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Anschläge
Paris hat Trauma noch nicht überwunden

Paris: Passanten beim Musikclub «Bataclan» überreichen Polizisten Blumen.   Keystone

Ein Jahr ist es her seitdem Terroristen Menschen an mehreren Orten in Paris attackierten und im Musikclub «Bataclan» ein Blutbad anrichteten. Das Trauma wirkt auch jetzt noch nach.

Veröffentlicht am 12.11.2016

Vor einem Jahr nahm der Terror den Pariser Alltag ins Visier. Der 13. November 2015 war der traurige Höhepunkt eines für Frankreich beispiellosen Jahres der Anschläge - und ein tiefer Einschnitt, der Politik und Gesellschaft weiter prägt. Das Trauma ist längst nicht überwunden.

Die Wahl des Datums ist ein Zeichen, ein Bekenntnis zum Leben. Das «Bataclan» wird am Samstag mit einem Konzert des britischen Musikers Sting wiedereröffnet - am Vorabend des ersten Jahrestages der Pariser Terroranschläge. Monatelang wurde die traditionsreiche Konzerthalle im Osten der Millionenstadt renoviert, die Spuren der Islamisten-Attacke wurden beseitigt.

«Eine Art Wiederaufbau»

«Jetzt beginnt eine andere Art von Wiederaufbau: der des Lebens im Saal - und diese Arbeiten werden länger und schwieriger sein», sagte «Bataclan»-Co-Chef Jules Frutos dem französischen Sender RTL.

Das Konzert symbolisiert den Neuanfang an einem Wochenende im Zeichen von Trauer und Gedenken. Die Stadt wird Plaketten an den Tatorten anbringen, die an die 130 Todesopfer der islamistischen Terroranschläge erinnern - und will sonst möglichst viel Raum für spontanes Innehalten lassen.

Zuerst ein Knall am Fussballstadion

Das Trauma des 13. November 2015 ist in Frankreich längst nicht überwunden. Es war der verheerendste Terrorakt seit dem Zweiten Weltkrieg - eine «Aggression gegen unser Land, gegen seine Werte, gegen seine Jugend, gegen seine Lebensart», wie Präsident François Hollande sagte.

Um 21.19 Uhr an jenem Abend hören Zehntausende Fussballfans im Stade de France einen Knall. Auf dem Platz spielt Deutschland gegen Frankreich, auf der Tribüne sitzen auch Staatschef Hollande und der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier. Was sie nicht ahnen: Ein Selbstmordattentäter hat sich vor dem Stadion in die Luft gesprengt. Zwei weitere tun es ihm kurz darauf nach.

Drei Terrorkommandos

Gleich drei Terrorkommandos des selbst ernannten Islamischen Staates (IS) schlagen an diesem Abend zu - bewaffnet mit Sturmgewehren und Sprengstoffgürteln, gut vorbereitet, präzise koordiniert. Die französische Anti-Terror-Denkfabrik CAT (Centre d'analyse du terrorisme) hat Schätzungen vorgelegt, wonach die Vorbereitungen rund 82'000 Euro gekostet haben.

Drei Männer ermorden Dutzende Menschen auf den Terrassen von Bars in einem angesagten Viertel im Osten der französischen Hauptstadt. Das grösste Blutbad richtet das Kommando an, das beim Konzert der US-Rockband Eagles of Death Metal ins «Bataclan» eindringt, in die Menge schiesst und Geiseln nimmt - allein diese Terroristen töten 90 Menschen.

Sieben Attentäter tot, einer gefasst

Sieben Attentäter sterben bei den Anschlägen, zwei weitere einige Tage später bei einem Polizeieinsatz. Nur ein mutmasslich direkt Beteiligter geht den Ermittlern lebend ins Netz: Nach monatelanger Fahndung wird Salah Abdeslam in Brüssel gefasst.

Die Anschlagsserie der vergangenen zwei Jahre hat Frankreich erschüttert - es streitet heftig über den richtigen Weg im Kampf gegen den Terror, aber auch über sein eigenes Selbstverständnis. Die Folgen der Pariser Anschläge waren dabei deutlich dramatischer als jene der Attacken auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015.

Hollande: Frankreich ist im Krieg

Die Politik legte einen Schalter um: «Frankreich ist im Krieg», sagte Präsident Hollande. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand, Frankreich weitete seine Luftschläge gegen IS-Stellungen aus, die Anti-Terror-Gesetze wurden verschärft.

«Es gab zunächst einen Aufruf zur nationalen Einheit, der sich in einen Rechtsruck der Regierung übersetzt hat», sagt der Soziologe Michel Wieviorka über die Folgen des 13. November.

Und trotzdem passiert Nizza

Mit der Einheit war es allerdings nicht weit her. Als Zugeständnis an die Konservativen wollte Hollande die Möglichkeit ausweiten, Terroristen die französische Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Doch das führte zu Zerwürfnissen in seinem eigenem Lager, die Verfassungsänderung scheiterte - ein politisches Debakel.

Darüber hinaus konnten alle Anti-Terror-Pläne nicht verhindern, dass weitere Menschen starben - vor allem beim Anschlag von Nizza mit 86 Toten.

Sicherheitspolitik Thema Nr. 1

Im Vorwahlkampf ist die Sicherheitspolitik das Thema Nr. 1. Die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage bleibt dagegen bislang im Hintergrund. Und regelmässig warnt die Regierung, dass die Gefahr weiter hoch sei.

Wenn Frankreich an diesem Wochenende wieder einmal seiner Toten gedenkt, schwingt im Hintergrund damit auch die Frage mit, ob es wieder passieren kann, und ob das Land seinen Zusammenhalt wahrt.

Sicherheitsdenken gegen Offenheit

Soziologe Wieviorka sieht in der aufgeheizten Debatte einen Konflikt zwischen zwei verschiedenen Konzepten von Frankreich: zwischen denjenigen, die auf Sicherheit über alles setzen - und denen, die ein offenes Land wollen.

Die Franzosen seien aber weiterhin sehr republikanisch gesinnt. «Ich glaube nicht, dass der Terrorismus diese Werte deutlich beeinträchtigen kann. Aber er stellt sie infrage», ist der Soziologe überzeugt.

(sda/cfr)

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