Ein magerer Lendenschurzträger hat nicht jedem Regisseur zum Gipfelsturm verholfen. Doch Richard Attenboroughs Monumentalfilm «Gandhi» (1982) über den indischen Freiheitskämpfer räumte acht Oscars ab und bescherte dem Briten Weltruhm.

Spätestens seitdem war Attenborough vor allem in seiner Heimat im kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben eine unangreifbare Grösse. Vom Königshaus bis zum Premierminister: Die Kontakte des Mannes mit dem weissen Rauschebart reichten bis ganz nach oben - für die meisten war Lord Attenborough trotzdem schlicht «Dickie». Am Sonntag starb der Regisseur und Schauspieler im Alter von 90 Jahren, wie sein Sohn der BBC sagte.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Während seiner langen Karriere beschäftigte Attenborough dabei kaum etwas wie das Leben Gandhis. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte er das Epos geplant und Geld gesammelt. Belohnt wurde er mit Oscars, unter anderem für den «Besten Film» und «Beste Regie». «Ich will unterhalten und das Publikum dabei auch zum Nachdenken anregen», erklärte Attenborough einst.

Dies gelang ihm schon zuvor mit seinem Kriegsfilm «Die Brücke von Arnheim» (1977), der auch in Deutschland grosse Beachtung fand. Auch mit dem Anti-Apartheidsdrama «Cry Freedom» (1987) oder mit «A Chorus Line» (1985), in dem er die Schattenseiten des Showgeschäfts beleuchtet, berührte er das Publikum.

Zu seinen bekannten Werken gehören zudem das filmische Porträt über Charlie Chaplin "Charlie" (1992) und das Drama "In Love and War" (1996) über die erste Liebe Hemingways.

Auch als Schauspieler aktiv

Bei seinem unermüdlichen Engagement hinter der Kamera wird oft vergessen, dass Attenborough Dutzende Male als Schauspieler auftrat, darunter in den 40er Jahren als psychopathischer Gangster mit Babygesicht in «Brighton Rock» oder als exzentrischer Milliardär in Spielbergs Dinosaurier-Streifen «Jurassic Park» 1993.

Sein Enthusiasmus für die Schauspielerei hielt sich jedoch in Grenzen: Aus Frustration habe er ins Regiefach gewechselt, gestand er einmal. «Ich war in Filmen immer einer von den Typen, die nur auf den unteren Decks der Marine Ihrer Majestät mitspielen durften (...). Ich hatte ein so pausbäckiges Gesicht, dass ich als 25-Jähriger immer noch 15-Jährige spielen sollte.»

Seinem Ruhm schadete das nicht. 1993 ernannte ihn die Queen zum Lord Attenborough of Richmond-on-Thames und verlieht ihm damit die Berechtigung, im Oberhaus Politik zu machen. Den Adelstitel hatte er sich redlich verdient, schliesslich war der Picasso-Liebhaber in unzähligen Vorständen von Wohltätigkeits- und Kultureinrichtungen aktiv.

Bescheidenheit in Person

Dabei übte sich Tausendsassa Attenborough gerne in Bescheidenheit. «Ich bin kein grossartiger Regisseur, ich bin ein guter Regisseur», antwortete er auf die Frage, wie man sich als «lebende Legende» fühlt.

In Rage konnte man ihn auch nicht mit Fragen nach seinem bekannten Bruder, dem Tierfilmer David Attenborough, bringen. Ihn bekümmere jedoch, dass er im Gegensatz zu seinen beiden jüngeren Brüdern nicht an die Universität gegangen sei - einen Mann, der in Cambridge als Sohn eines Universitätsrektors zur Welt kam, mag das wurmen. Doch dafür lernte er die Schauspielerei auf der Londoner Royal Academy of Dramatic Arts.

Jedoch blieb Attenborough, der mehr als 50 Jahren mit der Schauspielerin Sheila Sim verheiratet war und im Londoner Promivorort Richmond lebte, nicht von Schicksalsschlägen verschont: Seine älteste Tochter sowie deren Tochter und Schwiegermutter kamen 2004 bei dem Tsunami in Südostasien ums Leben. Weihnachten mochte er deshalb nicht gerne feiern.

Filmografie

In den vergangenen Jahrzehnten stand Attenborough für weltweit beachtete Filme vor und hinter der Kamera. Anbei eine Auswahl:

«Zorniges Schweigen» (The Angry Silence, 1959): Der Mitbegründer der Produktionsfirma Beaver Films ist als Schauspieler in diesem Arbeiterdrama, dem erstem Film der neuen Gesellschaft, erfolgreich.

«Gesprengte Ketten» (The Great Escape, 1963): An der Seite von Steve McQueen gelingt Attenborough in diesem Häftlings-Klassiker des Regisseurs John Sturges der grosse Durchbruch.

«Der Flug des Phoenix» (The Flight of the Phoenix, 1965): In Robert Aldrichs Abenteuerfilm kann er mit Hardy Krüger und anderen nach einem Absturz in der Wüste aus den Trümmern eines Flugzeugs eine Flugmaschine zusammenzimmern und das Leben aller retten.

«Die Brücke von Arnheim» (A Bridge Too Far, 1977): Der von der Kritik hochgelobte Kriegsfilm des Regisseurs Attenborough findet auch in Deutschland grosse Beachtung.

«Gandhi» (1982): Der Welterfolg über den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi wird mit acht Oscars geehrt. Zwei dieser Auszeichnungen gehen an Attenborough für die beste Regie und als Produzent in der Kategorie Bester Film.

«Jurassic Park» (1993): Als exzentrischer Milliardär in Steven Spielbergs Dinosaurier-Epos tritt Attenborough nach 14 Jahren erstmals wieder als Filmschauspieler auf.

«Das Wunder von Manhattan» (The Miracle on 34th Street, 1994): In dem romantischen Weihnachtsfilm verkündet er zwischen leuchtenden Kinderaugen und skeptischen Erwachsenen als alter Mann mit weissem Bart die frohe Botschaft.

«Grey Owl und der Schatz der Biber» (Grey Owl, 1999): Regisseur Attenborough zeigt, wie Pierce Brosnan als Indianer vor Touristen Stammestänze vorführt, bis die Liebe zu einer Indianerin sein Leben verändert.

(sda/chb)