Green Procurement kann heute auf eine der erstaunlichsten Karrieren der letzten Jahre zurückblicken: Noch Mitte der 90er-Jahre fristete das Thema ein Schattendasein auf den Seiten wissenschaftlicher Journale. Heute ist es eines der wichtigsten Themen auf den Top-Agenden der grössten Unternehmen der Welt.

Kein «Green Washing»

Man wäre angesichts dieses Aufstiegs versucht zu unterstellen, dass es sich dabei eher um «Green Washing» handelt, eine oberflächliche, vor allem kommunikative Anpassung an das gegenwärtig herrschende gesellschaftliche und politische Klima. Doch diese Interpretation würde zu kurz greifen und der tatsächlichen Relevanz des Themas nicht gerecht werden. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Laut der internationalen Studie «Best Value Country Sourcing - A Paradigm Shift for Global Sourcing Approaches», die BrainNet letztes Jahr durchgeführt hat, gehören ökologische Aspekte inzwischen zu den 20 wichtigsten Kriterien bei Einkaufsentscheidungen, und ihre Entscheidungsrelevanz steigt schneller als die jedes anderen Kriteriums.

Was das in der Praxis bereits heute bedeutet, zeigt die gleiche Untersuchung: Fehlende ökologische Standards werden von den CPO globaler Konzerne als das Hauptargument gegen den Einkauf in China aufgeführt. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine aktuell an der European Business School entstehende Green-Procurement-Studie: Demnach suchen heute rund drei Viertel aller befragten Einkaufsentscheider aus europäischen Unternehmen nach Lieferanten, die sich an zertifizierte ökologische Standards halten. Die makroökonomische Relevanz des Themas liegt damit auf der Hand.

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Hohe Popularität

Green Procurement ist also ganz offensichtlich kein Hype. Was aber ist Green Procurement oder - um einen breiteren Fokus zu wählen - Green and Sustainable Procurement? Obwohl derzeit noch eine verbindliche Definition fehlt, wird darunter im Allgemeinen eine Beschaffungsstrategie verstanden, deren negative Auswirkungen auf die Umwelt möglichst gering sind und bei der auch die Einhaltung sozialer und ethischer Standards berücksichtigt wird. Dies bezieht sich auf den gesamten Lebenszyklus der Produkte und Dienstleistungen, von der Herstellung über den Transport und die Weiterverarbeitung bis hin zu Entsorgung und Recycling.

Die hohe Popularität, die das Thema in den letzten Jahren erfährt, ist mehreren Entwicklungen geschuldet. Einerseits hat das gesellschaftspolitische Klima sich weltweit deutlich verändert: Nicht nur Konsumenten, sondern auch Gesetzgeber fordern und forcieren den Aufbau und die Einführung umfassender Eco-and-Social-Governance-Systeme. Organisationen, die diesen Anforderungen nicht genügen, müssen mit massivem Imageverlust und rechtlichen Sanktionen rechnen.

Andererseits wird Ökologie zunehmend zu einem ökonomischen Faktor, bedingt durch Verknappung und Verteuerung von Rohstoffen und Energie, verschärfte Recycling-Gesetzgebung und verändertes Konsumentenverhalten. Es überrascht vor diesem Hintergrund nicht, dass auch die Financial Community mit einer immer grösseren Aufmerksamkeit die Nachhaltigkeitsstrategien der Unternehmen verfolgt und Versäumnisse negativ bewertet. Dass die Beschaffung bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle spielt, ist nicht verwunderlich: Immerhin ist der Einkauf für 50 bis 70% aller Unternehmensprozesse verantwortlich.

Was ist aber zu tun, damit Green and Sustainable Procurement letztlich nicht doch nur Lippenbekenntnis oder bestenfalls Vision bleibt? Neben technologischen Fragestellungen, wie etwa der Einführung eines effizienten Wertstoffmanagements, gilt es vor allem, die bestehenden Systeme für Risikomanagement, Auswahl, Auditierung und Entwicklung der Lieferanten an die Erfordernisse des Green Procurement anzupassen. Denn die Monitoringprozesse und Managementstrukturen sind immer noch sehr stark auf traditionelle Fragestellungen ausgerichtet. Generell gilt: Der Unternehmenseinkauf braucht dringend Transparenz über Stärken und Schwächen beim Thema Nachhaltigkeit. Das betrifft sowohl interne Prozesse als auch die Situation bei seinen wichtigsten Lieferanten.

Verbindliche Verankerung

Erst diese Transparenz schafft die Voraussetzungen für ein proaktives, an allgemein anerkannten Schlüsselindikatoren orientiertes, grünes und nachhaltiges Beschaffungsmanagement. Die Ableitung dieser Indikatoren und ihre verbindliche Verankerung bei allen Beschaffungsprozessen kann aber nicht Sache einzelner Unternehmen sein: Ähnlich wie bei den Themen Corporate Governance oder Qualitätsmanagement bedarf es eines internationalen Sourcing Governance Codes, wie ihn etwa Professor Jahns, Rektor der European Business School, fordert.

Eine solche Leitlinie für eine an fundamentalen ökologischen, ethischen und sozialen Werten orientierte Beschaffung zu entwickeln, gehört zu den dringendsten und wichtigsten Aufgaben der nächsten Zukunft und erfordert gemeinsame Anstrengungen von Unternehmen, nationalen Regierungen und internationalen Organisationen.