Öffentliches Fluchen im Fernsehen, im Theater oder auf Konzertbühnen ist in Russland nun unter Androhung von Geldstrafen verboten. Gegner und Befürworter streiten über das Gesetz. Vermeintliche Sprachschützer wollen aber noch weiter gehen.

Schimpfkanonaden und Flüche können auf Russisch nicht nur verletzend, sondern sogar kultig sein. Als «Mat» (Mutterflüche) bezeichnen die Russen ihre obszöne Vulgärsprache, die Ausdruck für höchstes Entzücken oder extremste Beleidigungen sein kann.

Vulgärsprache als Errungenschaft

Weil «Mat» nun per Gesetz aus Fernsehen, Filmen, Literatur und von Theater- und Konzertbühnen verbannt wird, gibt es Streit im Riesenreich. Sogar Intellektuelle warnen davor, dass das Kulturgut aussterben könne. Kunstschaffende sehen die Gefahr von Zensur.

Der eigentlich kremltreue Regisseur und Präsident des Filmemacherverbandes, Nikita Michalkow, fordert eine Korrektur des Gesetzes, das am 1. Juli in Kraft trat. «Mat ist eine tiefe Materie, es ist eine der grössten Errungenschaften des russischen Volkes», sagt der Oscar-Preisträger («Die Sonne, die uns täuscht», 1994). «Mat als Mittel, den Extremzustand eines Menschen auszudrücken - wenn es um Krieg, Tod und Schmerz geht - ist gerechtfertigt», betont Michalkow.

Zwar wird in synchronisierten Fassungen von ausländischen Filmen schon traditionell das Fluchen weggelassen. Für russische Filme oder auch auf der Theaterbühne bricht nun aber eine neue Zeit an. Milieustudien etwa von russischen Dörfern oder aus der Unterwelt seien ohne «Mat» kaum lebensecht, warnen Regisseure.

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Hohe Bussen für Verstösse

Nun drohen Strafen fürs Fluchen. Für einfache Bürger fangen sie bei 2000 Rubel (rund 43 Euro) an. Für das Zeigen eines Filmes mit Flüchen drohen bis 100'000 Rubel. Viele Künstler wollen sich deshalb an das «Gesetz zum Verbot nicht normativer Lexik» halten.

So lässt etwa die für ihre knallharten Sozialdramen bekannte Filmemacherin Walerija Gaj Germanika ihren zuletzt mit mehreren Preisen gekürten Streifen «Da i Da» («Ja und Ja») neu vertonen. Nur so kann die Geschichte mit viel Gossensprache um die Wodkaexzesse eines Künstlers und seine Beziehung mit einer Lehrerin in den Verkauf gehen.

«Moral der Bürger schützen»

«Ich sehe es als Hauptaufgabe des Staates, die Moral und die sittliche Gesundheit der Bürger zu schützen», sagt der 78 Jahre alte Regisseur Stanislaw Goworuchin. Der enge Vertraute von Kremlchef Wladimir Putin ist der Urheber des Gesetzes und steht beispielhaft für eine aus totalitären Sowjetzeiten stammende Generation, die mit ihrer bevormundenden Art bis heute viel Einfluss hat.

Unterstützung findet das Gesetz aber auch bei dem in Künstlerkreisen umstrittenen Kulturminister Wladimir Medinski. Er fordert, dass Literatur, die «Mat» enthält, nur noch in Folie eingeschweisst und mit entsprechenden Warnhinweisen verkauft wird. Auch für Musik und Videoartikel ist das nun Pflicht.

Auch Putin nutze «Mat»

Dagegen warnt Wladimir Tolstoi, Putins Berater in Kulturfragen und Ururenkel des Klassikers Leo Tolstoi, vor Übereifer. Ein totales Verbot von «Mat» sei nicht normal. «Es gibt nun einmal Fälle, in denen das Mittel für einen Künstler sein kann, sich selbst auszudrücken», meint Tolstoi.

«Mat - das ist genau die eine Hand, die den Russen schlägt und streichelt», schreibt der Moskauer Autor Viktor Jerofejew im Kapitel «Auf dem Schlachtfeld der russischen Flüche» in seinem Buch «Russische Apokalypse». Russisch schillere mit Worten wie «bljad» (Hure, Nutte), «chui» (Schwanz) oder «chuinja» (Riesenscheiss).

Auch Lehnwörter im Visier der «Sprachpolizisten»

Auch Putin benutze «Mat», wie der Autor 2006 noch feststellt - auch deshalb habe ein «Anti-Mat-Gesetz» keine Chance. «Der Mat ist staatlich geschützt», heisst es in dem Buch.

Die Zeiten ändern sich. Russlands Sprachreiniger haben längst neue Ziele vor Augen. Ein ultranationalistischer Abgeordneter hat einen Gesetzesvorschlag in das Parlament eingebracht, wonach jetzt noch englische und andere ausländische Wörter verboten werden sollen, wenn es dafür auch einen russischen Ausdruck gibt.

(sda/gku/dbe)