Der erste Eindruck täuscht: Pharrell Williams ist nicht bloss ein geleckter Frauenheld, ein 41-jähriger Markenjunkie mit der Attitüde eines 20-Jährigen. Wie der US-Sänger und Hitproduzent am Montag am Montreux Jazzfestival zeigte, ist er vor allem ein Stimmungsgarant.

Es braucht ganz einfach ein bisschen Zeit, bis der kleine Mann mit dem grossen Hut im ausverkauften Auditorium Stravinski so richtig auf Touren kommt. Oder besser gesagt: Bis ihn das Publikum inmitten der singenden und tanzenden Models überhaupt erst ausmachen kann.

Rreizüberflutung überfordert Publikum

Das einzige, was in den Anfangsminuten zwischen langen Beinen, wackelnden Hintern und nackten Bäuchen von Williams zu sehen ist, sind nämlich ein übergrosser Adidas-Auftruck auf dessen Hosenboden sowie knallgelbe Chanel-Sneakers. Diese Reizüberflutung macht es dem Publikum vorerst unmöglich, der gesanglichen Aufforderung «Lose Yourself to Dance» Folge zu leisten.

Dass Pharrell Williams im Anschluss daran eine Reihe Songs von seinem zweiten Soloalbum «Girl» zum Besten gibt, verleiht der gedämpften Stimmung leider auch keinen Aufwind. «Hunter» hat zwar einen ansprechenden Beat, ist aber schon nach einer Minute so eintönig, dass einem die Beine einschlafen. Ähnlich verhält es sich mit «Marilyn Monroe» - irgendwie funky und dennoch nicht aufmüpfig genug.

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Grösse im Hintergrund

Als könnte er Gedanken lesen, beantwortet Williams die Frage, was diesen jungenhaften Musiker mit der Babyhaut und dem schelmischen Blick so unglaublich erfolgreich macht, nach dem ersten tosenden Applaus für das Nelly-Cover «Hot in Herre» gleich selbst: «Sie applaudieren nicht für mich, sondern für all die Künstler, mit denen ich zusammenarbeiten darf.»

Die Rede ist von all den Knallern, die der Groove-König im stillen Kämmerlein für andere produzierte: «Get Lucky» (Daft Punk), «Drop It Like It's Hot» (Snoop Dogg) oder «Blurred Lines» (Robin Thicke), um nur einige zu nennen. Und diese sind es denn auch, worauf das Publikum hier sehnlichst gewartet hat. So zumindest macht es den Anschein, als die Meute bei einem Hit-Medley so richtig auftaut.

Bemerkenswerterweise steigt die Stimmung in diesem Moment, ohne dass Pharrell Williams sich in Szene setzt. Der Künstler zieht sich sogar bewusst zurück, kauert in eine Ecke, lässt allein seine schönen Puppen tanzen und sein musikalisches Werk für sich sprechen. Clever: Denn dadurch gewinnt er ganz plötzlich an Grösse und Ausstrahlung.

Ein Abend für die Frauen

Ab diesem Zeitpunkt gelingt es dem Superstar, den Begeisterungspegel auf dem Maximum zu halten. Das Publikum tanzt ohne Unterbruch, und Pharrell Williams zeigt mit zwei, drei Nummern seiner Hip-Hop-Band N.E.R.D, dass er nicht nur ein aalglatter Frauenheld, sondern auch ein richtig knackiger Kerl sein kann.

Apropos Frauen: Ihnen windet der Charmeur, dessen Texte sich allesamt um die Worte «Girls», «sexy», «Queen» und «Love» bauen, ein besonderes Kränzchen. «Ich entschuldige mich nicht für die Art und Weise, wie ich Frauen verehre», sagt er, während sich seine freizügigen Tänzerinnen noch enger um in scharen. «Ich liebe Frauen.»

In diesen Genuss kommt eine Dame aus dem Publikum, als sie mit ihrem Idol zur ultimativen Gute-Laune-Nummer «Happy» tanzen darf. Dem Song seines Soloalbums übrigens, der den Vorwurf entkräftet, dass Pharrell Williams ausschliesslich im Hintergrund erfolgreich ist. Just in dem Moment, in dem das Publikum noch so viel mehr von ihm sehen möchte, zieht er sich aber genau dorthin zurück.

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(sda/dbe/sim)