Nach dem Tod von zwei Schwarzen bei Polizeikontrollen habe der Afroamerikaner dann beschlossen, früher zuzuschlagen. Der Mann habe «offensichtlich an einer Wahnvorstellung» gelitten, sagte Brown weiter. Im Tagebuch fänden sich viele unzusammenhängende Passagen, die schwer zu entziffern seien. Zudem rätselten die Ermittler über Buchstaben, die der Schütze kurz vor seinem Tod in seinem eigenen Blut an die Wände geschrieben habe, darunter die Initialen «RB».

Der Armee-Veteran hatte Donnerstag offenbar aus rassistischen Motiven fünf Polizisten während einer Demonstration gegen die jüngsten Vorfälle erschossen. Gerade wegen seiner Militärausbildung sei er in der Lage gewesen, schnell Schüsse abzugeben und sich dann eine neue Stellung zu suchen, erklärte Brown.

Zweistündige Verhandlungen

Deswegen sei die Polizei zuerst von mehreren Angreifern ausgegangen. Während der zweistündigen Verhandlungen habe sich der Mann dann entschlossen gezeigt, weitere Beamte ins Visier zu nehmen. Zudem habe er gesungen, gelacht und die Verhandlungsführer der Polizei verhöhnt. «Ohne unser Eingreifen hätte er weitere Beamte verletzt», sagte Brown.

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Der Polizeichef verteidigte damit seine Entscheidung, den Angreifer schliesslich mit einem ferngelenkten Fahrzeug per Sprengsatz auszuschalten. Brown sprach von einer Bombe, die aus C-4-Sprengstoff improvisiert worden sei. Diese wurde dann ähnlich wie bei einem Drohnenangriff von dem Fahrzeug in den Raum gebracht, in dem sich der Schütze verschanzt hatte. In den US-Medien wurde am Wochenende kontrovers über Angriffe «per Roboter» diskutiert.

Der Polizeichef von New York, Bill Bratton, sagte dem Sender ABC, dies sei das erste Mal, dass die Polizei in den USA auf diese Weise vorgegangen sei. Über derartige Taktiken müsse es zunächst eine breite öffentliche Debatte geben.

Sorge vor weiterer Gewalt

Nach den Polizistenmorden von Dallas wächst die Sorge in den USA vor weiterer Gewalt. Vertreter aller Parteien, allen voran US-Präsident Barack Obama, appellierten am Samstag an die Einheit der Bürger.

«Amerika ist nicht so gespalten, wie manche es dargestellt haben», sagte Obama am Samstag am Rande des Nato-Gipfeltreffens in Warschau. «Es gibt Kummer, es gibt Wut, es gibt Verwirrung - aber es gibt Einheit», mahnte er ein Zusammenstehen der Nation an. Den Heckenschützen von Dallas nannte Obama einen «verrückten» Einzeltäter, der nicht als Repräsentant der schwarzen Bürger angesehen werden dürfe.

In Dallas hatte am Donnerstagabend ein Afroamerikaner bei einer friedlichen Kundgebung gegen Polizeigewalt fünf Polizisten aus dem Hinterhalt erschossen. Bei dem mutmasslichen Todesschützen handelt es sich laut den Behörden um den 25-jährigen Armee- und Afghanistan-Veteranen Micah Johnson.

Bevor er von der Polizei schliesslich getötet wurde, soll er als Motiv Hass auf weisse Polizisten angegeben haben. Aus seiner Facebook-Seite, die inzwischen deaktiviert wurde, ging hervor, dass er mit radikalen Schwarzenorganisationen sympathisierte.

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Auslöser für Johnsons Tat war vermutlich der tödliche Polizeieinsatz gegen zwei Schwarze in Louisiana und Minnesota in der vergangenen Woche. Die auf Amateurvideos festgehaltenen Tötungen haben das Land schockiert.

Zwischenfälle bei Demonstrationen

Bei Demonstrationen gegen Polizeigewalt und Rassismus kam es am Wochenende erneut zu Zwischenfällen. In St. Paul, wo ein Polizist vor wenigen Tagen den Schwarzen Philando Castile in dessen Auto erschossen hatte, blockierten hunderte Demonstranten am Samstagabend stundenlang eine Autobahn und warfen Steine und Flaschen auf Polizisten. Die Polizei setzte Tränengas und Pfefferspray ein, es gab mehrere Festnahmen.

In Baton Rouge, wo ein Polizist am Dienstag den schwarzen CD-Verkäufer Alton Sterling erschossen hatte, gab es nach Medienberichten ebenfalls dutzende Festnahmen bei Demonstrationen. Unter den Festgenommenen war ein prominenter Aktivist der Schwarzen-Bewegung Black Lives Matter.

In San Francisco hielt ein grosses Polizeiaufgebot Demonstranten davon ab, eine grosse Strassenkreuzung zu besetzen. Auch in Phoenix im Bundesstaat Arizona hatte die Polizei am Freitagabend Tränengas gegen Steine werfende Demonstranten eingesetzt. In Rochester im Bundesstaat New York wurden 74 Demonstranten nach einem Sitzstreik festgenommen.

In mehreren weiteren US-Städten verliefen Proteste nach der Tötung zweier Schwarzer durch Polizisten friedlich.

Eine anonyme Drohung gegen die Polizei sowie Berichte über einen maskierten Mann lösten in Dallas kurzzeitig Angst vor weiterer Gewalt aus. Das Polizeipräsidium wurde teilweise abgeriegelt, Eliteeinheiten der Polizei positionierten sich rund um das Gebäude, nachdem es geheissen hatte, in der Parkgarage sei ein maskierter Mann gesehen worden. Nach intensiver Suche gaben die Behörden aber zwei Stunden später Entwarnung.

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Appelle zur Einheit

Parteiübergreifend mahnten weitere Politiker ebenso wie Obama, die Spaltung des Landes nicht weiter zu vertiefen. Bei einer ökumenischen Andacht mit tausenden Teilnehmern in Dallas sagte Bürgermeister Mike Rawlings, «die Rassendiskriminierung und Amerikas grösste Sünde, die Sklaverei», hätten im Laufe der Geschichte tiefe Wunden hinterlassen.

Vizepräsident Joe Biden verurteilte die Polizistenmorde, aber auch die tödlichen Polizeieinsätze gegen Schwarze in den vergangenen Tagen. «Als Amerikaner haben uns alle diese Tode verwundet», sagte er in einer Rede.

Alle US-Bürger müssten sich gegen die «Ungleichheiten in unserem Strafverfolgungsystem» ebenso einsetzen wie für die Polizisten, «die uns jeden Tag in unseren Gemeinden beschützen».

«Wer kein Afroamerikaner ist, wird niemals ganz begreifen können, was es bedeutet, schwarz zu sein», sagte der ehemalige republikanische Präsidentschaftsbewerber Marco Rubio. Ähnlich äusserte sich der frühere Sprecher der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, Newt Gingrich.

Diskussion über Robo-Technik

Unterdessen entbrannte über die USA hinaus eine Diskussion darüber, dass die Polizei Johnson gezielt aus der Ferne in einer Parkgarage durch Sprengstoff getötet hat.

Die Bombe wurde nach einem stundenlangen Feuergefecht und erfolglosen Verhandlungen von einem Roboter deponiert. Die Technik, mit einem funkgesteuerten Gerät Sprengstoff heranzurollen, um einen Verbrecher zu töten, statt ihn zu überwältigen, ist moralisch umstritten.

(reuters/sda/chb)