Nachdem am Samstag in Bondo die Suche nach acht Vermissten eingestellt worden ist, steht nun der Schutz des Dorfes vor weiteren Murgängen im Zentrum. Derweil löst der grösste Bergsturz in Graubünden seit Jahrzehnten auch polizeiliche Ermittlungen aus. Untersucht wird, ob «genügend auf diese Naturgefahren hingewiesen wurde», wie die Polizei am Sonntag mitteilte. Die Staatsanwaltschaft Graubünden wurde über die Untersuchung informiert.

Offenbar hatte die Gemeinde Bregaglia, zu der Bondo gehört, im Val Bondasca Warnschilder entlang von Wanderwegen aufgestellt. Mindestens ein Wanderweg war gesperrt, aber scheinbar nicht das ganze Gebiet. An Besitzer von Maiensässen wurden Warnbriefe verschickt. Und offenbar war für ein paar dieser Hütten sogar ein Betretungsverbot ausgesprochen worden.

Keine Opfer in Maiensässen dank Warnungen

Diese Massnahmen erwiesen sich am Unglückstag als fundamental. Die gewaltige Gerölllawine nach dem Bergsturz walzte ein Dutzend Maiensässe nieder, ohne dass nach bisherigen Erkenntnissen dort jemand zu Schaden kam.

Die acht mutmasslichen Todesopfer waren allesamt Bergwanderer. Es handelt sich um vier Deutsche aus Baden-Württemberg, zwei Personen aus der Steiermark in Österreich und zwei Berggänger aus dem Kanton Solothurn.

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Die Polizei geht davon aus, dass sie vom Felssturz erfasst wurden. «Ein Felssturz in dieser Grössenordnung ist laut Fachleuten mit einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern unterwegs», sagte Polizeisprecher Roman Rüegg.

Suche definitiv eingestellt

Die Suche nach den Vermissten wurde am Samstag definitiv eingestellt. «Wir können niemanden mehr finden», sagte Andrea Mittner, Einsatzleiter der Kantonspolizei Graubünden, am Nachmittag vor den Medien. Man habe alle verfügbaren Mittel eingesetzt - Helikopter, technische Suchgeräte, Hunde und Rettungstrupps, aber trotzdem niemanden gefunden.

«Das tut wirklich weh», sagte Gemeindepräsidentin Anna Giacometti an der Medienorientierung bewegt. Sie sprach den Angehörigen der Vermissten vor laufenden Kameras das Mitgefühl der Gemeinde aus. Den Hinterbliebenen wurde angeboten, vor Ort einen Augenschein von der Unglücksstelle zu nehmen.

Angesichts der Bilder im Val Bondasca sei es nachvollziehbar, das die Suchaktion eingestellt werden musste, erklärte der Bündner Sicherheitsdirektor Christian Rathgeb, nachdem er sich einen Eindruck vom Ausmass der Zerstörung gemacht hatte. «Es ist schwer, Worte zu finden, um die Situation in Bondo zu beschreiben», sagte er.

Bondo bleibt evakuiert

Bis Sonntagabend veränderte sich die Lage im südbündnerischen Bergell nicht mehr. Bondo blieb evakuiert, wie Polizeisprecherin Sandra Scianguetta der Nachrichtenagentur sda sagte. Seit am Mittwoch die riesigen Felsmassen zu Tal krachten, übernachtete niemand mehr im abgelegenen Bergdorf.

Vier Millionen Kubikmeter Fels - das Volumen von 4000 Einfamilienhäusern - stürzten beim grössten Bergsturz in Graubünden seit Jahrzehnten vom 3369 Meter hohen Piz Cengalo. Danach spülte Wasser das Geröll bis nach Bondo. Dank bestehender Sicherheitsbauten wurde dieses von den Murgängen nur gestreift.

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Drohende Gefahr von Bergsturzgestein

Die Räumungstrupps versuchen nun, das gefüllte Auffangbecken für Gestein und Geschiebe zu leeren, welches das Dorf vor Murgängen schützt. Die Gefahr weiterer Felsstürze und Gerölllawinen scheint relativ hoch. Darum sollen wieder Auffangreserven geschaffen werden.

Nach Aussagen verschiedener Experten von Kanton und Bund ist am Piz Cengalo eine weitere Million Kubikmeter Fels in langsamer Bewegung. Stündlich regnet es Steine und auch ein massiver Felsabbruch ist jederzeit möglich.

Gefahr geht aber auch von den abgestürzten Felstrümmern, die sich im Val Bondasca häuserhoch türmen. Das Abbruchmaterial kann offenbar jederzeit in Bewegung geraten. Das Reservoir an mobilisierbarem Material sei «sehr, sehr hoch», sagte ein kantonaler Experte für Naturgefahren. Die grösste Gefahr entstehe nach langen und ausgiebigen Regenfällen oder Gewittern.

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(sda/moh)