Spätestens, seit Ende August landesweit Strompreiserhöhungen angekündigt wurden, sehen sich verärgerte Strom-grossverbraucher nach neuen Lieferanten um. Das sollte eigentlich keine Sache sein, wird doch am 1. Januar 2009 der Strommarkt für Grossbezüger geöffnet. Doch viele Elektrizitätswerke zeigen wenig Interesse an neuen Abnehmern. «Wir konzentrieren uns auf unsere bestehenden Kunden», sagt Stefan Meyre, Leiter Marketing und Verkauf des Kantonalzürcher Stromwerks EKZ. Ähnlich klingt es beim EWZ, dem Stadtzürcher Werk: «Wir gehen derzeit nicht aktiv auf mögliche Kunden zu», sagt Mediensprecher Harry Graf.

Grosse Werke wie BKW, Atel oder Rätia Energie haben zwar Marketingaktivitäten gestartet, wie auf Nachfrage zu erfahren ist. Die Werke sehen aber davon ab, lukrative Grosskunden mit grosszügigen Rabatten zu ködern.

Vor nur sechs Jahren sah die Situation in der Schweiz noch ganz anders aus. 2002 stand mit dem später verworfenen Elektrizitätsmarktsgesetz die Strommarktöffnung für Grosskunden erstmals vor der Türe. Die Credit Suisse schrieb damals ihren gesamten Strombezug aus und versetzte die Lieferanten landesweit in Aufregung. In Zürich buhlten Atel und EKZ um grosse Kunden, das städtische EWZ schlug mit hohen Rabatten zurück.

Keine Ausverkaufsstimmung

Von einer solchen Ausverkaufsstimmung beim Strom können Grosskunden heute nur träumen. Die ABB zum Beispiel hat nach Ankündigung der Strompreiserhöhungen Kontakt zu Lieferanten aufgenommen. «Die angekündigte Erhöhung trifft uns voll», sagt Mediensprecher Lukas Inderfurth. Doch die ABB wird die Preiserhöhungen wohl schlucken müssen. Zwar gab es Offerten anderer Stromlieferanten. Doch die neuen Mitspieler auf dem Markt boten höhere Preise als die bestehenden Lieferanten ? obwohl diese zum Teil massiv aufgeschlagen haben.

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Ähnlich sieht die Situation bei Novartis aus. Der Pharmariese bleibt auch nächstes Jahr seinen Lieferanten treu, obwohl beispielsweise die lokalen IWB durch happige Preisaufschläge auffielen. Die Kosten im freien Markt, so heisst es bei Novartis, seien zurzeit höher als bei den jetzigen Lieferanten. Konkurrentin Roche hatte Offerten von anderen Stromfirmen auf dem Tisch ? doch es war ihr jetziger Lieferant, der das beste Angebot machte, wie auf Anfrage bestätigt wird.

Heute ist Strom knapp

Doch weshalb ist die Situation heute so anders als vor sechs Jahren? Damals habe es am Markt relativ günstigen Strom zu kaufen gegeben, erklärt Hubert Zimmermann, Leiter des Geschäftsbereichs Vertrieb beim Aargauer Werk AEW Energie AG. «Heute ist Strom knapp, viele Versorger haben gar keine Kapazitäten, um neue Kunden zu beliefern.» Wollen die Firmen dennoch neue Kunden akquirieren, müssen sie den Strom an der Strombörse einkaufen. Im Fall der EKZ ist der dortige Preis doppelt so hoch wie jener, den das Werk derzeit seinen Grosskunden verrechnet, wie Stefan Meyre erklärt. Das macht es unmöglich, lokale Lieferanten auszustechen.

Lieber an die Strombörse

Zwar gibt es durchaus Stromwerke, die mehr Energie produzieren, als sie verkaufen können. Doch diese suchen auch keine neuen Kunden, weil sie bereits einen bequemen Absatzkanal haben: Sie können die Energie an der Strombörse verkaufen.

Für Rätia Energie etwa ist es lukrativer, den Strom an die Strombörse zu bringen, statt neue Kunden zu gewinnen, wie Mediensprecher Werner Steinmann bestätigt. Bei einem Verkauf an der Börse braucht es weder teure Marketingaktivitäten noch grosse neue Verkaufsteams.

Ein Gesetz als Marktverhinderer

An dieser Situation wird sich so schnell nichts ändern ? dafür sorgt ausgerechnet das Gesetz, das die Marktliberalisierung ermöglichen soll. In der Verordnung zum Stromversorgungsgesetz ist festgelegt, dass bestehende Kunden auch nach dem 1. Januar 2009 zu einem Preis beliefert werden müssen, der sich «an den Gestehungskosten orientiert».

Was diese Passage genau bedeutet, wissen zwar weder Gesetzgeber noch Strombranche genau, weshalb eine Kommission nun bis Ende Jahr eine allgemein akzeptierte Interpretation der Vorschrift erarbeiten soll, wie Josef A. Dürr, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), bestätigt.

Klar ist aber, dass der Passus die Elektrizitätswerke dazu verpflichtet, ihren bestehenden Grosskunden die Energie ungefähr zu Produktionskosten plus einem Gewinn zu liefern. Dieser Betrag dürfte meist weit unter den Marktpreisen liegen, weshalb die Regelung für VSE-Direktor Dürr «jeglicher marktwirtschaftlichen Logik» widerspricht.

Ironischerweise wird diese Schutzklausel wohl dafür sorgen, dass Grossbezüger auch längerfristig ihren Lieferanten treu bleiben. Die heutigen Preise für Industriekunden liegen in der Schweiz im Vergleich zum Ausland eher tief (siehe Grafik). Natürlich werden sich die Grossverbraucher diesen Wettbewerbsvorteil zu sichern versuchen. Zudem: Kehren sie ihrem bisherigen Lieferanten einmal den Rücken, sind sie laut Gesetz für immer und ewig den Marktpreisen ausgeliefert.

 

 

nachgefragt


«In einzelnen Fällen wurden Fehler gemacht»

Josef A. Dürr, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), äussert sich zu steigenden Strompreisen und der Forderung nach einem Einfrieren der Netztarife.

Derzeit untersucht die Elektrizitätskommission die Strompreiserhöhungen. Werden die Erhöhungen rückgängig gemacht?

Josef A. Dürr: Zu massiven Korrekturen wird es nicht kommen. In einzelnen Fällen gibt es wohl Interpretationsspielraum oder es wurden Kalkulationsfehler gemacht. Diese Fehler müssen korrigiert werden.

Gefordert wird jetzt ein Einfrieren der Gebühren für die Stromdurchleitung.Dürr: Das ist nicht durchführbar, weil Referenzgrössen fehlen. Netzgebühren wurden nie separat ausgewiesen, das ist erst 2009 der Fall.

Heute produziert die Strombranche doch auf längst abgeschriebenen Anlagen billigen Strom, den sie uns jetzt teuer verkauft.

Dürr: Die Stromwirtschaft ist eine normale Industrie. Sie muss nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden und korrekt abschreiben, damit genug Geld da ist, um Anlagen zu ersetzen. Viele Gemeindewerke werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren Probleme haben, weil ihnen die Mittel für Erneuerungen fehlen.

Hans E. Schweickardt, Präsident der Netzgesellschaft Swissgrid, erwartet bis 2013 eine Preiserhöhung um 50 bis 100%. Sie auch?

Dürr: Wir glauben auch, dass die Preise steigen werden, aber nicht in dem prophezeiten Masse. Wir haben bei den Preisen für die Stromdurchleitung aufgrund des Systemwechsels einen einmaligen Effekt gesehen. Bei der Energie wird der Markt spielen. Die Schweiz hat dank Wasserkraft und Kernenergie einen wettbewerbsfähigen Produktionspark. Längerfristig kommt es darauf an, ob wir die Produktionskapazitäten erhöhen können. Müssen wir viel Strom importieren , werden die Preise deutlich steigen.