Die Grenzen zu China hat das Solarflugzeug Solar Impulse 2 (SI2) passiert. Nun schickt sie sich an, den pazifischen Ozean zu bezwingen. Viele Gefahren lauern auf dieser über 8000 Kilometer langen Reise.

Wenn des Nachts die Sonnenstrahlen fehlen, um die Batterien aufzuladen, sinkt das Flugzeug von grösstmöglicher Höhe Meter um Meter - einem Segelflieger gleich - und schaltet die Motoren so wenig wie möglich ein. Wenn der Tag anbricht fliegt es auf geringer Höhe und steigt dann zusammen mit dem Pegel der Batterien stetig auf.

Bis zu -20 Grad kalt

Das hat zur Folge, dass die Flughöhe alle zwölf Stunden um 7000 Meter variiert, wie Daniel Ramseier gegenüber der Nachrichtenagentur SDA erklärt. Er ist verantwortlich für die Ausrüstung der Piloten. Der Höhenunterschied bringt grosse Druck- und Temperaturschwankungen im Cockpit, das weder geheizt noch druckfest ist.

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Am Morgen steigt das Quecksilber bei geringer Höhe und Sonnenschein gut und gerne auf 35 bis 40 Grad Celsius. In der Nacht dagegen, auf 8500 Metern, wird es im Cockpit bis zu -20 Grad kalt. Der Pilot muss ständig Kleiderschichten an- und wieder ausziehen. Ab 3500 Metern Höhe setzt er zudem eine Sauerstoffmaske auf.

Fünf Tage und fünf Nächte

Die dritte Schwierigkeit für den Mann im Cockpit ist der Kampf mit dem Schlaf und die Länge des Fluges. Die siebte Etappe der Weltumrundung zwischen Nanjing und Hawaii beträgt 8127 Kilometer und soll in fünf Tagen und fünf Nächten gemeistert werden. Das macht 120 Flugstunden am Stück für einen Piloten, alleine über dem Pazifik.

Bislang lag der Rekord der Solar Impulse bei 26 Stunden, aufgestellt hat ihn André Borschberg. 1927 war Charles Lindbergh der erste Pilot, der alleine den Atlantik überquerte. Er flog 33 Stunden und 30 Minuten.

Notlandung kaum möglich

Noch etwas erschwert das Unterfangen der SI2: Auf einem Kontinentalflug ist eine Notlandung jederzeit möglich, etwa wenn die Winde ungünstig sind. Auf bewohntem Gebiet gibt es überall Landepisten.

Auf dem Meer dagegen ist die Wahrscheinlichkeit, unverhofft eine Insel inklusive Landebahn zu finden, beinahe bei null. Erst recht, weil die SI2 trotz ihres Federgewichts von 1600 Kilos mit 63 Metern die Spannweite einer Boeing 747 hat.

Nur eine Insel mit Flughafen

Das «Wetterfenster» für den Start öffnet am Dienstag. Nachdem das Flugzeug den Himmel über China verlassen hat, passiert es die koreanische Insel Cheju und überfliegt sodann den Süden Japans. Von da an bleibt bloss noch das Midway-Atoll, 4000 Kilometer entfernt von der japanischen Küste und 2100 Kilometer vor Hawaii. Es ist die einzige Insel in vernünftiger Distanz, die über einen Flughafen verfügt.

Während die Piloten auf den Start warten, bereiten sie sich vor, mit Yoga, Meditation, Autohypnose und Entspannungsübungen. Um fünf Tage durchzuhalten, muss man sich ab und an erholen. Der Mann im Cockpit verbringt 10 bis 15 Mal pro Tag je 20 Minuten im Dämmerschlaf und schaltet auf Autopilot.

Ja nicht den Löffel verlieren

Treten Probleme auf, rütteln vibrierende Armreifen den Piloten wach. Zwar haben Bertrand Piccard und André Borschberg im Flugsimulator in Dübendorf ausgiebig geübt, aber lediglich Flüge bis 72 Stunden. Das Schwierigste kommt jedoch erst am Schluss: Die Landung ist stets am gefährlichsten, sodass der Pilot trotz angestauter Müdigkeit bis zum letzten Moment aufmerksam bleiben muss.

Überhaupt muss er auf alle möglichen und unmöglichen Situationen vorbereitet sein, die Ausrüstung im Cockpit aus dem Effeff kennen und auch das kleinste Objekt jederzeit finden. Daniel Ramseier mahnt, der Löffel, mit dem der Pilot sein Birchermüesli isst, sollte keinesfalls verlegt werden, wie es etwa in der Vergangenheit schon passierte.

Acht Sauerstoffflaschen

Alles muss sorgfältig durchdacht und nichts dem Zufall überlassen werden, denn der kleinste Fehler kann schwerwiegende Folgen haben. Alle zwei bis drei Stunden macht der Pilot Gymnastikübungen, damit er nicht einrostet. Und das, obwohl er die ganze Zeit eine Vorrichtung trägt, die mit einem Fallschirm und einem aufblasbaren Floss verbunden ist, falls er das Cockpit im Flug verlassen müsste.

Für den fünftägigen Überflug hat André Borschberg acht Sauerstoffflaschen im Gepäck, dazu 15 Kilogramm Nahrung und 21 Liter Wasser. Das würde für sechs Tage reichen. Mehr als einen Tag Reserve geben sich die Abenteurer nicht.

(sda/tno/ama)