Wer die Schweizer Wirtschaftswelt verstehen will, hat mehrere Möglichkeiten: Entweder er oder sie liest Fach- und Sachbücher zur Geschichte des Finanzplatzes, oder er verbringt selbst ein paar Jahre in den Bankhäusern am Paradeplatz oder den Pharmatürmen am Rhein.

Eine unterhaltsame und weniger zeitaufwendige Methode ist die Lektüre Erik Nolmans’ Buch «Der Deal der drei Namen», erschienen im Offizin Zürich Verlag.

Der Roman erzählt in 34 Kapiteln die Geschichte von Philipp Aigner, Chef einer Beteiligungsgesellschaft, und seinem Konkurrenten, dem Ich-Erzähler Viktor. Aigner versucht mit einer aggressiven und ausgefeilten Strategie, die Kontrolle über einen Basler Pharmakonzern zu gewinnen. Mit Unterstützung eines amerikanischen Pharmakonzerns beginnt ein gnadenloser Kampf um die frei gehandelten Aktien, in den Viktor aufseiten des Pharma-Clans einsteigt. Der «Pharmabâle»-Kurs schiesst genauso in die Höhe wie der Blutdruck der Akteure, die sich immer tiefer in die Übernahme-schlammschlacht verstricken.

Moralische Leitplanken sind Nebensache

Gearbeitet wird, wie bei so mancher Übernahme in der jüngeren Geschichte, mit allen Mitteln. Da wird um das Ak­tienpaket eines Down-Syndrom-Patienten einer Klinik in der Westschweiz gerungen wie um die Anteile der Zürcher «Seefeld Bank». Da die Aktien des ­Patienten in der Westschweizer Klinik im Todesfall an die Klinik fallen, bemüht sich eine Seite, gleich die Mehrheit an der Klinik zu bekommen, was schliesslich auch gelingt. Ganz nach dem Motto «Wir sind die, die jagen, und nicht die, die gejagt werden», sind moralische Leitplanken Nebensache.

Der Kampf zwischen den beiden Seiten, auf der einen Seite alteingesessener Basler Pharma-Hochadel und auf der anderen ein amerikanisch geprägter Hochrisikospieler, entfacht sich auf ­immer mehr Ebenen. Als nicht berechenbare Variable in dem Krieg zwischen Ich- Erzähler Viktor und dem Gegner Aigner steht eine geheimnissvolle Frau: Anne de Watteville, Aigners Chief Investment Officer und ehemalige Googlerin. Es kommt, wie es kommen muss: Auch Viktor beginnt, sich für Anne zu interessieren, und der ökonomische Kampf entwickelt sich auch noch zum amourösen Wettbewerb.

Clash der Kulturen

«Der Deal der drei Namen» ist Nolmans erster Roman nach seinen Biografien über die Banker-Ikonen Rainer E. Gut und Josef Ackermann. Nolmans ist als Journalist mit jahrzehntelanger Erfahrung, heute bei der «Bilanz», ein genauer Beobachter der Regeln und Codes, mit denen sich auf dem Finanzplatz Zürich, aber auch dem Pharmastandort Basel Hackordnungen entwickeln und wie sie sich in in den letzten Jahren auch unter Druck von aussen verändert haben.

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Besonders eindrücklich ist das Buch, wenn der Autor jene Aspekte ausleuchtet, die in einem journalistischen und nachrichtlichen Text kaum vorkommen würden. Also die Psychologie eines Händedrucks, die Machtspiele in einem Gespräch und die vielen anderen Codes, mit denen sich die Akteure der Spitzenwirtschaft auseinandersetzen müssen.

Beschleunigter Lesefluss

Die Gliederung des Buches in 34 kurze Kapitel beschleunigt den Lesefluss und erleichtert den Überblick über die Protagonisten. Die vielen Kapitel erinnern an einen Countdown, den alle Akteure in ihrem Kopf ticken hören.

Neben den Psychospielen der Akteure leuchtet Nolmans auch die Brüche aus, die in den letzten Jahrzehnten die Schweizer Wirtschaft geprägt haben: die Schweizer Loyalitäts- und Understatementskultur, die auf eine angloamerikanische Haifisch-Ideologie knallt. Dazwischen die Kleinaktionäre einer Firma, die in der Generalversammlung voller Stolz und Ernst sitzen, wie es Nolmans beschreibt: «Viele sind auch aus persönlicher Verbundenheit hier, ehemalige Mitarbeiter etwa, die ihre wenigen Ak­tien, die sie als Geschenk zur Pensionierung erhalten haben, hüten wie einen ­Augapfel.» Daneben die Managerkaste, die ewig schwafelnden Kleinanlegern schon mal das Mikro abdreht.

Glänzend zeichnet Nolmans die Generalversammlung als Handelsplatz von Stolz und Würde.

Ungefilterter Blick

Ein Fan des Buches ist Starautor Rolf Dobelli. Er fühlte sich bei Nolmans Story an die Geschichte von Roche erinnert, an den Abwehrkampf der Hoffmanns und Oeris gegen «Finanzhaie wie Milan Panic oder Martin Ebner» und gegen Konkurrenten Novartis, wie er in einer Rezension schrieb. Auch das Down-Syndrom von André Hoffmanns jüngerer Schwester sieht er als Beleg für die Vorbilder des Autors in der ganz realen Schweizer Firmenwelt.

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In diesem Buch ist der Autor von allen journalistischen Vertraulichkeitsregeln befreit. Er kann die Erfahrungen und ­Zwischenmenschlichkeiten aus jahre­langer Erfahrung auf diesem Finanzplatz ungehemmt ausspielen und gibt damit den Leserinnen und Lesern trotz oder ­gerade wegen der Romanform einen ungefilterten Blick in eine Welt, die die meisten nur aus den Schlagzeilen oder dem GV-Sessel des Kleinaktionärs kennen.

«Der Deal der drei Namen» von Erik Nolmans 
erschien im Offizin Zürich Verlag und kostet im Handel 26 Franken.