Blickt Herbert Haas, der Vorstandsvorsitzende der deutschen Versicherungsgruppe Talanx, aus seinem Bürofenster, dann schaut er direkt auf das imposante Gebäude des Finanzvertriebs AWD. «Carsten Maschmeyer und ich haben ein gutes, freundschaftliches Verhältnis», beschreibt Haas seine Beziehung zum AWD-Gründer. Und dieses Verhältnis ist den letzten Monaten gar noch enger geworden. Grund ist die Swiss Life. Die beiden Hannoveraner Konzerne haben in jüngster Zeit mit ihren strategischen Schritten beim Schweizer Lebensversicherer für Schlagzeilen gesorgt: Zunächst für eine Überraschung, dann für grosse Verunsicherung und seit einem Monat für Entspannung.

Der grosse Expansionsschritt

Das erste Kapitel schrieb der charismatische AWD-Chef. Ende 2007 verkaufte Maschmeyer sein Lebenswerk den Schweizern, die sich damit einen wichtigen Vertriebskanal sicherten und auf die Erschliessung neuer Märkte, namentlich in Osteuropa, hofften. Die Überraschung für diesen Coup war perfekt, doch kam es zu Unruhe in beiden Konzernen. Es stellten sich Fragen nach den Synergien, der Unabhängigkeit und den Unternehmenskulturen.

Kritiker sahen ihre Vorbehalte bestätigt, als Maschmeyer im Geheimen ein Aktienpaket von 24,3% am deutschen Finanzvertrieb MLP, einem Konkurrenten von AWD, zusammenkaufte und Swiss Life im August 2008 zu dessen Kauf drängte. Maschmeyer träumte vom weltweit führenden Finanzvertrieb. Für Swiss Life verschärften sich die Probleme: MLP wehrte sich mit Händen und Füssen gegen die Angriffe und boykottierte Swiss-Life-Produkte; die Aktien des Schweizer Konzerns rasselten in den Keller; Investoren und Analysten erkannten bei Swiss Life keine stringente Strategie. Zudem zerzauste die Finanzkrise die Anlagen und die Solvabilität. Der Konzern revidierte seine Ziele, straffte die Kosten und baute Stellen ab.

Anzeige

Den gordischen Knoten durchschnitt schliesslich die Talanx, die im März 2009 bei Swiss Life einstieg und maximal 9,9% der Aktien erwerben wird. Ausserdem übernahm Talanx einen Anteil von 8,4% an MLP. Damit beruhigte sich die Situation schlagartig, und der vor allem kostspielige Ausflug ins MLP-Aktionariat fand ein Ende.

AWD und Talanx sind Profiteure

Maschmeyer ist mitterweile als CO-CEO von AWD zurückgetretten und nimmt am 7. Mai Einsitz im Swiss-Life-Verwaltungsrat. Damit sollen Interessenkonflikte vermieden werden; ausserdem will Swiss Life ihr Wissen und die Branchenerfahrung nutzen, um die von Problemen nicht verschonte AWD bestmöglich zu positionieren. Zudem besitzt Maschmeyer 8% an Swiss Life. Mit den beiden deutschen Grossaktionären ist Swiss Life vorderhand nicht mehr der Übernahmekandidat, der es angesichts des Aktientiefstkurses zu Jahresbeginn noch war. Die Strategie ist wieder klarer. Grösste Gefahr sind jedoch die Finanzmärkte, insbesondere allfällige Ausfälle bei Unternehmensanleihen, die für Swiss Life ein erhebliches Anlagerisiko bilden.

Profiteure sind AWD und Talanx. Für Maschmeyer und Haas ist Swiss Life ein gutes Finanzinvestment. Zudem hat sich Talanx für wenig Geld Zutritt zu exklusiven Vertriebskanälen geschaffen und wird den guten Namen und die «Swissness» von Swiss Life für ihre Expansionsstrategie nutzen.