Im September 2008 sprach Helsana noch davon, bei den Kapitalanlagen mit einer schwarzen Null abzuschliessen. Nun mussten Sie einen dreistelligen Millionenverlust beim Geschäftsergebnis bekannt geben. Waren Sie blind?

Manfred Manser: Nein. Ende August 2008 lag die Performance unserer Anlagen tatsächlich noch bei einem Minus von 1,25% und nicht bei 6,62% wie Ende November. Eine dramatische Verschlechterung der Lage trat erst nach der Eskalation der Finanzkrise im Oktober ein, obwohl wir unseren Aktienanteil stabil hielten.

Warum haben Sie doch noch so viel auf den Anlagen verloren?

Manser: Durch die heftigen Marktverwerfungen verloren auch Unternehmensanleihen, die als sehr sicher gelten, massiv an Wert. Insbesondere ausländische Anleihen, weil parallel dazu die Fremdwährungen gegenüber dem Franken stark nachgaben.

Wieso war gleichzeitig nicht voraussehbar, dass die Gesundheitskosten im letzten Quartal 2008 massiv steigen würden?

Manser: Die Gesundheitskosten sind das ganze Jahr gestiegen. Allerdings erkennen wir die effektive Kostenentwicklung frühestens nach drei bis vier Monaten. Erstens verstreicht zwischen Behandlung und Rechnungsversand oft viel Zeit. Und zweitens dauert es zusätzlich, bis die Rechnungen landen. Wenn wir die neuen Prämien kalkulieren, stützen wir uns also auf alte Daten und treffen Annahmen. Diese waren zu optimistisch.

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Wo orten Sie die Hauptkostentreiber?

Manser: Es gab eine Mengenausweitung. Ausserdem stellen wir im Spitalbereich eine Verlagerung vom stationären zum ambulanten Bereich fest?

? was eigentlich eine Kostensenkung bewirken sollte.

Manser: Ja, aber die stationären Kosten blieben gleich hoch.

Welche Massnahmen ergreifen Sie nun?

Manser: Anlageseitig haben wir unsere Positionen gründlich überprüft und entschieden, die bisherige Anlagestrategie grundsätzlich beizubehalten. Den Aktienanteil, den wir schon 2007 reduziert hatten, behalten wir bei etwa 12%. Und die Währungsrisiken haben wir grösstenteils abgesichert. Darüber hinaus haben wir die eigenen Betriebskosten auf den Zahlen des Budgets 2008 eingefroren. Zudem versuchen wir die Dynamik bei den Leistungskosten zu beeinflussen.

Wie?

Manser: Indem wir bei der Preisbildung und der Tarifgestaltung mitreden. Das ändert aber vorderhand wenig an unserem Auszahlungsvolumen von 80 bis 100 Mio Fr. pro Woche. Im Durchschnitt steigen die Kosten in der Grundversicherung um 4 bis 5%. Am gewichtigsten sind dabei die ambulanten Leistungen im Spital, also die zu hohen Taxpunktwerte. Weiter sind die Medikamentenpreise zu nennen.

Welche Konsequenzen haben die finanziellen Fehleinschätzungen für die Prämienzahler?

Manser: Wir hoffen, dass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bei den laufenden Vorhaben etwas unternimmt, also bei den Medikamentenpreisen und bei den Labortarifen, und dass die Kantone mithelfen, die Tarife im ambulanten Spitalbereich anzupassen. Wünschenswert wäre ein Taxpunkt-Höchstwert in der ganzen Schweiz von beispielsweise 90 Rp. Jetzt liegen die höchsten Kantone bei 96 Rp.

? und wenn das alles nicht klappt?

Manser: Dann ist je nach Szenario, das unser Branchenverband Santésuisse berechnet hat, ein zweistelliges Prämienwachstum nötig.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Prämien daher schon Mitte 2009 erhöht werden müssen?

Manser: Für die Helsana-Gruppe kann ich das ausschliessen, da wir trotz des Jahresverlusts 2008 finanziell immer noch kerngesund sind. Für andere lege ich die Hand nicht ins Feuer.

Was muss geschehen, dass die Prämien 2010 oder 2011 zweistellig wachsen?

Manser: Wenn sich die Gesundheitskosten zum Beispiel wegen einer Epidemie in einem Jahr statt um 5 um 6% oder mehr verteuern, dann ist ein zweistelliges Prämienwachstum unausweichlich. Denn wegen der vom Bund verordneten Reservesenkung der Krankenversicherer ist die Luft jetzt draussen. Die Berechnungen unseres Verbandes gehen davon aus, dass vereinzelte Kassen im laufenden Jahr unter die Mindestreserven fallen werden.

Die grossen Krankenversicherer sollen bis 2010 ihre Reservequoten auf 10% des Prämienvolumens senken. Zudem sollen bis 2012 auch die kantonalen Reserven angeglichen werden. Das könnte aber auch das Prämienwachstum hemmen, oder?

Manser: Der politisch motivierte Reserveabbau, dank dem die Prämienentwicklung in den letzten drei Jahren künstlich tief gehalten wurde, erweist sich als Bumerang. Die meisten Versicherer haben von den Reserven gelebt, und die guten Kapitalanlageergebnisse haben das überdeckt. Aber demnächst wird ganz einfach nichts mehr da sein zum Aufzehren. Szenarien unseres Verbandes gehen sogar davon aus, dass die Reserven der Krankenkassen in zwei Jahren schon bei null liegen werden, weil der politische Druck die Branche daran hinderte, die Prämien bedarfsgerecht zu erhöhen.

Was heisst das?

Manser: Wir wollten die Prämien für das Jahr 2009 um durchschnittlich 3,9% erhöhen. Aber das BAG hat uns zu Prämiensenkungen in sechs Kantonen genötigt, weshalb die Erhöhung nur 2,6% betrug. Wir starten also mit einem zusätzlichen Prämienfehlbetrag ins Geschäftsjahr 2009. Zusätzlich, weil bereits in unserer Erhöhung von 3,9% ein beachtlicher Verlust zu Lasten unserer Reserven einkalkuliert war.

Sie fordern statt Reserve-Mindestsätzen ein solvenzbasiertes Risikomanagement, wie es für die Privatassekuranz und Krankenzusatzversicherungen bereits gilt. Aber hätte das Ihre schlechte Performance verhindert?

Manser: Nein, die Finanzkrise ist ein globales Phänomen, dem man als Krankenkasse nicht entrinnen kann. Das Risiko-Kontrollmodell Swiss Solvency Test (SST), mit dem wir in der Zusatz- und Unfallversicherungen bereits arbeiten, verhindert ein Finanzdebakel nicht. Doch lenkt es die Aufmerksamkeit dorthin, wo eine Versicherung stark sein muss - auf das Eigenkapital.

Das heisst?

Manser: Der SST schärft das Risikobewusstsein und erlaubt eine gezielte Risikosteuerung. Eine willkürliche Mindestquote im Verhältnis zum Prämienvolumen schert einfach alles über einen Kamm. Unabhängig davon, welchen Risiken eine Gesellschaft ausgesetzt ist.

Risiko Gesundheitskosten: Wo sehen Sie am meisten Potenzial, um die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen?

Manser: Nebst den beschriebenen Massnahmen zur Preissenkung muss auch der Leistungskatalog der Grundversicherung überarbeitet werden, weil er jedes Jahr munter erweitert wird.

Sie streben eine Rationierung an?

Manser: Nein, aber es muss eine stärkere Kosten-Nutzen-Betrachtung stattfinden. Es sind mehr Guidelines nötig, um Fragen zu klären, was wo angewendet werden soll und wo eben nicht. Es geht also nicht um Streichung, sondern um Anwendungseinschränkungen.

Wie soll das geschehen?

Manser: Ein unabhängiges Institut könnte solche Kosten-Nutzen-Analysen durchführen und so den Weg aus der heutigen Beliebigkeit weisen. In Deutschland gibt es mit dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bereits eine derartige Einrichtung.

Wie stark wären die Einsparungsmöglichkeiten?

Manser: Man muss von einer langfristigen Wirkung ausgehen. Ich schätze, in zehn Jahren könnten wir in der Schweiz mit einem solchen Institut 10% der Gesundheitskosten eindämmen, ohne dass sich die Versorgungsqualität verschlechtert.

Und welche Rolle hätten hier die Krankenversicherer?

Manser: Wir müssten vermehrt hinterfragen, was uns in Rechnung gestellt wird, und das Institut mit der Ausgestaltung von konkreten Empfehlungen beauftragen. Die Krankenversicherer müssten also klar in die Versorgungsforschung investieren.

Wie wichtig ist eine weitere drastische Konsolidierung der Krankenkassenlandschaft?

Manser: Sicher wird die Zahl auf ungefähr 10 grosse Gruppen und nochmals etwa 10 bis 20 Nischenkassen zusammenschrumpfen. Ich denke, dass schon die aktuelle Finanzkrise vor allem auf einzelne Kassen Auswirkungen hat und die eine oder andere anlehnungsbedürftig wird.

Sie wollten im letzten Jahr die soziale Krankenversicherung reformieren und eine zweigeteilte Grundversicherung einführen. Nun ist der Ständerat in der Wintersession aber nicht auf die Vorlage zur Lockerung des Vertragszwanges eingegangen. Was bedeutet das für Helsana?

Manser: Da sich der Nationalrat ohnehin mit dem Bereich Managed Care befassen muss, bleibt das Thema weiter auf dem Tisch. Managed Care beinhaltet ja bereits Elemente der zweigeteilten Grundversicherung. Wenn wir durch frei verhandelbare Verträge die Zahl der Partner beeinflussen können, dann ist mit einem vergleichbaren Einsparpotenzial zu rechnen wie beim herkömmlichen Managed Care.

Wie viel?

Manser: Es sind sicher zwischen 5 und 15%.