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Justiz
«Sie schrie furchtbar und rief um Hilfe»

Oscar Pistorius: Erster Tag im Mordprozess.   Keystone

Bereits die erste Zeugin widerspricht der Darstellung von Oscar Pistorius. Zum Auftakt seines Prozesses plädierte der Sportstar auf «nicht schuldig». Seine Nachbarin Michelle Burger sagte anderes.

Veröffentlicht am 03.03.2014

Südafrikas beinamputierter Sportstar Oscar Pistorius ist gleich zu Beginn seines Mordprozesses in die Klemme geraten: Die erste Zeugin widersprach am Montag Pistorius’ Schilderung vom gewaltsamen Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp am Valentinstag vor einem Jahr.

Pistorius' Nachbarin Michelle Burger sagte, sie habe in der Tatnacht zunächst Schreie eines Mannes, dann einer Frau und danach Schüsse gehört. «Sie schrie furchtbar und rief um Hilfe», berichtete Burger. Sie habe den Eindruck gehabt, dass sich die Frau in Lebensgefahr befunden habe. Zwischen den Schüssen später habe es eine grössere Pause gegeben. Die Nacht sei «sehr traumatisch» gewesen.

An einen Überfall auf Pistorious' Haus geglaubt

Die Wirtschaftsprofessorin schwächte ihre Schilderung auch in einem zweistündigen Kreuzverhör des Pistorius-Verteidigers Barry Roux nicht ab. Sie sagte, sie habe zunächst an einen Überfall im Haus des berühmten Nachbarn geglaubt. Burgers Haus liegt 177 Meter vom Domizil des Angeklagten entfernt.

Pistorius hatte bisher stets behauptet, er habe in der Tatnacht am 14. Februar 2013 keinen Streit mit seiner Freundin Steenkamp gehabt. Auch will er die Schüsse kurz hintereinander abgefeuert haben. Als er durch die geschlossene Badezimmertür schoss, habe er dahinter einen Einbrecher vermutet – nicht das blonde Model.

Pistorius erklärt sich «nicht schuldig»

Der 27-jährige Pistorius bezeichnete sich vor dem Gericht in Pretoria mit schwacher Stimme als «nicht schuldig» im Sinne der Mordanklage. Wie zur Mordanklage erklärte der Paralympics-Star auch zum Vorwurf, er habe gegen das Waffengesetz verstossen, er sei «nicht schuldig».

In einer von seinem Anwalt Kenny Oldwage verlesenen Erklärung bekannte Pistorius erneut, dass er die tödlichen Schüsse auf seine Freundin abgegeben habe, dies sei aber ein «tragischer Unfall» gewesen. «Ich dachte, Reeva sei noch im Bett», erklärte der Angeklagte. «Wir waren in einer liebevollen Beziehung.»
 

Vorsätzlicher Mord


Staatsanwalt Gerrie Nel hingegen betonte, Indizien und Zeugen würden klar die Schuld des südafrikanischen Paralympics-Stars belegen. Er beschuldigte Pistorous des vorsätzlichen Mordes. Der behinderte Profisportler habe seine Freundin mit Absicht und gezielt erschossen, sagte Nel.


Im vollbesetzten Gerichtssaal sassen viele Verwandte und Freunde des Angeklagten und des Opfers. Erstmals überhaupt traf dabei die Mutter des Opfers, Jane Steenkamp, auf den Angeklagten. Die 67-Jährige sass schwarz gekleidet in der ersten Reihe. Sie hatte in einem Interview betont, sie wolle «Pistorius in die Augen sehen». Als Pistorius den Saal betrat, schaute er meist zu Boden, wirkte ernst und bedrückt.


Zunächst 15 Verhandlungstage

Der Prozess soll am Dienstagmorgen fortgesetzt werden. Es sind zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt. Erstmals übertragen mehrere südafrikanische Fernsehsender dabei ein Verfahren live aus dem Gerichtssaal. 300 Journalisten aus dem In- und Ausland hatten sich angesagt. Im Gerichtssaal waren 80 zugelassene Reporter.
Die Verhandlung unter dem Vorsitz der Richterin Thokozile Masipa begann nach Gerichtsangaben wegen der Abwesenheit eines Übersetzers mit 90 Minuten Verspätung. Zudem soll eine Frau versucht haben, dem Gericht neues Entlastungsmaterial über Pistorius zu übergeben.

(sda/me)

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