebenfalls mit wachsendem Erfolg Flex-Modelle mit – Beispiel Sanitas – Up-Grading-Möglichkeiten beim Spitalkomfort und überdurchschnittlichen Auslanddeckungen an. Zudem kann das Modul Privatarzt und Spitalkomfort getrennt werden. «Der Versicherte braucht so nur die Leistung zu bezahlen, die ihm wichtig ist», so Vautravers.
Sämtliche Krankenversicherer versuchen zudem, durch verstärkte Zusammenarbeit mit den verschiedenen Leistungserbringern die Kosten zu senken. Gesprochen wird dabei von Stichworten wie Managed Care, integrierten Modellen, Leistungs- und Fallmanagement oder H-Care. Dabei gemeint sind kontrollierte medizinische Gesamtkonzepte, bei denen die Fallbehandlung vom Arzt bis zum Spital aufeinander abgestimmt wird.
«Bei allen Einschränkungen, welche die Patienten mit neuen Modellen in Kauf nehmen, bleibt die freie Wahl des Leistungserbringers am wichtigsten», gibt Yves Seydoux zu bedenken. Die Krankenversicherer müssten folglich Produkte konzipieren, die den individuellen Bedürfnissen Rechnung tragen und gleichzeitig ökonomische Anreize bieten würden. In diesem Sinne werde die Zukunft Managed Care und ähnlichen Produkten sowohl für individuell Versicherte wie auch für Unternehmen mit Kollektivverträgen gehören.