Selbst Experten hatten nicht mit einem solchen Urteil gerechnet: Nach mehr als sieben Jahren endet der Justizkrimi um Amanda Knox und ihren Ex-Freund mit einem Freispruch. Was wirklich in der Mordnacht geschah, bleibt auch nach dem Urteil offen.

Mehr als zehn Stunden brauchte das oberste Gericht in Italien, um der spektakulären Justizsaga um die Ermordung der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher ein überraschendes Ende zu setzten. Der Freispruch für die Amerikanerin Amanda Knox und ihren damaligen Freund Raffaele Sollecito in letzter Instanz beendet das jahrelange Hin und Her vor Italiens Gerichten um das brutale Verbrechen.

«Glückliche» Knox

Die 27 Jahre alte Knox und der vier Jahre ältere Sollecito müssen nicht ins Gefängnis - doch damit stellt sich weiter die Frage, wer Kercher im November 2007 in der italienischen Stadt Perugia ermordete.

Knox und Sollecito waren schon einmal im Jahr 2011 freigesprochen worden - seitdem ist Knox in ihrer Heimat, wo sie das Urteil «glücklich» vernahm, wie ihre Anwälte in Rom mitteilten. Jedoch hatte das oberste Gericht diesen ersten Freispruch 2013 wegen Rechtsfehlern gekippt.

Es folgte eine Verurteilung zu 28 Jahren und sechs Monaten für Knox und 25 Jahren für Sollecito. «Es ist eine schwer zu verdauende Wahrheit für die Familie», sagte der Anwalt der Kerchers, Francesco Maresca, nach dem jetzigen Urteil.

Streit oder Sexspiele?

Denn was in der Tatnacht geschah, bleibt somit wohl für immer im Dunkeln. Wieso wurde die damals 21 Jahre alte Meredith mit zahlreichen Messerstichen getötet und ihr die Kehle durchschnitten? Wieso wurde sie vergewaltigt? War es ein Streit um eine verschmutzte Toilette oder waren es ausgeuferte Sexspiele im Drogenrausch, wie zunächst vermutet? Trotz des endgültigen Urteils wird dies wohl nie abschliessend geklärt werden.

Bisher sitzt nur der ehemalige Kleinkriminelle Rudy Guede eine Gefängnisstrafe ab. Er wurde auf der Flucht in Deutschland gefasst und später in Italien in einem Schnellverfahren zu 16 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Seine Anwesenheit am Tatort ist zweifelsfrei bewiesen, doch die Richter urteilten damals, dass Guede nicht alleine gehandelt habe. Aber wer waren die Mittäter? Daran bissen sich die italienischen Richter jahrelang die Zähne aus.

Grund für das Hin und Her waren auch Schlampereien am Tatort. So wurden DNA-Spuren nicht ordentlich gesichert und es wurden zwielichtige Zeugen vernommen, die ihre Aussagen später zurückzogen. Auch deshalb führte der Fall zu Irritationen zwischen den USA und Italien.

Kritik hüben und drüben

US-Medien sehen in Amanda zum Teil die unschuldige junge Studentin, die in Italien von einem unfähigen Justizapparat niedergerichtet wurde. «Wird Amanda Knox wieder nach Italien geschleppt?», fragte das Nachrichtenmagazin «Newsweek» zuletzt in einem Artikel, in dem die Verfasserin (selbst Autorin eines Knox-Buches) das italienische Justizsystem in Grund und Boden schreibt.

Aber auch in Italien gab es Kritik an dem Verfahren. Der Ex-Berufungsrichter Claudio Pratillo Hellmann hatte im Vorfeld betont, wenn das Gericht den Fall wieder an eine andere Instanz verweise, mache es sich «lächerlich». Denn der Kassationsgerichtshof hatte bereits den Freispruch im Jahr 2013 wegen Rechtsfehlern gekippt. Und der nun rechtskräftige Freispruch ist bereits das fünfte Urteil in dem Fall.

Insgesamt vier Jahre verbrachten Knox und Sollecito bereits im Gefängnis, wurden einmal freigesprochen und zweimal verurteilt. Zwar wurde Knox nun zu drei Jahren wegen Verleumdung verurteilt - die Strafe hat sie jedoch schon abgesessen.

Wirre Aussagen von Knox

Jahrelange Rechtsstreitigkeiten sind in Italien nicht unüblich. Ein Fall kann ohne weiteres in mehrere Berufungen gehen. «Das ist möglich, nicht sehr häufig, aber möglich», sagte der Rechtsexperte und Anwalt Markus W. Wiget der Deutschen Presse-Agentur. Viele Verbrechen verjähren zudem, bevor es ein rechtskräftiges Urteil gibt, weshalb die Angeklagten ohne Strafe davon kommen. Auch Prominente wie etwa Silvio Berlusconi haben von dieser Tatsache profitiert.

Knox' Anwälte hatten den Freispruch gefordert und Rechtsfehler ins Feld geführt. Sie kritisierten auch, dass die Amerikanerin von italienischen Behörden ohne Anwalt und in einer Sprache befragt worden sei, die sie nicht einwandfrei beherrscht habe.

Doch auch Knox selbst, die von Beginn an in dem Fall unter Verdacht stand, brachte sich mit wirren Aussagen selbst unter Druck. So beschuldigte sie etwa fälschlicherweise den Kneipenbesitzer Patrick Lumumba, der später entlastet wurde. Nun kann Knox, wegen ihres Aussehens auch «Engel mit den Eisaugen» genannt, ihrem Leben in ihrer Heimat Seattle nachgehen. Zuletzt war bekanntgeworden, dass sie heiraten will.

(sda/dbe)

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