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Ungewöhnlich
Knastband für Grammy nominiert

Singen mit Inbrunst: Mitglieder der Zomba-Band, die für einen Grammy nominiert sind. Keystone

4000 Häftlinge leben in der Haftanstalt Zomba in Malawi, für 300 war die Anlage geplant. Trotz dieser Zustände vibriert der Ort vor Kreativität: Die Gefängnisband wurde für einen Grammy nominiert.

Veröffentlicht am 14.01.2016

An der Bassgitarre – der Einbrecher Stefano Nyerenda, am Mikrophon - der Mörder Elias Chimenya: Bei der Grammy-Verleihung am 15. Februar in Los Angeles könnte eine Häftlingsband aus dem malawischen Zomba mit einem Schlag berühmt werden.

Denn ihr Album «I Have No Everything Here» wurde in der Kategorie Weltmusik für den begehrten US-Musikpreis nominiert. «Wir können es nicht glauben», sagt der 34-jährige Nyerenda, der eine zehnjährige Haftstrafe wegen Raubs absitzt. «Wir dachten nicht, dass eine Häftlingsband nominiert werden kann.»

«Was ist ein Grammy?»

Auch Little Dinizulu Mtengano von der malawischen Gefängnisverwaltung traute seinen Ohren nicht: «Als ich die Nachricht bekam, fragte ich erst einmal 'Was ist ein Grammy?'», erinnert er sich. Dann sei er sofort in das Hochsicherheitsgefängnis geeilt. Die Bandmitglieder seien genauso überrascht gewesen wie er, erinnert er sich. «Aber manche wussten, was Grammys sind.» Er freue sich über die Wertschätzung, «das ist gut für die Moral der Häftlinge».

Entdeckt wurden die ungewöhnlichen Musiker von dem US-Produzenten Ian Brennan. Er arbeitete im Jahr 2013 zwei Wochen lang mit 60 Insassen und Wärtern und nahm dabei sechs Stunden Material auf. 20 Songs von 16 Musikern schafften es schliesslich auf das Album, viele davon in der lokalen Sprache der Chichewa.

Therapeutische Wirkung

Der 46-jährige Chimenya etwa verarbeitete seine eigenen Erfahrungen in der eindringlichen Ballade «Jealous Neighbour» – er sitzt lebenslänglich, weil er in den 1980er Jahren im Streit einen Mann tötete. Auch Titel wie «I Kill No More», «Taking My Life» oder «Prison of Sinners» künden vom Leben der Straftäter.

«Als die Häftlinge hier ankamen, wussten sie nichts« von Musik, erinnert sich Aufseher Thomas Binamo, der auch einige Lieder beisteuerte. «Wir brachten ihnen das Singen bei, Keyboard, Schlagzeug, Gitarre, bis sie Musiker wurden. Musik kann beruhigen.«

Das glaubt inzwischen auch Chimenya: «Ich bin ein anderer Mensch geworden, die Musik hilft mir, zu entspannen und meine Situation zu akzeptieren», sagt er. Der 46-Jährige will nicht im Gefängnis sterben. Er träumt davon, eines Tages freizukommen und eine Musikerkarriere zu beginnen.

Frauen machen Putzkübel zu Drums

Zomba ist nicht gerade eine Muster-Haftanstalt: Das in den 30er Jahren erbaute Gefängnis im Süden Malawis war ursprünglich für 300 Häftlinge gedacht, inzwischen leben 4000 Gefangene in der baufälligen Anstalt.

Doch hatte es schon vorher eine rein männliche Band, die durch Gefängnisse und Schulen tourte und zum Schutz vor HIV aufrief. Auf dem nun nominierten Album musizieren aber auch viele Frauen, die in einem separaten Flügel untergebracht sind. Ihre Phantasie ist grenzenlos – zu den Instrumenten zählen etwa Eimer und Rohre.

Vermenschlichen, nicht verherrlichen

US-Produzent Brennan hat in seiner Heimat mit den Insassen von vielen Gefängnissen gearbeitet. Umso erstaunter war er, dass es bei den Proben in Zomba «keine strenge Abgrenzung zwischen Häftlingen und Wärtern gab». Die Aufnahmen entstanden in einem improvisierten Studio neben einer lärmenden Tischlerei. «Die Stimmen sind natürlich, das Album ist reich an Melodie, was selten ist in der Welt der Musik», freut sich Brennan.

Vorwürfe, er würde Kriminelle glorifizieren, weist er zurück: «Manche dieser Häftlinge wurden inzwischen als unschuldig entlassen. Andere hängen jahrelang in der Bürokratie fest. Aber klar, manche sitzen lebenslänglich, wegen Mordes.» Es gehe nicht darum, ihre Schicksale zu verherrlichen, sondern darum, sie zu «vermenschlichen».

(sda/me)

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