Gott als Mörder: Ein Jahr nach dem islamistischen Terroranschlag auf ihre Redaktion hat die französische Satirezeitung «Charlie Hebdo» eine Sonderausgabe mit provokativer Titelseite herausgebracht. Sie zeigt einen blutverschmierten, davonrennenden Gott mit Kalaschnikow.

Die Überschrift lautet: «Ein Jahr danach: Der Mörder ist noch immer auf der Flucht». Der Vatikan kritisierte die Titelseite der in einer Grossauflage in den Verkauf gekommenen Wochenzeitung.

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«Menschen ein bisschen schütteln»

«Bei Charlie stellen wir die Idee Gottes selbst in Frage», sagte «Charlie Hebdo»-Chef Riss der Nachrichtenagentur AFP mit Blick auf die Titelseite. «Die Dinge klar auszudrücken regt zum Nachdenken an. Man muss die Menschen ein bisschen schütteln, sonst bleiben sie immer im gleichen Trott.»

«Charlie muss dort sein, wo die anderen sich nicht hintrauen», sagte der bei dem Anschlag vom 7. Januar 2015 selbst schwerverletzte Riss. «Charlie war immer eine Zeitung des Kampfes, aber eines witzigen, durchgeknallten Kampfes.»

Das letzte Abendmahl

In der 32-seitigen Sonderausgabe, die mit einer Auflage von einer Million in die Kioske kam, gehen die Zeichner und Journalisten von «Charlie Hebdo» mit einer Reihe von Karikaturen und Texten auf den Anschlag vom 7. Januar ein.

Auf einer Karikatur ist die «Charlie Hebdo»-Redaktion gezeichnet wie im berühmten «Abendmahl»-Gemälde von Leonardo da Vinci. Der bei der Attacke getötete damalige Zeitungschef Charb nimmt den Platz von Jesus ein und sagt: «In Wahrheit, sage ich euch, werden wir uns noch lange zusammen kaputtlachen.»

Prominente wie die Schauspielerinnen Juliette Binoche und Isabelle Adjani drückten der Satirezeitung mit Beiträgen ihre Solidarität aus. Abgedruckt wurden auch ältere Karikaturen von Charb und den anderen bei der Attacke getöteten Karikaturisten Cabu, Honoré, Tignous und Wolinski. «Wir denken die ganze Zeit an sie», sagte Riss.

Einen Ansturm auf die Kioske wie bei der Ausgabe, die eine Woche nach dem Anschlag veröffentlicht wurde, gab es aber nicht. Damals waren fast acht Millionen Exemplare verkauft worden, ein Rekord in der französischen Pressegeschichte.

«Echte Gotteslästerung»

Die Vatikan-Zeitung «Osservatore Romano» kritisierte in einem Kommentar, «Charlie Hebdo» verletze mit der Titelseite die Gefühle der Gläubigen unabhängig von ihrer Religion.

Hinter der «trügerischen Fahne eines kompromisslosen Laizismus» vergesse die Satirezeitung einmal mehr, dass religiöse Führer egal welchen Glaubens immer wieder dazu aufriefen, Gewalt im Namen der Religion zu verurteilen. «Gott zu nutzen, um Hass zu rechtfertigen, ist echte Gotteslästerung, wie Papst Franziskus mehrfach gesagt hat.»

Die schwerbewaffneten Islamisten Said und Chérif Kouachi hatten bei der Attacke auf die Redaktion der für ihre Mohammed-Karikaturen bekannten Satirezeitung zwölf Menschen getötet. Ein Bekannter der Angreifer erschoss in den folgenden beiden Tagen eine Gemeindepolizistin und bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt vier weitere Menschen.

(sda/chb)