Schlappe für die Zürcher Staatsanwaltschaft: Der notorische «Carlos» muss nicht zurück ins Gefängnis und auch keine Therapie mehr besuchen. Das Bezirksgericht Dietikon hat ihn am Freitag lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt, die er aber nicht bezahlen muss. Harsche Worte fand das Gericht für die Zürcher Behörden.

Die Geldstrafe von 33 Tagessätzen zu 30 Franken erhielt «Carlos» aufgebrummt, weil er im Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) randaliert hatte. Dies gab der knapp 20-Jährige während des Prozesses vom Freitag auch zu. Er trage aber nicht alleine die Schuld daran, sagte er. «Ich war schliesslich zu Unrecht im Gefängnis.»

Harsche Kritik an der Staatsanwaltschaft

Das Gericht teilte diese Ansicht: Die «Inhaftierung zum eigenen Schutz» durch die Zürcher Behörden sei tatsächlich unrechtmässig gewesen. «Ich bin fassungslos», sagte der Richter an die Zürcher Staatsanwaltschaft gerichtet. Das Gesetz gelte schliesslich auch für Leute, die keine Sympathieträger sind.

Die Randale könne da schon fast als Notwehr bezeichnet werden, sagte der Richter weiter. Diese Willkür sei der Schweiz unwürdig und wirke stark strafmildernd. Schuldig ist «Carlos» auch der Hinderung einer Amtshandlung, weil er vor der Polizei davongerannt war.

Bezahlen muss er die Geldstrafe allerdings nicht: Weil er sechs Monate in Haft sass, sind die 33 Tagessätze längst abgegolten. Für die lange und vor alle unrechtmässige Zeit hinter Gitter erhält der leidenschaftliche Boxer dafür eine Genugtuung von 14'300 Franken.

Hohe Kosten fressen Genugtuung auf

Ausgeben wird er das Geld aber nicht können. Dem notorischen Wiederholungstäter wurden die Gerichts- und Anwaltskosten auferlegt, welche die 14'300 Franken sogar noch übersteigen. Er erhält somit kein Geld. Freigesprochen wurde «Carlos» dafür vom schwerwiegendsten Anklagepunkt: der Drohung. Das Gericht erachtete es keinesfalls als erwiesen, dass «Carlos» im Oktober 2014 jemanden mit einem Klappmesser bedroht haben soll.

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Die Zeugen, welche die Staatsanwaltschaft präsentierte, hätten keine zuverlässigen Aussagen gemacht. Nicht einmal dem mutmasslichen Opfer glaubte das Gericht. «Wir haben nur Indizien. Aber keine Beweise.»

Eine weitere Therapie wollte das Gericht «Carlos» nicht auferlegen. Er habe wiederholt klargemacht, dass er keine Therapie mehr mitmache, weil das bei ihm eh nichts bringe. Das Gericht erachtete es aber als sinnvoll, wenn «Carlos» Halt in der Spiritualität findet.

«Ich verachte aber den IS»

«Carlos» zeigte sich während des Prozesses wortkarg und schnippisch. Beim Thema Religion taute er aber kurz auf. Er sei zum Islam konvertiert, lebe nach dem Koran und gehe regelmässig in eine Moschee, erzählte «Carlos», der sich jetzt Ibraheem nennt. «Ich verachte aber den IS», stellte er klar.

Boxen ist immer noch ein wichtiger Teil seines Lebens. Er trainiert jeden Tag, um eines Tages als Profiboxer an Wettkämpfen teilnehmen zu können. «Carlos» wohnt bei seinem Vater und versucht, den Schulstoff nachzuholen. Das Geld kommt von der Sozialhilfe. «Carlos» versuche aber, auf eigene Beine zu kommen, sagte sein Anwalt.

Der Staatsanwalt will das Urteil nicht als Niederlage bezeichnen. Immerhin habe es eine Verurteilung wegen Sachbeschädigung und Hinderung einer Amtshandlung gegeben. Ob er das Urteil ans Obergericht weiterzieht, ist noch unklar. Er wartet zuerst die schriftliche Begründung ab.

(sda/gku)