1. Tag: «Wir Perfektionisten»

Über 50 Jahre lang habe ich erfolgreich jede Gruppenreise konsequent vermieden. Jetzt ist die Schonfrist vorbei. 22 Leute versammeln sich am Gate E23 am Flughafen Zürich. Alle hochgradig motiviert, sich auf einer 5-Day-Study-Tour durchs Silicon Valley möglichst viele Anregungen in Innovation und Internet zu holen. Die Flughöhe der Reisegruppe ist schon mal respektabel: Die meisten gehören als CEO, COO oder CMO zum C-Level – entsprechend fliegen sie C-Klasse, also Business. Gespannt, was der US-Trip ausser einem ordentlichen Jetlag bringt, entert die sich noch weitgehend korrekt siezende Tour-Truppe die Swiss LX 038.

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Die HSG- und GfM-Organisatoren kennen keine Gnade: Kaum in San Francisco angekommen und nach dem 11-stündigen Tagesflug so ziemlich im K.o.-Status, steht für die Gruppe Samstagabend das erste Referat auf dem Programm. Zum Glück belässt es Steve Kirsh von MetaDesign bei ein paar Info-Häppchen rund ums Phänomen Silicon Valley. Hier lebt die uralte kalifornische Goldgräber-Mentalität immer noch, nur schürft man nicht mehr physisch nach Nuggets, sondern nach Innovationen, die sich vergolden lassen.

Dieser einmalige Unternehmergeist zeigt sich in unzähligen Start-ups, von denen immer wieder einer zum nächsten Giganten à la HP, Oracle, Cisco, Google & Co. aufsteigt. Das prototypische Macherzitat, das den Spirit auf den Punkt bringt: «Jump off the cliffs and build the wings on the way down.» Es versinnbildlicht, was in der Bay Area als Mantra wiederholt wird: Etwas zu unternehmen und zu scheitern, ist kein Drama – es nicht gewagt zu haben, ist unverzeihlich. Diese Einstellung wird den zögerlichen Perfektionisten aus der Schweiz noch öfter in Erinnerung gerufen werden.

Zum Abschluss unseres 32-Stunden-Tages empfängt uns in einem fensterlosen, unterkühlten Extrazimmer des FourSeasons- Hotels in Palo Alto ein Selfservice-Dinner. Dessen kulinarisch limitierte Attraktivität bestens zu unserer energetisch limitierten Verfassung passt. Umsatz an der Bar machen heute andere, wir wünschen uns bald einmal «good night».

2. Tag: Im Stanford-Tüftellabor

Nachdem die meisten von uns zwischen zwei und vier Uhr nachts hellwach in ihren Betten standen, macht die Runde am Sonntagmorgen keinen allzu frischen Eindruck. Dafür ist die Neugier auf das erste Highlight unserer Study Tour umso grösser: Besuch des Design Centers der Stanford University. Davor gibt es aber erst noch ein paar smarte, einleitende Worte unserer professoralen Chefreiseleiter Sven Reinecke und Marcus Schögel vom Institut für Marketing der HSG. Gefolgt von einem exzellenten Referat von Herman Gyr, Spiritus Rector der Enterprise Development Group. Er schildert, was die Magie des Valleys ausmacht: Die einzigartige Mischung von Start-up- und Fortune-500-Firmen, Venture-Kapitalisten und Inkubatoren, Universitäten und Anwaltskanzleien bildet auf engem Raum ein Ökosystem, das als Innovationsturbo arbeitet. Unglaubliche 39 Prozent des US-Risikokapitals werden hier investiert, mit klarem Fokus: «An idea that doesn’t have customer value is not an innovation.» Der Schweizer Auswanderer Gyr erklärt, dass von Venture-Capital- Firmen geförderte Innovationen ihr Rentabilitätsziel mit bis zu zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit erreichen – und dass 96 Prozent aller Ideen floppen oder nie schwarze Zahlen schaffen.

Wie praxisnah die hiesigen Unis operieren, zeigt sich darin, dass Stanford-Alumni bisher 10 600 Firmen gründeten und 2,2 Millionen Arbeitsplätze schufen. Und 7 Prozent aller Absolventen zum Zeitpunkt ihres Abschlusses bereits Unternehmensgründer sind. Damit ist unser Besuch am «Center of Design Research» dieser legendären Valley-Universität lanciert. Beeindruckend, was sich hinter dem Buzzword «Design Thinking » verbirgt, das hier gelebt wird. Die Methode basiert auf der Annahme, dass Probleme durch interdisziplinäre Teams besser gelöst werden. Darum werden die Studenten vom ersten Tag an in bunt zusammengewürfelten Sechsergruppen mit konkreten Aufgaben konfrontiert. Als Maxime gilt «fast prototyping». Nicht Perfektion wird angestrebt, sondern schnell gestaltete Modelle, die weiter verbessert werden.

Eine dynamische Geisteshaltung, die sich in der Raumgestaltung des «DesignX Lab» widerspiegelt, das wie ein gigantisches Tüftellabor wirkt: Ein strukturiert-chaotisches Biotop von hyperaktiven Bastelecken mit vollgekritzelten Whiteboards und Post-its. Zahlreiche Wirtschaftspartner machen sich diese geballte Stanford-Energie zu Nutze. So geht es in einem Beispiel darum, wie Autotüren automatisch, aber gefahrlos aufschwenken, wenn man sich dem Wagen nähert. Sollte sich die Innovation in Ihrem nächsten «Bayern- Car» finden, dann steckt auch Stanford-Hirn darin.

Vom Campus gehts direkt in eine Sports-Bar: Superbowl 2014 live! Nur schade, dass die Denver Broncos von der ersten Minute an keinen Stich gegen die Seattle Seahawks haben – gar nicht gewusst, dass es auch im American Football sowas wie ein Eigentor gibt. Quarterback Peyton Manning belehrt die eher Fuss- als Football-gewöhnten Schweizer schon nach 12 Sekunden eines Besseren. Auch die legendären Werbeblöcke mit den teuersten TV-Spots der Welt führen im «The Old Pro» nur selten zu Begeisterungsstürmen. Ob es daran liegt, dass die meisten schon vor dem Spiel auf Facebook und YouTube zu sehen waren? Leider geht der geheimnisumrankte, ausschliesslich mit iPhones gedrehte Apple-Spot «30 years after 1984» nicht auf Sendung – und wird nur viral verbreitet.

3. Tag: Alles Google oder was?

Wer Google nur für eine Suchmaschine hält, wird heute eines Besseren belehrt. Im «Partner Plex», dem Besuchercenter voller Gags und Gadgets, wird einem bewusst, welch clever assortiertes Ideenkonglomerat hinter der Marke mit den sechs bunten Buchstaben steckt: Google Search, Mail, Maps, Earth, Plus, Chrome, Android, YouTube, Picasa, Glass, Car und so weiter decken immer breitere Bereiche unseres digitalen Alltags ab. Die eine Geschäftseinheit hilft der anderen, Business zu machen. So ist Google Maps nicht nur für die User wertvoll, sondern auch für Google Driveless Cars, die fahrerlosen Autos, die in drei US-Bundesstaaten zugelassen sind.

Zu den jüngsten Akquisitionen gehört die 3,2 Milliarden schwere Übernahme von Nest Labs. Das 2010 gegründete Unternehmen stellt digitale Thermostate und Rauchmelder her, die sich via Smartphone steuern lassen. Es dürfte Google weniger wegen des technischen Know-hows so viel Geld wert sein als wegen der Haushaltsdaten! Wir lassen uns anstecken vom Spirit auf dem Campus. Alles ist hier «free». Nicht nur das «thinking », auch «food and beverage». 1500 Miniküchen versorgen die 20 000 Mitarbeiter mit Snacks und jeder Menge Kaffee und Softdrinks. Über Mittag gibts Menus aus allen kulinarischen Ecken der Welt. Dazu kommt ein eigenes Shuttlebus-Netz, das die Mitarbeiter vor der Haustür abholt und nach Mountain View chauffiert. Statt sich im eigenen Auto im Stau zu nerven, kann man in einem der 150 Google-Luxusliner mit WLAN an Bord entspannt arbeiten. Ein smartes Investment in die Mitarbeiterzufriedenheit, das sich bei der Rekrutierung auszahlt. Souverän dann der Auftritt von Urs Hölzle, des Ex-ETH-Ingenieurs, der als «Nummer 8» und «the only Urs@Google» die treibende technische Kraft hinter der Entwicklung zum Internetriesen ist. In der Q&A-Session lauscht man gepannt den Ausführungen des Multimilliardär-Shareholders zu Green IT. Auf den Unterschied zu Amerika angesprochen, landet auch er bei der Mentalität: Wo es in der Schweiz heisst «Failure is not an option», gilt im Valley «Failure is not the end, just a new beginning». So langsam ist uns allen klar, dass wir mehr Fehler machen sollten...

Nach dem Lunch präsentiert Mike Zwahlen von YouTube Space LA (noch ein Schweizer!) seine Tipps und Tricks zum neuen Fernsehen: «The 10 Fundamentals of a Creative Strategy on YouTube». Da heute jeder sein eigener Fernsehdirektor sein kann, gibt es eine unendliche Vielfalt von Kanälen, in der man sich die Treue seines Zielpublikums sichern muss. Gemäss der Devise «think like a creator» am besten mit eigenem Sendeformat, das Gesetzmässigkeiten zu folgen hat: Es sollte auf einer einfachen, ausbaufähigen Idee basieren, die einzelnen Videofolgen müssen «shareable» sein, interaktive Elemente enthalten, jederzeit für Neueinsteiger verständlich sein usw.

Wir verlassen Google und steuern den Hafen von Sausalito an, von dem aus ein Segeltörn zum Golden Gate startet. Der Lohn sind grandiose Bilder – und durchfrorene Körper. Schade, dass wir nicht auf einer Heizdeckenfahrt sind!

4. Tag: Geheimtipp

Ein halbes Dutzend smarter Damen und Herren von SAP versucht, uns ihren Image-Wechsel von der BTBCompany zum BTC-Enabler zu vermitteln. «We’re not your daddy’s SAP anymore», heisst es da eloquent. Ganz gelingt es nicht, die Schweizer Marketingtruppe zu überzeugen. Trotz dem grossem Spielzeugauto vor der Tür: Dem Big-Data- Bus, in dem uns demonstriert wird, wie Besucherdaten von einer Gaming-Plattform oder einem Fussballstadion dank SAPSoftware «real time» verarbeitet und in personalisierte Angebote umgewandelt werden.

Dann folgt der Transfer nach San Francisco und zu einem echten Highlight: Lithium. Niemand hat die Firma vor der Reise gekannt, keiner ihren Namen nachher wieder vergessen! Senior Vice President Ed Van Siclen und Chief Scientist Michael Wu gelingt es, uns für ihre «Social Customer Experience Platform» zu begeistern, auf der sie kundenspezifische Communities designen. Dabei werden auch Facebook, Twitter, YouTube und Co. integriert, aber die Interaktivität, Loyalität und Kaufbereitschaft der User fällt nachweislich massiv höher aus als auf den bekannten Social-Media-Kanälen. Die damit verbundene Option ist Balsam für alle Marketeer-Ohren: Statt wie heute üblich als Unternehmen überall ein bisschen mitzuspielen, spielt man sein eigenes Stück auf seiner eigenen Plattform. Als Vorzeige-Referenzobjekt von Lithium gilt Sephora, deren wachsende Beauty- Community nicht nur für Umsatz sorgt, sondern sich auch gegenseitig Tipps gibt und Fragen beantwortet.

Nach diesen inspirierenden Kennenlern-Referaten wechseln wir zu Eight Inc., der Designfirma, die für Steve Jobs weltweit die einzigartigen Apple Stores gestaltet und realisiert hat.

Den Nachmittag beschliesst eine charmante Verkaufsshow in den frisch bezogenen Büros von Twitter. Rund 2000 Mitarbeiter arbeiten hier daran, den gemäss Eigendefinition «kleinsten Weg zwischen dir und deinen Interessen» nach dem Börsengang auch zu einem kommerziellen Erfolg zu machen. Wir Marketingleute fragen uns nicht nur, was all die vielen Menschen hier so machen, sondern vor allem auch, wann und wo wir den Zwitscherdienst für uns oder unsere Kunden gewinnbringend einsetzen könnten. Am anderen Tag vermeldet das Unternehmen

5. Tag: LinkedIn/Out?

Nach dem letzten Frühstück erfahren wir, wie Swissnex als netzwerkender Aussenposten der Schweizerischen Eidgenossenschaft für unsere an Innovationen interessierte Wirtschaft von Nutzen sein kann. Danach geht es ab zu LinkedIn, wo wir alle geoutet werden als Member oder «Not yet Member». Erstere bekommen bunte Prints mit ihrem persönlichen Beziehungsnetz. Letztere nur tadelnde Worte für ihr Fehlen auf dem «world’s largest professional network». Danach hören wir in zugegeben höchst professionellen Präsentationen, warum an LinkedIn mit seinen über 260 Millionen Mitgliedern in 200 Ländern schon bald kein Karriereweg mehr vorbeiführen soll – auch wenn im D-A-CH-Raum derzeit noch Xing mit 8,4 Millionen die Nase vorne hat. Nicht alle sind gleich begeistert vom Aufkommen dieser Business-Kontaktbörsen, wird damit doch auch das Abwerben von Mitarbeitern so einfach wie noch nie. Zudem hat die ständige Jobwechsel-Bereitschaft natürlich auch Folgen für die Arbeitgeber-Loyalität. LinkedIn-Direktor Peter Kim sieht das alles naturgemäss nur positiv, wird doch nicht nur die Jobsuche bzw. das Talent-Scouting revolutioniert, sondern auch die Sales-Force von Unternehmen dynamisiert: «Unlock the power of all your personal networks to a common corporate network.» Nun ja, nicht jeder Star-Verkäufer wird Freude an der Idee haben, dass seine persönlichen Kontakte durch das gemeinsame Veröffentlichen auf LinkedIn plötzlich auch allen Kollegen zugänglich sind...

Zum Schluss unserer Tournee folgt ein unerwartetes Lowlight: Die drei Referenten von HP, die sonst wohl eher mit CIOs und CFOs zu tun haben, reden zwei Stunden lang an unserer Marketingzielgruppe vorbei. Letztlich endet die Veranstaltung in einer ausführlichen Verkaufspräsentation für flexible Server und Servicekapazitäten. Das schadet unserer guten Stimmung trotz gewissen Information-Overkill-Syndromen aber nicht. Im Gegenteil: In der abschliessenden Feedback-Runde überwiegen die positiven Meldungen bei Weitem. Alle Teilnehmer haben neue Eindrücke gewonnen und nehmen zahlreiche Insights und Inputs mit in die Schweiz. Und aus der leicht distanzierten Gruppenreise- Reisegruppe ist in fünf Tagen eine bestens gelaunte Kollegenrunde geworden. Die nicht nur virtuell via Social Media in Kontakt bleiben, sondern sich auch im wirklichen Leben wiedersehen will.