Wenn Michel Kunz im April die Nachfolge von Ulrich Gygi antritt, sind zwar die gröbsten Baustellen des gelben Riesen saniert - das Projekt Ymago, die Schaffung von knapp 200 Agenturstellen, und das Projekt Rema, die Neuorganisation des Briefverkehrs, sind abgeschlossen. Doch für Kunz steht mit der Monopolsenkung auf 50 g im Briefbereich diesen Sommer gleich die nächste Herkulesaufgabe an.

Finanzkrise hinterlässt Spuren

Die Marktöffnung kommt zudem in einer Zeit mit schwer rückläufigen Sendevolumen. Gygi wird im Frühjahr kein Rekordergebnis präsentieren und selbst bei der Cashcow PostFinance hinterlässt die Finanzkrise Spuren. Es wäre illusorisch zu glauben, dass es Kunz und dem neuen VR-Präsidenten Claude Béglé schnell gelingen wird, eine Banklizenz zu beschaffen, um dem einzig wirklich rentabel wachsenden Geschäftsbereich das Aktivgeschäft zu ermöglichen.

Herausforderung genug wird es für den 49-jährigen ETH-Ingenieur Kunz sein, nicht zu viele Marktanteile an die neue Konkurrenz im Briefbereich zwischen 50 und 100 g zu verlieren. Die grössten Mitstreiter DPD und DHL haben nach der Öffnung des Paketgeschäfts 2004 Boden wettgemacht, in den letzten Jahren aber wieder an die Post verloren. Ein zweites Mal werden sie nicht dieselben Fehler machen. Peter Sutterlüti vom Verband der privaten Postanbieter hat hohe Erwartungen in die neue Postführung: «Wir hoffen auf ein echtes Bekenntnis zur weiteren Liberalisierung und vor allem einen fairen, marktgerechten Zugang zu den Infrastrukturen und Zustelldiensten der Post sowie die Anerkennung der Privatanbieter als Geschäftskunden der Post, die Briefe ihrer Kunden gebündelt aufgeben können.»

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Natürlich sollte der Zweck der weiteren Liberalisierung bessere Dienstleistungen und vor allem wettbewerbsfähige Preise für die Kunden sein. Für Kunz, der 1994 zur Post kam und 1999 die ehemaligen Sorgensparte Pakete während der Päcklikrise übernahm, dürfte es allerdings schwierig werden, angesichts neuer Kostenblöcke wie Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe LSVA, Mehrwertsteuer und schwankender Treibstoffpreise die Preise nicht nach oben zu schrauben. Dass der passionierte Jogger und Vater zweier Töchter ins Kreuzfeuer der Kritik geraten wird, ist so gut wie sicher.

Doch Kunz ist gemäss Marktkennern einiges zuzutrauen. Der ehemalige Postregulator und Economiesuisse-Geschäftsleitungsmitglied Martin Kaiser sagt: «Ich habe Kunz als harten, aber fairen Verhandler erlebt.» Kunz habe sich zukunftsorientiert gezeigt: «Er macht die Analyse richtig und weiss deshalb, dass die Marktöffnung kommt. Also will er sie lieber gestalten als ertragen.»

Als Kunz grosse Herausforderung sieht Kaiser nicht nur die weitere Marktöffnung, sondern auch die Positionierung im internationalen Wettbewerb. Essenziell für allfällige Allianzen seien die Eignerverhältnisse. Mit der Form der staatlichen Anstalt seien die Möglichkeiten der Schweizer Post allerdings begrenzt.

Post: «Allein ist sie zu schwach»

Bestens vernetzt, um Allianzen zu schmieden, ist der designierte Verwaltungsratspräsident Béglé. Der 58-jährige Waadtländer, der im April 2009 sein Amt antritt, war zuletzt als Vizepräsident der Deutschen Post tätig und verfügt über fundierte Auslanderfahrungen in Postunternehmen. Dass für ihn die Frage der Allianz essenziell ist, machte er bereits in seiner Funktion als CEO der privaten Paketpost DPD, einer Tochter der französischen GeoPost, 2005 in einem Interview mit der «Handelszeitung» klar: «Es gibt für die Schweizerische Post zwei Strategien: Entweder geht sie eine Allianz mit einem grösseren Postnetzwerk ein - ähnlich wie der Beitritt zu einer Airline-Allianz. Oder sie bleibt unabhängig und macht die Arbeit für alle. Allein ist sie zu schwach.»

Das Know-how der neuen Kapitäne ergänzt sich also ideal. Ob sie Erfolg haben, hängt davon ab, ob sie am selben Strick ziehen.