Der des Mordes angeklagte südafrikanische Sprintstar Oscar Pistorius ist nach Einschätzung psychiatrischer Gutachter voll schuldfähig. Pistorius habe unter keinen psychischen Störungen gelitten, als er seine Freundin Reeva Steenkamp erschoss, heisst es in einem Gutachten.

Staatsanwalt Gerrie Nel verlas das Gutachten am Montag nach der Wiederaufnahme des Prozesses. Pistorius muss sich seit Anfang März wegen der Tötung seiner Freundin im Februar 2013 vor Gericht verantworten. Er beteuert, Steenkamp für einen Einbrecher gehalten und in Panik durch die geschlossene Toilettentür seines Hauses auf sie geschossen zu haben.

Gutachter sind sich einig

Die Richterin ordnete auf Antrag der Staatsanwaltschaft eine psychiatrische Untersuchung des Angeklagten an, nachdem ihm eine Psychiaterin eine «allgemeine Angststörung» bescheinigt hatte. 30 Tage lang wurde er daraufhin ambulant in einer psychiatrischen Klinik untersucht.

Nach den Worten des Staatsanwalts war sich der an den Unterschenkeln amputierte Sprinter der «Unrechtmässigkeit seines Handelns» durchaus bewusst. Nel bekräftigte, dass beide Gutachten der Psychiater und des Psychologen zu demselben Schluss gekommen seien.

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Pistorius' Verteidiger Barry Roux legte zunächst keinen Widerspruch gegen die Fortsetzung des Prozesses ein, will den Bericht aber nochmals eingehender prüfen. Auch Richterin Thokozile Masipa äusserte sich zunächst nicht zu den Gutachten.

Pistorius spricht von schrecklichem Irrtum

Hätten die Experten Pistorius für psychisch gestört erklärt, hätte sich dies strafmildernd auswirken können - der 27-Jährige hätte möglicherweise aber auch für unbestimmte Zeit in eine geschlossene psychiatrische Anstalt gemusst. Bei einem Schuldspruch droht ihm nun lebenslänglich - das wären 25 Jahre Haft.

Pistorius selbst hatte sich nie für unzurechnungsfähig erklärt. Bei seiner Vernehmung im April sprach er vielmehr von einem «schrecklichen Irrtum»: Er habe im Affekt gehandelt, als er in rascher Folge die vier Schüsse abgefeuert habe - und niemanden töten wollen, auch keinen Einbrecher.

Während der Zeugenbefragungen brach er dann immer wieder zusammen, weinte und musste sich so häufig übergeben, dass schliesslich ein Plastikeimer zu seinem ständigen Begleiter im Gerichtssaal wurde. Am Montag hingegen zeigte Pistorius keine Emotionen, sondern starrte unentwegt geradeaus.

Unterschiedliche Darstellungen des Angeklagten

Die Anklage ist überzeugt, dass Pistorius seine Freundin in der Nacht zum Valentinstag nach einem Streit erschossen hatte. Während des Prozesses stellte Staatsanwalt Nel den 27-Jährigen als Egozentriker dar, der glaubte, sich alles erlauben zu können und nicht bereit war, für falsches Verhalten die Verantwortung zu übernehmen.

Am Montag ging das Verfahren mit der Vernehmung des Chirurgen Gerald Versfeld als Zeugen der Verteidigung weiter. Versfeld hatte Pistorius im Alter von elf Monaten wegen einer Fehlbildung Füsse und Unterschenkel amputiert. Nach seinen Angaben war der 27-Jährige - allen sportlichen Erfolgen zum Trotz - wegen der Behinderung verletzlicher als manche seiner weniger erfolgreichen Mitmenschen.

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Dies treffe vor allem für den Fall eines Einbruchs zu, führte der Arzt weiter aus: Auf seinen Stümpfen und ohne Prothesen habe Pistorius Schwierigkeiten, sich aufrecht zu halten oder zu laufen, «seine Fähigkeit, eine Gefahr abzuwenden ist ernsthaft eingeschränkt».

(sda/gku/vst)