40 Jahre lang machte Lemmy Kilmister seinem Image als ausschweifende Metal-Legende alle Ehre: Drogen, Alkohol, Frauen – nichts liess er aus. Doch dann wurde Diabetes diagnostiziert, er bekam einen Defibrillator gegen Herzprobleme eingesetzt.

Schliesslich setzte ihm sogar die Höhenluft bei manchen Konzerten zu: Mit einem simplen «I can't do it» brach Kilmister 2015 eine Reihe von Auftritten in den USA ab – obwohl er schon seinen Zigarettenkonsum auf mickrige zwei Stängel pro Tag zurückgefahren hatte, von seinem Markenzeichen – einer Flasche Whiskey täglich – auf Wodka umgestiegen war und regelmässig auf seinem Heimfahrrad radelte.

«Immer gesund»

«Ich war immer gesund, abgesehen von Drogen und Alkohol», scherzte er gerne. Wie seine Band am frühen Dienstagmorgen mitteilte, starb Lemmy Kilmister nun im Alter von 70 Jahren an einem Krebsleiden, von dem er erst am 26. Dezember erfahren hatte. Der Motörhead-Frontmann hinterlässt zwei Söhne.

Anzeige

Ian Fraser Kilmister – wie Lemmy wirklich hiess – wurde am Heiligabend 1945 geboren und machte sich schon als Teenager einen Namen als Frauenheld: Er schleppte eine Gitarre mit in die Schule, um die Mädchen zu beeindrucken – und es wirkte. Obwohl er damals noch nicht mal spielen konnte.

1000 Frauen, nicht 2000

Im Interview mit der «B.Z.» räumte er allerdings mit dem Gerücht auf, dass er angeblich mit 2000 Frauen geschlafen habe. Tatsächlich seien es nur 1000 gewesen. «Und wenn du die auf all die Jahre umrechnest, ist das auch nicht mehr als eine pro Woche. Also keine absurde Zahl», sagte Lemmy.

Die Frau fürs Leben fand der zynische Pfarrerssohn aus Stoke-on-Trent nie – vielleicht nicht ganz verwunderlich: «Ich glaube, Liebe ist Verliebtheit, die zur Gewohnheit wird, weil die Leidenschaft nicht anhält», sagte er einst der britischen Zeitung «Observer». «Man gewöhnt sich an Menschen, und das finde ich tödlich – ich mag überrascht werden.»

«Mach diese Scheissmusik aus»

Bis ins hohe Alter tourte der Sänger und Bassist mit seiner Band und veröffentlichte regelmässig neue Platten. Doch Motörheads grösster Hit liegt schon einige Jahrzehnte zurück: «Ace of Spades» von 1980. «Wir spielen immer noch Rock'n'Roll, nur sehr schnell und sehr laut. Es kotzt immer noch die Eltern an, das ist die Hauptsache. 'Mach diese Scheissmusik aus', das wollen wir hören.»

Seit 1975 stand er mit Motörhead für harten, ehrlichen und vor allem möglichst lauten Rock. «Rock'n'Roll Music is the true religion», heisst es auf dem Album «The Wörld is Yours» – und darum geht es, nicht mehr und nicht weniger.

 

Eine Konstante

Erstaunlich dabei ist, wie wenig die Zeit dem Sound der britischen Rocker anhaben konnte. Auch auf den neuesten Alben zeigten sich Lemmy und seine Bandkollegen Mikkey Dee und Phil Campbell nach wie vor unbeeindruckt von äusseren Einflüssen.

Motörhead waren nicht einfach nur irgendeine Band. Sie waren ein pophistorisches Phänomen und eine der grossen musikalischen Konstanten der letzten Jahrzehnte. Trends und Moden interessierte das Trio nie. Motörhead selbst gaben die Richtung vor. Sie waren die Referenz, statt sich selbst Vorbilder zu suchen.

Punk-Attitüde

Aus astreinem Rock, Metal und einer gewissen Punk-Attitüde, die sich in garstiger Schnelligkeit und einer gewissen Portion Dilettantismus zusammensetzte, schufen Motörhead etwas Ureigenes.

Ob man die Briten nun Punkrocker, Rocker oder Metaller nennen will, bleibt eigentlich jedem Fan selbst überlassen – eigentlich sind sie einfach nur Motörhead. «Wir haben keine besonderen künstlerischen Scheiss-Tricks auf Lager», meinte Lemmy einmal, der vor allem eines nicht wollte: sein Publikum langweilen.

(sda/ise/mbü)