Nach einem ruhigeren Vorjahr lässt die Kirschessigfliege Obstproduzenten heuer wieder unruhig schlafen. Nach der Kirschenernte zeigt sich: Feine Netze schützen. Ausserhalb der Niederstammplantagen sind diese jedoch kaum eine Option.

Ein eingeschlepptes Insekt hatte vor zwei Jahren die Schweizer Obstbranche aufgeschreckt: Drosophila suzukii, die Kirschessigfliege verursachte in jenem feuchten Sommer nach einem milden Winter erstmals grosse Schäden. Der letzte Winter war nun wieder mild, und dieser Sommer ist sehr feucht – und der Schädling voll in seinem Element.

Feine Netze schützen

«Die Kirschessigfliege werden wir nicht mehr los», steht für Stefan Kuske von der Forschungsanstalt Agroscope in Wädenswil ZH fest. Sie habe noch kaum natürliche Gegner und komme bei guten Bedingungen auf sechs bis zehn Generationen pro Jahr. In ihrer Herkunft Japan labten sich etwa Schlupfwespen an der Fliege, doch ob das hier auch klappe, sei abzuwarten.

Nicht warten können jedoch Obstbauern, deren Arbeit die Kirschessigfliege zunichte macht. Die gerade abgeschlossene diesjährige Kirschenernte hat gezeigt, dass immerhin feine Schutznetze gut wirken. Die Früchte in den eingenetzten Plantagen von Hansruedi Wirz, des Präsidenten des Früchtezentrums Basel, waren gar «zu 99 Prozent sauber».

Sogar Luft kommt kaum durch

Doch Netze kosten Geld und Zeit, es sei denn, bei Plantagen habe es schon Wetterschutz-Plastikdächer. An Masten mit Seilen werden dann statt groben Vogelnetzen feine Insektennetze angehängt. Diese muss man sorgfältig dicht montieren und auch vorsichtig betreten, idealerweise mit Schleusen.

Die Forschung empfiehlt laut Kuske heute Maschenweiten zwischen 1 und 1,3 Millimetern. Je feiner allerdings das Netz, desto mehr Widerstand bietet es bei Wind und drohen so Schäden bei Gewittern; zudem leidet darunter die Luftzirkulation.

Früchte abschütteln

Die für das Baselbiet wichtigen Tafelkirschen gediehen zunehmend unter Netzen, wie Franco Weibel vom Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain in Sissach BL sagt. Ohne Netz bleiben derweil vor allem die für Industriekirschen und Schnapsbrennerei genutzten Hochstammbäume, oft Landschaft-prägende Bestände und alte Sorten.

Selbst Direktzahlungen machen Hochstämmer nicht zum grossen Geschäft. Wird auf die Ernte verzichtet, werden Bäume voller reifer Früchte zu Refugien der Kirschessigfliege. Die Ernte ist an Hochstämmern mit langen Leitern zeitaufwändiger und nicht ungefährlich, weshalb sie meist mittels Schütteln durch Traktoren erfolgt – solche Früchte landen dann eben in Backwaren, Konfitürentöpfen oder im Brennhafen.

Neue Methoden werden geprüft

Laut Weibel ist heute mit der Kirschessigfliege das Ernte-Timing das A und O, insbesondere bei Beeren: Produzenten müssen den Reifeverlauf akribisch beobachten und häufigere Erntedurchgänge machen als früher üblich. Die meisten hätten das aber gut im Griff und lieferten einwandfreie Früchte ab. Auch bei Insektiziden müsse man ja immer gesetzliche Wartefristen und Schutzabstände einhalten. Zu solchen Umständen kämen noch die Kosten.

Wie Hochstämmer dennoch ohne Insektizide zu retten sind, könnten Versuche mit Abwehrmethoden aufzeigen, die in einem Baselbieter Wirtschaftsförderprojekt sowie über das Interreg-Projekt «Inva-Protect» der Kantone Baselland, Aargau und Solothurn mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) in Frick AG laufen. Sie zielen etwa auf Geruchs-Tarnung oder sollen Fruchtoberflächen für die Kirschessigfliege unattraktiv machen.

Gentechnische Tricks denkbar

Während Tests etwa mit Hanf-Öl laut Kuske unterschiedliche Ergebnisse geliefert haben, zeichnet sich bei feinen Gesteinsmehlen eine gewisse Abschreckungs-Wirkung ab. Solche Früchte sehen mit einem ungewohnten Schleier zwar nicht perfekt schön aus, sind laut Kuske aber etwa beim Brennen unproblematisch.

Bis aus solchen Versuchen eine marktreife Lösung wird, kann aber noch dauern. Die Akzeptanz dürfte bei Gesteinsmehl das kleinere Problem sein als bei ebenfalls denkbaren gentechnischen Tricks, zum Beispiel sterilen Fliegen, die man züchten und aussetzen könnte.

Anders als bei Kirschen sind Insektennetze bei Zwetschgen noch kaum verbreitet. Zwetschgen sind laut Wirz weniger auf Regen empfindlich, und die tieferen Produzentenerlöse finanzierten aufwändige Schutzmassnahmen schlechter. Einzelne Zwetschgensorten seien aus noch unklaren Gründen weniger anfällig auf Kirschessigfliegen – zum Beispiel die beiden frühen, mit denen gerade die Zwetschgenernte begonnen hat.

Entsorgen statt kompostieren

Die aus Südostasien stammende Kirschessigfliege war 2008 in Spanien erstmals in Europa entdeckt worden; heute lebt sie auf dem ganzen Kontinent. 2011 folgte der erste Nachweis in der Schweiz. Als Taufliegen-Art ist sie bevorzugt zu Tau-trächtigen Tageszeiten aktiv und verzieht sich bei Hitze und Trockenheit an schattige Orte oder in höhere Lagen.

Das zwei bis drei Millimeter lange Insekt befällt gut reife Früchte von vielen Wild- und Kulturpflanzen. Besonders gefährdet sind Himbeeren, Brombeeren, Kirschen, Holunder, Zwetschgen und Trauben. Befallene Früchte darf man übrigens nicht einfach am Boden liegen lassen oder kompostieren, sondern sollte sie so entsorgen, dass die Maden der Kirschessigfliege sterben – etwa im Gülleloch.

Die Weibchen legen in ihren zwei Monaten Lebensdauer bis zu 600 Eier in gesunde Früchte; sie durchbohren dazu die Fruchthaut. Die Larven ernähren sich vom Fruchtfleisch. Ein Vermehrungszyklus dauert nur 10 bis 25 Tage. Das Weibchen überwintert an geschützten Orten.

(sda/jfr)

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