Mit «Pop Art» verbinden wir spontan poppige Motive, dargestellt in einem poppig bunten Stil, wie er in den 60er Jahren in der Kunst, der Mode und im Design typisch wurde. Doch als der Begriff in den 50er Jahren erstmals aufkam, stand er zunächst für die Massenkultur selbst – für Comicstrips, Sciencefiction-Filme, Jukeboxes etc. Es mag auf den ersten Blick überraschen, doch obwohl die Bildquellen amerikanisch sind, ist Pop Art keine amerikanische Erfindung. Britische Architekten, Theoretiker und Künstler setzten sich schon Mitte der 50er Jahre mit der Bildwelt der Massenmedien auseinander. Avantgardisten in Paris, Düsseldorf und Mailand folgten. Schon bald begannen Künstler beidseits des Atlantiks, sich mit der Bildwelt der Massenmedien zu befassen.

Gut heisst für Fachleute früh

Die Haltungen, mit denen europäische Maler wie David Hockney, Richard Hamilton, Niki de Saint Phalle oder Gerhard Richter diese damals völlig neuen Bilder verarbeiteten, sind das Thema der knapp 90, mehrheitlich grossformatigen Werke der Ausstellung «Europop» im Zürcher Kunsthaus. «Das Kunsthaus besitzt hiervon eine ganz gute Kollektion», so Kunsthausdirektor Christoph Becker, «und gut heisst für Fachleute immer früh – also in diesem Fall von 1960 bis 1965.» Die Werke der 24 Künstlerinnen und Künstler sind um die Motivkreise «Konsum», «Spektakel», «Medien» und «Freizeit» gruppiert und werden mit einzelnen amerikanischen Spitzenwerken von Andy Warhol, Tom Wesselmann, Claes Oldenburg und Roy Lichtenstein konfrontiert.

Pop Art stellt nicht in erster Linie eine Technik oder einen Stil dar, sondern eine Haltung. Sie ist auch nicht eigentlich lanciert worden. «Die Zeit von 1950 bis 1970 ist die Epoche, in der sich Pop über die europäische Kunstlandschaft legt», wie es Tobia Bezzola, der Kurator der Ausstellung, ausdrückt. Die europäischen Künstler griffen damals zentrale amerikanische Bilder und Motive auf und entwickelten sie weiter. Gerade zu Anfang rief Pop jedoch viel Hass hervor. Der Einfall der bunten US-Massenkultur in die damals noch schwarzweisse (Film-, TV- und Plakat-)Kultur Nachkriegseuropas polarisierte. Die Motive stammten von der Strasse und spiegelten gesellschaftliche Entwicklungen wider. Kritik von oben liess nicht lange auf sich warten, wobei die Empörung in erster Linie moralischer Natur war. Die neue Kunst sei «unzüchtig», «ein tragischer Karneval», «überheblich und oberflächlich». Selbst die europäischen Pop-Künstler pendelten zwischen Faszination und Abwehr und schufen durchaus auch distanzierte bis zynische Stellungnahmen. Die bunten Bilder der Hochglanzmagazine, der Plakatwände und der Filmleinwände wurden mal ironisch und humorvoll, mal kritisch und subversiv, mal naiv und bewundernd verarbeitet. Was die Künstler eint, ist ihre Methodik, zentrale Bilder als Ausgangspunkt zu nehmen und sie weiterzuverarbeiten. Wie bei der Stilrichtung Dada geht es in erster Linie um eine Haltung, die sie vom Pathos der 50er Jahre abgrenzt.

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Von der Nachkriegszeit ging eine völlig neue, wechselseitige Beeinflussung zwischen europäischer und amerikanischer Kunst aus, die in den späten 50er Jahren erstmals grosse Gemeinsamkeiten aufwiesen: In Europa – damals von der Besatzung und der transatlantischen Abhängigkeit im Kalten Krieg bestimmt – wurde offensiv die massenkulturelle amerikanische Ästhetik propagiert. Hollywoodfilme und Elvis-Presley-Schallplatten waren in vielen westeuropäischen Ländern bald ebenso geläufig wie die nun immer öfter in Museen ausgestellten Gemälde von Barnett Newman, Mark Rothko oder Willem de Kooning.

Kulturelle Fusion der Kontinente

Ebenso hatte sich die Lage in den USA verändert. Infolge des Zweiten Weltkrieges waren zahlreiche avantgardistische Künstler, Kritiker, Händler und Sammler nach Amerika geflohen und hatten aus Europa den Surrealismus und den Dadaismus mitgebracht. Sie veränderten die ehemals provinzielle Kunstlandschaft radikal und schlossen New York ans internationale Zeitgeschehen an. Die politische und kulturelle Abhängigkeit der beiden Kontinente in der Nachkriegsära beeinflusste die Karrieren etlicher Künstler und Kunstbewegungen und führte zum Zusammenfliessen von europäischer und amerikanischer Kunst.

Die Ausstellung macht es deutlich: Kein Europop ohne amerikanische Kommerzkultur, keine amerikanische Pop Art ohne die europäische Avantgarde. Pop Art ist ein Produkt dieser Internationalisierung, ein Nebeneffekt der kulturellen Fusion zweier Kontinente.